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Wirtschaft von oben #67 – Weilheim Was macht Huawei in dieser Fabrik in Oberbayern?

In Weilheim hat der chinesische Konzern eine alte Fabrikhalle in seine einzige Fertigungsstätte in Deutschland umgebaut, wie Satellitenbilder zeigen. Was genau Huawei dort herstellt und wie sicherheitsrelevant das möglicherweise ist, darüber rätseln nicht nur die Anwohner. „Wirtschaft von oben“ ist eine Kooperation mit LiveEO.

In Weilheim steht Huaweis einzige deutsche Fertigungsstätte. Doch was der chinesische Konzern dort genau macht, ist ein Rätsel.

Andere Zeiten waren das. Als der chinesische Technologiekonzern Huawei 2017 bekannt gab, mitten im oberbayerischen Städtchen Weilheim eine „Modellfabrik“ zu eröffnen, zeigte sich die Politik hocherfreut. „Wir begrüßen sehr, dass Huawei als weltweit führendes Technologieunternehmen sein Engagement in Bayern ausbaut“, sagte Ilse Aigner (CSU), seinerzeit bayerische Wirtschaftsministerin.

Knapp drei Jahre und eine globale Debatte um Huaweis militärische Verstrickungen später ist von dieser Begeisterung nichts mehr übrig. Stattdessen werden die Fragen lauter, was der Konzern denn nun genau auf dem Gelände treibt. Denn die Forschungsfabrik ist bereits seit Ende 2019 in Betrieb – eine Eröffnungsfeier oder einen anderen Besuch politischer Vertreter des Ortes oder der Landesregierung aber gab es bis heute nicht. Außer den zuständigen Vertretern des Bauamtes und den Mitarbeitern von Huawei hat die Fabrik noch niemand von innen gesehen.

Die Informationen, die Huawei selbst verteilt, sind äußerst spärlich. 70 Mitarbeiter würden in den Hallen arbeiten, bis zu 300 könnten es mal werden. „Der Hauptfokus liegt neben der Forschung und Entwicklung im Bereich Herstellungstechnologien auf dem Testen von Komponenten, etwa im Mobilfunkbereich“, so teilt ein Sprecher mit.

Dass viele Weilheimer gerne ein bisschen mehr über das Treiben in der Fabrik wüssten, liegt an der wachsenden Sorge über die Beziehungen zwischen Huawei und dem chinesischen Staat. Seit Monaten ringt deshalb auch die Bundesregierung darum, ob sie den Konzern gänzlich vom 5G-Ausbau des Mobilfunknetzes ausschließen soll. Die Aktivitäten am Standort Weilheim sind zudem von besonderer Brisanz. Denn: Der Konzern ist neben Verwaltungsstandorten sonst nur mit einem Forschungszentrum in München präsent.

Der Standort ist zwischen 2017 und 2019 auf einem ungenutzten Industriegelände direkt neben der Regionalbahntrasse in Weilheim entstanden, wie Satellitenbilder von LiveEO zeigen. Er scheint neben einer kleinen Anlage in Ismaning der bisher einzige in Deutschland zu sein, an dem tatsächlich produziert oder zumindest an Produkten gearbeitet wird. So zumindest lässt es die anfängliche Beschreibung als „Modellfabrik“ erwarten. Mit der Vernetzung von Industrieanlagen scheint die Fabrik dabei einen besonders sicherheitsrelevanten und geheimdienstlich begehrten Aspekt abzudecken.

