Winterblues: „Flexible Arbeitszeiten helfen, noch etwas Tageslicht abzubekommen“
Viele Menschen fühlen sich in den trüben Wintermonaten ausgelaugt und lustlos. Ein Begriff fällt dabei oft: der des Winterblues. Darunter leidet nicht nur das Privatleben, auch der Arbeitsalltag wird zunehmend zur Last. Arbeitspsychologin Romana Dreyer von der Universität Hamburg erklärt, wie Sie dem Stimmungstief vorbeugen können – und was hilft, wenn Sie schon mittendrinstecken.
WirtschaftsWoche: Frau Dreyer, bei miesem, grauem Wetter und wenig Tageslicht klagen viele Menschen über Antriebslosigkeit. Woran erkennt man eigentlich einen Winterblues?
Romana Dreyer: Was wir als Winterblues verstehen, ist eine abgeschwächte Form der Winterdepression. Die Winterdepression heißt auch Seasonal Affective Disorder (SAD). Kennzeichnend ist, dass sowohl Winterdepression als auch Winterblues im Herbst und über den Winter auftreten. Mit Ankunft des Frühlings verbessern sich die Symptome. Betroffene Menschen fühlen sich niedergeschlagen und antriebslos. Sie fangen an zu grübeln, verlieren das Interesse an alltäglichen Dingen und ziehen sich auch sozial zurück. Besonders bei der Winterdepression sind ein erhöhtes Schlafbedürfnis und ein vermehrter Appetit, etwa Heißhunger auf Süßigkeiten. Personen mit Winterblues haben weniger schwere Symptome, erleben aber auch einen Leidensdruck.
Wie kommt es dazu, dass sich die Stimmung vieler Menschen in dieser Jahreszeit negativ verändert?
Dadurch, dass es in dieser Jahreszeit weniger Tageslicht gibt. Wenig Tageslicht führt zu einem Ungleichgewicht des Melatonin- und Serotoninspiegels. Während Serotonin stimmungsaufhellend ist, sorgt Melatonin dafür, dass wir müde werden. Auch zu wenig Vitamin D wird häufig als eine der Ursachen genannt.
Licht hat also einen großen Einfluss?
Ja. Deshalb hilft zum Beispiel auch Lichttherapie so gut gegen Winterdepressionen und Winterblues. Wie wichtig Tageslicht ist, ist in Ländern wie den USA zu erkennen, die sich über verschiedene Breitengrade erstrecken. Studien zeigen: In südlich gelegenen Staaten, zum Beispiel in Florida, gibt es kaum Menschen, die unter Winterblues leiden. In nördlichen Bundesstaaten ist das anders. In Alaska ist Winterblues sehr verbreitet. Länder, die nahe am Äquator liegen, kennen saisonal abhängige, depressive Verstimmungen dagegen nicht.
Und wie groß ist das Thema Winterblues in Deutschland?
Für Deutschland kenne ich speziell zum Winterblues keine Daten. Es gibt allerdings Daten aus Nationen wie Großbritannien, die man in etwa mit Deutschland vergleichen kann. Und hier zeigt sich, dass etwa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung mit Winterblues zu kämpfen haben. Zwei Prozent haben eine Winterdepression. Aus Stockholm gibt es die Zahl, dass 14 Prozent an Winterblues leiden.
Schätzungsweise fünfzehn bis zwanzig Prozent der deutschen Bevölkerung könnten also mit Winterblues zu kämpfen haben. Welche Personen sind anfällig dafür?
Menschen mit ungesunder Ernährung, wenig Bewegung und chronischem Stress haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, Winterblues zu erleiden. Ebenso bedeutend sind aber auch biologische Faktoren und Genetik. Die Studien zu Winterblues legen zum Beispiel nahe, dass mehr Frauen als Männer betroffen sind. Es gibt die Annahme, dass dies mit einem komplexeren Hormonhaushalt zu tun hat. Auch die höheren Anforderungen an Care-Arbeit spielen da sicher eine Rolle.
