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Zahlungsverkehr Ist die deutsche Liebe zum Bargeld ein Innovationskiller?

Die Deutschen lieben Münzen und Scheine: Diese Zurückhaltung bei bargeldlosen Transaktionen bremst die technologische Entwicklung. Attraktive Angebote der Banken fehlen, bemängelt eine aktuelle Untersuchung.

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Der Trend geht zum bargeldlosen Bezahlen. Quelle: dpa

Berlin Die Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG) sorgt sich um den Zahlungsverkehrsstandort. „Deutschland war einmal Vorreiter bei Innovationen im Zahlungsbereich und im elektronischen Zahlungsverkehr, droht aber jetzt den Anschluss zu verlieren“, warnt Niclas Storz, BCG-Seniorpartner in dem Report „Global Payments 2017“. Dieser liegt dem Handelsblatt exklusiv vor.

Storz macht diese Entwicklung auch an der wachsenden Kluft zwischen Ländern im bargeldlosen Zahlen fest. BCG zählt Deutschland neben Italien und Spanien hier zu den Nachzüglern. Zwischen 2010 und 2016 wuchsen die bargeldlosen Zahlungen in Deutschland jährlich um sieben Prozent der Transaktionen pro Kopf. Und für die Zukunft ist BCG eher pessimistisch gestimmt. Bargeldlose Transaktionen sollen in Deutschland bis 2026 lediglich um jährlich drei Prozent zunehmen.

Dahinter steckt die Annahme, dass der in den vergangenen Jahren für deutsche Verhältnisse relativ starke Anstieg von Kreditkartenzahlungen und Onlineüberweisungen in der Zukunft keine Fortsetzung findet. Absoluter Favorit der Deutschen bei bargeldlosen Zahlungen ist das elektronische Lastschriftverfahren, also das Zahlen mit einer Debitcard und Unterschrift im Einzelhandel. 51 Prozent aller bargeldlosen Zahlungen entfielen auf dieses Verfahren.

Weltweit Spitzenpositionen bei bargeldlosen Transaktionen nehmen Länder wie USA, Australien und Großbritannien ein. In Kontinentaleuropa dominieren skandinavische Länder wie Norwegen, Finnland und Schweden. „Teilweise wird in Skandinavien gar kein Bargeld mehr als Zahlung akzeptiert“, bemerkt Storz.
BCG sieht hier auch die Banken in der Pflicht – schon in deren Eigeninteresse. Wenn die Kreditinstitute es nicht schafften, schnelle und einfachere Interaktionsmöglichkeiten mit den Kunden zu entwickeln, würden die Kunden abwandern und die Erträge erodieren.

Es gebe nicht ausreichend bargeldlose Bezahlmöglichkeiten – insbesondere für kleinere Beträge werde hierzulande oft noch ausschließlich Bargeldzahlung akzeptiert und eine Kartenzahlung verwehrt, heißt es. „Restaurantbesuche und Lebensmittel werden mehr als doppelt so oft bar bezahlt wie im europäischen Durchschnitt“, bemerkt BCG-Partner Holger Sachse. Hinzu komme ein tief verwurzeltes Misstrauen. „Nur ein Viertel der deutschen Verbraucher glauben, das bargeldlose Zahlungen sicher sind“, so Sachse.

Nicht alle sind so pessimistisch wie BCG. So sieht Visa-Manager Albrecht Kiel beispielsweise eine „rasante Entwicklung des kontaktlosen Bezahlens in Deutschland. „ Wir gehen davon aus, dass in absehbarer Zeit an 75 Prozent aller Terminals in Deutschland kontaktlos bezahlt werden kann“, so Kiel. Das wiederum würde auch das mobile Bezahlen befeuern.

Noch ist nicht klar, ob die Bargeld-Liebe der Deutschen die technologische Entwicklung beeinträchtigt. „Deutschland ist kein Entwicklungsland im Zahlungsverkehr. Wir haben eine gewachsene Infrastruktur“, sagte beispielsweise Thomas Ullrich, Vorstandsmitglieder der DZ Bank auf einer Handelsblatt-Veranstaltung. Afrikanische Länder, China oder Indien könnten ganz andere Wachstumsraten im bargeldlosen Bezahlmöglichkeiten erzielen, da sie über keine vergleichbare Infrastruktur verfügen.

Unbestritten hat sich der weltweite Zahlungsverkehr dramatisch verändert. „Vor zehn Jahren hatten die Konsumenten beim Bezahlen die Wahl zwischen Kreditkarte und Barzahlung – heute gibt es Dutzende von Möglichkeiten“, heißt es im „Global Payments 2017“-Report.

Die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs hat dazu geführt, dass Banken ihre einstige Domäne mit vielen Anbietern teilen müssen. Und wie der Wettbewerb ausgeht, ist alles andere als klar. Denn dieser lukrative Markt zieht nicht nur Giganten wie die Hersteller Apple und Samsung an, sondern auch Technologieunternehmen wie Google und Facebook, globale Händler wie Amazon und Ali Baba, – von den Tausenden von Finanztechnologie-Start-ups, die eigene Zahlungslösungen anbieten, einmal ganz abgesehen.

Die nächste Herausforderung steht bereits vor der Tür. Von der Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 der Europäischen Union ist die Rede. Ab 2018 müssen Kreditinstitute Drittanbietern Zugang zu Kundeninformationen gewähren. Der Datenschatz muss also geteilt werden, sofern der Kunde seine Zustimmung gibt. Viele Geschäftsmodelle von Banken, die auf einen exklusiven Zugang zu „ihren“ Kunden setzten, sind bedroht. „PSD2 wird die Innovation beschleunigen und den Wettbewerb verschärfen“, heißt es im Payment-Report.

Kürzlich hieß es, dass Amazon und Alibaba bei der Finanzaufsicht Bafin Interesse an einem PSD 2-Zertifikat bekundet hätten. Die Banken müssen sich warm anziehen.

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