Für Huawei-Skeptiker, von denen es inzwischen etwa in der Berliner Politik viele gibt, liegt da die Vermutung nahe, dass der Konzern in Weilheim quasi die Technologie entwickeln und anpassen würde, mit der später der deutsche Mittelstand ausgespäht werden könnte. Der Konzern selbst verweist solche Vermutungen, für die es tatsächlich keine Anhaltspunkte gibt, ins Reich der Verschwörungstheorien. Auch die deutschen Industriepartner hätten diese Sorgen nicht, erklärt der Konzern. „Im Technologieumfeld werden Sicherheitsdiskussionen in der Regel nicht geopolitisch, sondern anhand konkreter technologischer Herausforderungen diskutiert und an pragmatischen Lösungen gearbeitet. Viele Bedenken lassen sich in der konkreten Zusammenarbeit schnell ausräumen.“

Die Aktivitäten in der Weilheimer Fabrik öffentlich machen, das will der Konzern dennoch nicht. Man vertrete hier einen grundlegend anderen Ansatz als westliche Unternehmen, erläutert ein Sprecher. Und veröffentliche Entwicklungen am liebsten erst dann, wenn sie auch zu kaufen seien. Zudem sei in Weilheim noch vieles im Fluss. Was heute dort passiere, sage nicht zwingend etwas darüber aus, woran dort morgen oder in einem Jahr geforscht werde oder was man dort produziere. Die Verschlossenheit verwundert vor allem deshalb, weil Huawei über seine Ideen für Weilheim zu Beginn noch deutlich konkreter sprach. „Wir bauen eine Produktionsstraße auf, aber nicht für eine Massenproduktion“, hatte Torsten Küpper, Vizepräsident von Huawei Technologies Deutschland bei der bis dato einzigen Pressekonferenz Ende 2017 noch erläutert.

Das Vertrauen der Bevölkerung in den Konzern fördert die neue Verschwiegenheit naturgemäß nicht. Vor allem weil die Weilheimer Fabrik an durchaus prominenter Stelle steht, bildet sie doch quasi das Entrée zur Stadt: Wer aus Richtung München mit dem Zug einfährt, der erblickt rechter Hand die Huawei-Fabrik, kurz bevor der Bahnhof erreicht wird. Das Gelände ist gut 41.000 Quadratmeter groß. Gekauft hat es Huawei 2017 von der benachbarten Firma Zarges, einem metallverarbeitenden Unternehmen. Vermittelt wurde der Deal seinerzeit vom bayerischen Wirtschaftsministerium, wie ein Sprecher mitteilt: „Invest in Bavaria hat Huawei bei der Standortsuche unterstützt, das Objekt in Weilheim identifiziert und Kontakte zum Eigentümer hergestellt.“ Eine auf dem Gelände vorhandene Halle wurde von Huawei umgebaut und erweitert.

Beim Landratsamt Weilheim-Schongau lässt sich in Erfahrung bringen, dass Huawei in den Hallen tatsächlich eher zur Fertigung als zur Forschung das Interior errichtet hat. So stellte der Konzern 2017 einen Bauantrag, um eine bestehende Gewerbehalle umbauen und als Produktions- und Bürogebäude nutzen zu können. „Gemäß zugrundeliegender Betriebsbeschreibung im Bauantrag werden im Rahmen des Produktionsvorgangs elektronische Baugruppen unter Zuhilfenahme teilautomatisierter Produktionsanlagen hergestellt“, teilt eine Sprecherin mit.

Im Hintergrund lässt sich aus Huawei-Kreisen zumindest in Andeutungen herausfinden, was der Konzern mit diesen Produktionsanlagen tatsächlich vorhat. Gemeinsam mit Industriepartnern werde dort an Projekten zur vernetzten Fabrik geforscht und entwickelt. Spruchreif aber sei davon noch nichts, gerade die deutschen „Industriepartner“ scheuten sich derzeit, Kooperationen mit Huawei öffentlich zu machen. Der bisher eher bescheidene Personalaufbau soll mit den öffentlich diskutierten Sicherheitsbedenken aber nichts zu tun haben.

Die Rubrik „Wirtschaft von oben“ entsteht in Kooperation mit LiveEO – einer Beteiligung der DvH Ventures. Die Handelsblatt Media Group ist Teil der DvH Medien, zu der auch DvH Ventures gehört.


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