Von Depressionen wissen wir zudem: Bei Menschen, die Critical-Life-Events – also besonders einschneidende Erfahrungen – durchmachen, ist die Wahrscheinlichkeit, zu erkranken, höher. Ein Critical-Life-Event ist zum Beispiel der Verlust oder Tod eines Menschen aus dem nahen Umfeld.
Der Beruf spielt also nur eine ungeordnete Rolle?
Der Beruf und der Arbeitsplatz sind natürlich etwas, wo Menschen einen Großteil ihrer Wachzeit verbringen. Deshalb sollte dort nach Stellschrauben geschaut werden. Die Verbindung von gut gestalteter Arbeit und mentaler Gesundheit ist belegt. Gerade flexible Arbeitszeiten helfen, noch etwas Tageslicht vor oder nach der Arbeit abzubekommen. Und auch den Urlaub so planen zu können, dass der Vitamin-D-Spiegel vor dem Winter ausreichend gefüllt ist: Das sind präventive Maßnahmen, mit denen man dem Winterblues entkommen kann. In manchen Berufen, zum Beispiel im Schichtdienst in der Pflege, sind Pausen und flexible Zeiten aber nicht einfach so möglich.
Auch in anderen Berufen ist die Winterzeit nicht gerade die unstressigste Zeit: Wenn Jahresabschlüsse fertig werden müssen und Termine rund um den Jahreswechsel erledigt werden sollen, kann das belastend wirken.
Und ab wann sollte man sich Sorgen machen?
Ich würde sagen, wenn jemand merkt, dass er deutlich über zwei Wochen lang überhaupt keine Freude mehr empfindet oder starke Probleme hat, sich zu konzentrieren. Wenn die Person gerne vor die Tür gegangen ist, Bücher gelesen hat – oder zum Beispiel in der Weihnachtszeit Freude daran hatte, Plätzchen zu backen –, sich aber gar nicht mehr für all diese Dinge interessiert, dann ist es ratsam, sich Hilfe zu suchen.
Sie haben die präventiven Maßnahmen gegen Winterblues erwähnt. Man kann also selbst viel tun. Wie lauten denn Ihre wichtigsten Empfehlungen gegen Winterblues?
Ich empfehle, auf das eigene Stresslevel zu achten und frühzeitig nach Möglichkeiten zur Entlastung zu suchen: Zeiten und Orte für Erholungserfahrungen und Kontakt zu Freunden zu etablieren. Das Jahr vorausschauend planen, um nicht zu viel in die letzten vier Wochen des Jahres zu legen. Und sich zu Weihnachten vielleicht nicht noch den allergrößten Stress mit den Geschenken zu machen. Bewegung draußen, auch an einem bewölkten Tag, ist zudem wichtig. Auch, wenn es mal schwerfällt. Es würde aber zynisch klingen, jemandem, der wirklich eine schwere Winterdepression hat, zu sagen: „Geh spazieren. Dann geht es dir besser.“ In so einem Fall sind therapeutische und medikamentöse Unterstützung notwendig.
Was empfehlen Sie Unternehmen, wenn diese ihre Mitarbeiter für die Winterzeit wappnen möchten?
Öfter mal in den Betrieb reinzuhören und systematisch Stressquellen zu beseitigen, würde ich sagen. Ein gutes Betriebsklima erleichtert grundsätzlich den Austausch über mentale und emotionale Herausforderungen. Die meisten Menschen sind soziale Wesen. Denen hilft der regelmäßige und gute Kontakt zu ihren Arbeitskollegen.
In der Arbeitswelt existiert jedoch sehr wenig gute Forschung zu Winterblues. Es gibt aber zum Beispiel eine Leitlinie zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung, an der Arbeitgeber sich orientieren können. Auch einfache Angebote wie Betriebssport können schon helfen, Mitarbeitern einen niedrigschwelligen Zugang zu Bewegung zu ermöglichen.
Hinweis: Dieses Interview erschien erstmals am 6. Dezember 2025 bei der WirtschaftsWoche. Wir haben es aktualisiert und zeigen es aufgrund des Leserinteresses erneut.
Lesen Sie auch: Glücksforscher warnen vor Krise der psychischen Gesundheit