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Wüstenstrom-Initiative DII Das Ende einer heißen Illusion

Die Wüstenstrom-Initiative DII steckt in einer Krise – wieder einmal. Die DII lockt jetzt mit niedrigen Jahresbeiträgen, doch sie muss sich neu erfinden – oder ganz auflösen. Der Mannheimer Konzern Bilfinger steigt bereits aus dem Projekt aus.

Solarenergie als Chance: Strom von Marokko und Algerien nach Europa. Quelle: dpa

DüsseldorfDas Bild beeindruckt: Dicke blaue Linien führen von Marokko und Algerien nach Europa. Sie symbolisieren das Netz, das Strom von Sonnen- und Windkraftwerken aus den Wüsten Nordafrikas nach Europa transportieren soll. „Im Jahr 2050 kann Europa bis zu 20 Prozent seines Stroms aus Afrika sowie den Staaten des Mittleren Ostens importieren“, kündigte Paul van Son an. Er ist Geschäftsführer von DII, der großen „Desertec“-Initiative.

Das war vor knapp zwei Jahren. Van Son stellte „Desertec Power 2050“ vor – eine teure Studie, erstellt mit dem Fraunhofer Institut ISI.

Doch solche Studien wird es nicht mehr geben. Die Zeiten haben sich geändert für das Wüstenstrom-Projekt. Große Unternehmen verlassen die DII, und damit schrumpft das Budget. Zudem erscheint es unrealistischer denn je, dass Europa jemals größere Mengen Strom aus Afrika beziehen wird.

Auch Eon hat kein Interesse mehr. Der Düsseldorfer Energiekonzern steigt Ende des Jahres aus. „Wir konzentrieren uns auf unsere eigenen Projekte“, sagt ein Eon-Sprecher. Aus dem Gesellschafterkreis desertiert auch die HSH Nordbank.

Das ist ein herber finanzieller Verlust für die DII. Eon alleine zahlte jedes Jahr rund 130.000 Euro Mitgliedsbeitrag. Das ist viel bei einem Etat, den ein DII-Sprecher mit „unter fünf Millionen Euro“ beschrieb. Nunmehr fehlt den knapp 30 Mitarbeitern der DII künftig das Eon-Know-how. Der Energiekonzern hatte drei Jahre einen Mitarbeiter für das Projekt abgestellt.

Es besteht die Gefahr, dass weitere der heute noch 20 Gesellschafter und 17 assoziierten Partner zum Jahresende aussteigen. Die große Euphorie für den Strom aus der Wüste, die Anfang 2009 bei der Gründung der DII herrschte, ist verflogen. Van Son gibt sich dennoch optimistisch. „Die Mehrzahl unserer verbleibenden 18 Gesellschafter hat uns jetzt schon gesagt, dass sie bleiben werden“, sagt er dem Handelsblatt. Dazu gehört der Energiekonzern RWE. Er hält „die DII nach wie vor für ein gutes Projekt“, führt ein Sprecher aus. RWE verfolgt selbst ein Projekt in Marokko.

Doch die Initiative bröckelt weiter. „Wir werden den Ende 2014 auslaufenden Vertrag nicht verlängern“, sagt ein Sprecher von Bilfinger aus Mannheim. Der Industriedienstleister gehört bislang zu den assoziierten Partnern. Als Grund nennt Bilfinger, dass „sich die DII von einer Industrie-Initiative, die konkrete Projekte umsetzen will, zu einer verbandsähnlichen Interessenvertretung entwickelt hat“.


Radikaler Wandel in der Ökostrom-Landschaft

Auch Siemens und Bosch hatten sich beizeiten zurückgezogen. Und selbst der Mitgründer, die Desertec-Stiftung, hat die Organisation nach einem Richtungsstreit verlassen.

Die Stiftung hatte die Idee entwickelt, die Wüsten Nordafrikas und des Nahen Ostens als Energiequelle zu nutzen. Dort sollten große Wind- und Solarkraftwerke entstehen, um diese Region, aber auch das weit entfernte Europa mit Strom zu versorgen. Schnell beteiligten sich 2009 große Konzerne wie Munich Re, Deutsche Bank und RWE an der DII in München. Und viele weitere kamen hinzu.

Doch die Ökostrom-Landschaft hat sich seitdem radikal gewandelt. So haben Privathaushalte und Firmen in Deutschland in Tausende Wind- und Solaranlagen investiert. Sie versuchen, sich selbst mit grünem Strom zu versorgen. So wird Deutschland unabhängiger von Energie aus Kohle- und Atomkraftwerken - und von Strom aus der Wüste. Ähnliches gilt für andere europäische Länder.

Das zerstört eine der Ideen des Projekts. Die DII kann deshalb nur überleben, wenn sie sich neu erfindet. Van Son will sich noch stärker auf das "Anschieben von Projekten" konzentrieren. So will er künftig vor allem Solar- und Windparks für die Staaten in Nordafrika und im Nahen Osten entwickeln. Die DII hat Unternehmen und Organisationen dieser Staaten bereits bei vielen Projekten beraten. Gleichzeitig will er weg von den großen generellen Studien - und hin zu konkreteren Themen.

Damit nichts schiefgeht, gibt es beim Gesellschafterkreis eine neue Arbeitsgruppe. Sie denkt über Budgets und neue Geschäftsfelder nach.

Doch das alleine kann die DII nicht retten. Van Son muss die Lücken im Gesellschafterkreis schnell wieder schließen, um die Finanzierung zu sichern. „Wir sehen ein wachsendes Interesse bei Unternehmen aus dem asiatischen und arabischen Raum“, sagt er. „Wir führen aber auch Gespräche mit deutschen Unternehmen.“ Namen nennt er nicht.

Zauderer will er mit einem Sparpreis locken. „Die Jahresbeiträge reichen jetzt je nach Mitgliedschaft von 125.000 bis 5000 Euro.“ Zuvor waren mindestens 75.000 Euro jährlich fällig.

Doch die Zweifel am Gelingen der neuen Strategie bleiben. Ein Manager aus einem der beteiligten Firmen bedenkt: „Die DII hat kein Alleinstellungsmerkmal mehr.“

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