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Zentralbank Bürger aus Euro-Ländern kritisieren EZB-Niedrigzinspolitik

Mehr als die Hälfte der befragten EU-Bürger ist nicht einverstanden mit der Niedrigzinspolitik der EZB. Niedrige Renditen würden sie zu Anlagerisiken zwingen.

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Die Europäische Zentralbank hält seit Jahren an einer Niedrigzinspolitik fest. Quelle: dpa

Bürger der Euro-Staaten haben einer EZB-Umfrage zufolge der jahrelangen Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ein überwiegend schlechtes Zeugnis ausgestellt. Mehr als die Hälfte der Befragten äußerte Kritik an den ultratiefen Zinsen, wie aus den Ergebnissen einer Bürgerumfrage der EZB hervorgeht, die die Notenbank am Montag veröffentlichte. Nur in etwas mehr als zehn Prozent der Antworten wurden die Folgen der niedrigen Zinsen und der expansiven Geldpolitik positiv beurteilt.

Die EZB hatte zur Bekämpfung der jahrelangen wirtschaftlichen Flaute im Euro-Raum ihre Leitzinsen immer tiefer gesenkt und Staatsanleihekäufe im Billionenvolumen aufgelegt. Der Einlagesatz liegt seit 2014 sogar im negativen Bereich – aktuell steht er bei minus 0,5 Prozent.

Das Minuszeichen bedeutet, dass Geldhäuser Strafzinsen zahlen müssen, wenn sie bei der Notenbank überschüssige Gelder parken. Der Leitzins zur Versorgung der Institute mit Liquidität liegt seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Angesichts der Coronakrise ist ein Ende der tiefen Zinsen nicht in Sicht.

Bürger kritisierten in der Umfrage laut EZB unter anderem, dass niedrige Renditen sie dazu zwingen würden, größere Anlagerisiken einzugehen, wie beispielsweise in Aktien zu investieren. „(Niedrige Zinsen) zwingen mich dazu, risikoreicher anzulegen, als es in dieser Phase meines Lebens vernünftig wäre“, habe etwa eine Antwort gelautet.

Die geringen Erträge auf Spareinlagen seien ein häufig genannter Grund für die Kritik gewesen: „Was soll man mit Ersparnissen anfangen, wenn die Besteuerung höher ist als der Zinssatz?“, habe ein Befragter wissen wollen. In der Umfrage waren mehr als 40 Prozent der Teilnehmer über 55 Jahre alt.

Auch Verzerrungen an den Finanz- und Immobilienmärkten und die Angst vor Spekulationsblasen wurden laut EZB angesprochen. „Die Geldpolitik hat zu einer Immobilienblase geführt und Zombiefirmen und -banken am Leben erhalten“, zitierte die Notenbank aus der Umfrage. Zudem verstärkten die tiefen Zinsen auch die Ungleichheit „indem sie die Taschen derjenigen füllen, die bereits über Finanzvermögen verfügen“, habe eine Antwort gelautet.

Laut EZB habe es nur wenige Antworten gegeben, in denen die Niedrigzinspolitik positiv bewertet wurde. Der am meisten genannte Grund sei, dass die lockere Geldpolitik zur wirtschaftlichen Stabilität im Euro-Raum und zur Erhöhung der Beschäftigung beitrage. „Niedrige Zinssätze waren für die Wirtschaft insgesamt von Vorteil. Noch wichtiger ist jedoch, dass die quantitative Lockerung die Wirtschaft stabilisiert hat“, zitierte die EZB.

Die Euro-Notenbank hatte im Rahmen ihres großen Strategiechecks im Februar 2020 das Webportal „Die EZB hört zu“ freigeschaltet. Bürger der Euro-Länder wurden aufgefordert, 13 Fragen zu beantworten. Themen waren unter anderem Preisstabilität, die Wirtschaftsentwicklung und die Kommunikation. Die Notenbank erhielt mehr als 3900 Antworten, die sie jetzt ausgewertet hat. 27 Prozent der Antworten kamen aus den Niederlanden, 25 Prozent aus Deutschland und zehn Prozent aus Frankreich.

Mehr: Die EZB hält an ihrer ultralockeren Geldpolitik fest, weitere Konjunkturhilfen sind möglich. Die Pressekonferenz mit EZB-Präsidentin Christine Lagarde zum Nachlesen.

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