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Konflikt mit dem Libanon„Israels Einmarsch wäre ein schwerer Fehler“

Die israelische Armee bereitet sich auf eine Bodenoffensive im Libanon vor. Sicherheitsfachleute sehen den Plan kritisch.Max Biederbeck 26.09.2024 - 13:57 Uhr

Stehen israelische Truppen auch bald im Libanon?

Foto: Ilia Yefimovich/dpa

Herzi Halevi hockt auf einem Stein zwischen seinen Soldaten. Sein Sturmgewehr hat er lässig über das rechte Knie gelehnt, seine Ansage klingt ruhig und vertraut. Die Szene wirkt wie aus einem Kinofilm. Doch was Israels Armeechef seinen Leuten am Mittwoch erklärt, könnte eine Zäsur bedeuten, wie sie Israel seit 18 Jahren nicht erlebt hat. 

„Ihr könnt die Flugzeuge hier hören, wir greifen den ganzen Tag über an“, sagt Halevi, „um den Boden für einen möglichen Einmarsch vorzubereiten.“ Von einem Kamerateam festgehalten, verbreiten sich seine Worte in nur wenigen Minuten über die Nachrichtenticker der ganzen Welt. 

Was vor rund zwei Wochen mit einer ebenfalls ziemlich netflix-haften Szene begann, nämlich der ferngesteuerten Detonation von tausenden Pagern der libanesischen Hisbollah-Eliten, was dann über Bombardements der israelischen Luftwaffe im Südlibanon eskalierte, das könnte jetzt in einem Einmarsch israelischer Soldaten im Libanon münden. 

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Ein Bodenangriff ist laut Halevi möglich. „Geht rein, zerstört den Feind dort, zerstört die Infrastruktur“, sagt der Soldat seinen Offizieren im Videoclip. Und das, obwohl Israels wichtigste Verbündete seit Tagen nach Kräften versuchen, eine Eskalation zu verhindern. 

Die US-Position scheint klar: „Der beste Weg, diese Angelegenheit zu klären, ist durch Diplomatie, nicht durch Krieg“, erklärte US-Außenminister Anthony Blinken. Bundeskanzler Olaf Scholz setzt ebenfalls auf eine diplomatische Lösung. Er telefonierte noch am Mittwochabend mit dem libanesischen Premier Najib Mikati. Ziel müsse sein, dass die Menschen in Israel und im Libanon in Frieden und Sicherheit leben können, zitierte ein Regierungssprecher aus dem Telefonat. 

Dreiwöchige Kampfpause gefordert

Eine ganze Gruppe an Staaten, inklusive Deutschland und der arabischen Nachbarn Israels, fordern eine dreiwöchige Kampfpause. „Wir haben in den letzten Stunden wichtige Fortschritte erzielt und werden unsere Bemühungen in den kommenden Stunden fortsetzen“, erklärte der französische Außenminister Jean-Noel Barrot vor einer Sitzung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen (UN). Selbst der verfeindete Iran hält sich ob der aktuellen Entwicklungen geradezu auffallend zurück. Aber bisher geht die Eskalation weiter: Noch am Mittwochabend erklärten die Israel Defense Forces (IDF) die Mobilisierung zweier ihrer Reservisten-Brigaden im Norden des Landes.

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Dahinter steckt die Absicht der Regierung von Benjamin Netanyahu, den Druck auf die Hisbollah in kurzer Zeit massiv zu erhöhen. Vor allem, nachdem eine Langstreckenrakete der Terrorgruppe es am Mittwoch fast bis nach Tel-Aviv schaffte. Die israelische Taktik zielt darauf ab, die Islamisten schnell aus den Grenzgebieten zu vertreiben. Und mit Waffengewalt deren Schwächung auf ganzer Linie zu erwirken.

Was gegen eine Bodenoffensive spricht

Schnell muss es auch deshalb gehen, weil ein lang anhaltender Zweifrontenkrieg in Gaza und im Libanon kaum im Interesse der Israelis sein kann. Die wirtschaftlichen Ressourcen Israels sind endlich. Zwar sorgen die USA als wichtigster Verbündeter für einen geradezu endlosen Zustrom an Ausrüstung für die Armee. Dennoch könnte die IDF im Falle eines länger dauernden Konflikts personelle Probleme bekommen. Allein das spricht gegen eine Bodenoffensive.

Die Kampfkraft der israelischen Armee beruht auf Wehrdienstleistenden und noch entscheidender: auf Reservisten. Letztere fehlen der heimischen Industrie schon seit Beginn des Gaza-Kriegs schmerzlich. Ein Umstand, der die Regierung in Jerusalem monatlich Ausgleichszahlungen in Millionenhöhe für die Unternehmen kostet. „Solche ökonomischen Faktoren sprechen gegen eine hohe Durchhaltefähigkeit des Militärs und sind vermutlich ein Grund für die Eile und die Härte der Regierung von Netanyahu“, sagt Nahost-Experte Jan Busse von der Universität der Bundeswehr in München. Das bedeute allerdings gleichzeitig, dass Israel kein echtes Interesse an einem offenen Krieg haben könne, der den Fokus weg vom Material und hin auf das Personal lenkt. Zumal die eigene Armee mittlerweile seit Monaten im Gaza-Krieg gebunden ist.

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Dabei sind Sicherheitsfachleute sich ziemlich einig. „Israel braucht keine Bodenoffensive, weil seine aktuelle militärische Strategie bereits gut funktioniert“, sagt Nahost-Expertin Hanin Ghaddar vom Washington Institute for Near East Policy. Die Hisbollah habe bereits kritische Waffensysteme verloren, wichtige Anführer seien getötet worden und der Support der Terrorgruppe in der libanesischen Bevölkerung schwinde rasant. In der Ankündigung eines Bodenangriffs der Israelis sieht Ghaddar deshalb eher eine „psychologische Drohung“ als einen tatsächlichen Aktionsplan. 

„Sollte es dennoch zu einem Einmarsch kommen, wäre das ein schwerer Fehler“, ist die Expertin überzeugt. Israelische Soldatinnen und Soldaten könnten im Libanon leichter ins Visier der lokalen Hisbollah-Kämpfer geraten, die sich besser mit dem Gelände auskennen. Wichtiger noch, die Islamisten könnten durch eine Invasion erneut eine Erzählung des Widerstands aufbauen und dadurch neuen Support im Libanon gewinnen. Dies sei in der Geschichte des Israel-Hisbollah-Konflikts schon öfter der Fall gewesen, sagt Ghaddar, und habe „für die Israelis nie ein gutes Ende genommen“.

Allerdings hat die Hardliner-Regierung in Jerusalem nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober in Israel längst die alten Logiken des Nahost-Konflikts verlassen. Bereits im Gaza-Krieg hat Premierminister Benjamin Netanyahu entgegen aller Diplomatie-Versuche von außen den Bodenangriff befohlen. Wohl auch, weil sein eigenes politisches Überleben vom stetigen Konflikt abhängig ist. 

Am Donnerstag hat sein Büro einen Bericht dementiert, wonach Netanjahu bereits grünes Licht für eine Waffenruhe mit der Hisbollah-Miliz gegeben haben soll. „Es handelt sich um einen US-französischen Vorschlag, auf den der Ministerpräsident noch nicht einmal reagiert hat“, teilte das Büro mit: „Der Ministerpräsident hat die Armee angewiesen, den Kampf mit voller Kraft fortzusetzen.“  

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