Wiwo History Durchbruch: Die Hermes-Bürgschaften: 1926 erfunden, beliebt und umstritten – und noch immer in Kraft
Als der liberale Politiker Julius Curtius 1926 sein Amt als Wirtschaftsminister antritt, steht er vor einer schwierigen Aufgabe. Um den Export anzukurbeln, hat Deutschland sich in den Jahren zuvor für die Handelsliberalisierung eingesetzt und einseitig Zölle abgesenkt – in der Hoffnung, die Partnerländer würden entsprechend reagieren. Doch das tun sie nicht, weshalb die heimische Wirtschaft unter Druck gerät und Existenzsorgen verbreitet sind. Curtius sagt in einer Rede vor dem Reichstag im März: „Wir haben kein anderes Mittel, als durch gesteigerte handelspolitische Aktivität einen Kampf um Deutschlands Stellung in der Welt wieder aufzunehmen.“
Neue Ideen zur Exportförderung müssen her. Entsprechend interessiert reagieren Curtius und seine Beamten auf eine Idee des Berliner Bankiers Hermann Hecht: Die Regierung soll deutsche Exporte über eine spezielle Versicherung fördern, die Unternehmen bei Zahlungsausfällen entschädigt, wenn die betroffenen Waren bereits das Land verlassen haben. Ein Partner ist schnell gefunden: die Hermes Kreditversicherungs AG, 1917 gegründet und auf die Vergabe von Krediten an Exporteure spezialisiert. Heute gehört sie zum Allianz-Konzern. Ihr und einer weiteren Versicherung wird zugesagt, dass bei bestimmten Kreditausfällen der deutsche Staat als Rückversicherer einspringen werde: Die Hermes-Bürgschaften, später Hermesdeckungen, sind geboren.
Die Nachfrage nach den besicherten Krediten steigt schnell, knapp 10 Prozent aller Exporte haben bald eine Hermes-Bürgschaft im Rücken, vor allem eine Linie für Ausfuhren in die Sowjetunion wird stark genutzt. Der erhoffte Erfolg aber, so der Historiker Jan-Otmar Hesse, bleibt aus: „Das für den Ausgleich der Handelsbilanz notwendige zusätzliche Exportvolumen ergab sich hieraus nicht.“
In guter Erinnerung bleibt das Instrument dennoch. Und wird kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs reaktiviert. Seither gehören Hermesdeckungen zum Inventar der deutschen Außenwirtschaftspolitik; bis heute haben sie eine große Bedeutung. Die niedersächsische Meyer Werft etwa, deren staatliche Rettung derzeit im Raum steht, nutzte zuletzt Deckungen in dreistelliger Millionenhöhe, um Schiffslieferungen abzusichern. Insgesamt fließen pro Jahr rund 20 Milliarden Euro. Und meist ist das Förderinstrument für den Bund ein gutes Geschäft: Zuletzt blieben, trotz einiger Ausfälle, 700 Millionen Euro Gewinn von den Zinseinnahmen übrig.
Dennoch gibt es immer wieder Streit um einzelne Hermes-gedeckte Projekte. In den 1990er-Jahren etwa, als Lieferungen für den Drei-Schluchten-Damm in China besichert werden: Der Bau erfordert große Umsiedlungen und massive Eingriffe in die Umwelt. Auch Atomprojekte deutscher Unternehmen werden zu dieser Zeit noch mit den Krediten besichert – während zu Hause der Atomausstieg beschlossen wird.
Immer wieder werden seither schärfere Vorgaben für die Vergabe der Deckungen gefordert. Grundsätzlich infrage gestellt aber hat das bald 100 Jahre alte System bis heute niemand.
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Dieser Artikel erscheint in unserer Reihe WiWo History