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Veränderter Azubi-Markt „Die Betriebe sind total überfordert“

Viele Ausbildungsplätze in Deutschland bleiben unbesetzt. Quelle: dpa

Immer weniger Jugendliche haben Lust auf eine Berufsausbildung. Betriebe sind ratlos, wie sie sich heutigen Jugendlichen präsentieren müssen. Manche brauchen Berater, andere Unternehmer setzen sogar schon auf Kopfgeld.

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Ein Dienstwagen für den Lehrling in der Bäckerei? Boni für Azubis, die pünktlich zur Arbeit erscheinen? Die Zeiten, in denen es sich der Chef leisten konnte, Berufsanfänger mit dem Spruch „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ zu vertrösten, sind vorbei.

Mittlerweile hat er Probleme mit dem Nachwuchs: Selbst wenn sich Firmen zuletzt dank der Zuwanderung bei der Suche nach Lehrlingen etwas leichter taten: 157.000 von 556.000 Ausbildungsplätze waren Mitte August bundesweit noch unbesetzt. Im vergangenen Jahr bekam ein Viertel der Unternehmen keine einzige Bewerbung auf ihre ausgeschriebenen Stellen.

Die jungen Menschen fehlen im Alltagsgeschäft und sie fehlen in der Zukunft. Der Azubi-Mangel von heute ist der Fachkräfte-Mangel von morgen. Die Jugendlichen von heute haben mehr Macht. Nicht, weil sie eine große Gruppe sind, sondern – im Gegenteil – weil sie immer weniger werden.

Es ist die Generation der geburtenschwache Jahrgänge der 2000er-Jahre, die nun im arbeitsfähigen Alter ist. Nur entscheidet sie sich immer häufiger für Abitur statt Lehre. Während Anfang der 1990er rund ein Viertel der Jugendlichen das Abitur machte, sind es heute über 40 Prozent eines Jahrgangs, die sich für Universitäten und Hochschulen qualifizieren. Gleichzeitig ist die Zahl junger Menschen geschrumpft. Allein seit 1990 ging der Anteil der Unter-25-Jährigen von 30 auf unter 25 Prozent zurück. Kurzum: Es gibt immer weniger – und die machen was anderes.

Viele Unternehmen sind mittlerweile so verzweifelt, dass sie Schülerinnen und Schüler umwerben wie Superstars. Die einen locken mit einem neuen Smartphone, andere versuchen ihr Glück mit Headhuntern oder Youtube-Influencern.

„Die Wertschätzung gegenüber den jungen Auszubildenden spielte damals eher keine Rolle. Die Betriebe konnten sich ihre Lehrlinge schließlich aussuchen. Das hat sich komplett geändert“, sagt Sandra Warden, Geschäftsführerin beim Branchenverband DEHOGA. „Viele Unternehmen haben das Problem, dass sie nie gelernt haben, professionelle Personalarbeit zu betreiben“, sagt Warden.

Die Bäckerei, der Dachdecker oder die Werkstatt, die es besser machen wollen, können sich an Reinhard Schuh wenden. Er fragt alle, die verzweifelte Azubis suchen als erstes, ob sie bereits seine Homepage angesehen haben. „Wenn sie damit nicht klarkommen, suche ich auch keine Azubis für sie“, sagt der Recruiter, der seit mehr als 20 Jahren auf professionelle Nachwuchssuche für Handwerker geht. Wenn Schuh die Unternehmen berät, spricht er vor allem mit den Mitarbeitern. Hier erfahre er am besten, was zukünftige Lehrlinge erwarte. Das könne letztlich die Belegschaft am besten beschreiben.

Die Ausschreibungen auf Schuhs Website sind das ganze Gegenteil von gängigen Stellenanzeigen in Zeitungen oder auch Jobportalen im Netz. Statt die erforderlichen Qualifikationen der Bewerber aufzuzählen, fügt Schuh dort beispielsweise eine detaillierte Charakterisierung des Chefs aus Sicht einer Mitarbeiterin ein: „Er ist Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr und engagiert sich, auch finanziell. Dazu gehört auch die Förderung eines Sportvereins. Um den Kopf freizubekommen macht er ab und zu mal ein verlängertes Wochenende, wobei er dann keine Achterbahn oder ähnliche wilden Fahrgeschäfte auslässt.“

Immer wieder höre er den Satz „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, sagt Schuh. „Das ist menschenverachtend. Die meisten Unternehmen haben nur sich im Fokus und wundern sich dann, dass niemand für sie arbeiten möchte.“

Wie schwer sich Unternehmen bei der Suche nach dem Nachwuchs tun, sieht Nicola Pauls jede Woche, wenn sie ihre Klienten besucht. Pauls ist Personalberaterin bei der Handwerkskammer in Stuttgart und fährt zu allen kleinen Handwerksbetrieben, die um Hilfe rufen. Allein in diesem Jahr waren das über 70 Termine. Das Wirtschaftsministerium des Landes Baden-Württemberg finanziert ihre Stelle, um Unternehmen zu unterstützen, an junge Leute zu kommen. Insgesamt acht Tage im Jahr dürfen die Unternehmen die Hilfe der Beraterin in Anspruch nehmen.

„Die Betriebe sind total überfordert von der veränderten Situation“, sagt sie. Das Problem ziehe sich durch alle Branchen: Mal fährt Pauls in kleine Backstuben, mal fährt sie zu Optikern, mal schaut sie sich in Malerbetrieben um. Meistens haben ihre Klienten nicht mehr als ein Dutzend Angestellte.

Gemeinsam mit Pauls analysieren sie: Was gibt es schon? Was fehlt? Woran hakt es? „Die meisten Handwerker haben viel zu bieten, doch sie können es nicht vermitteln“, sagt die Beraterin. Pauls meint damit nicht das Diensthandy, das mittlerweile zum Standard der Handwerks-Azubis gehöre. Stattdessen zählt sie auf: Loyalität, Kollegialität, Hilfsbereitschaft, regelmäßige Arbeitszeiten, kurze Kommunikationswege, örtliche Verwurzelung.

Die Beraterin hilft den Unternehmen, zeitlose Werte zeitgemäß aufzuarbeiten. Von ihr erfahren die Unternehmen nicht nur, dass sie mit Videos die Schülergeneration am besten erreichen. Sondern auch, wie wichtig Untertitel dabei sind. Die meisten Videos werden schließlich unterwegs geschaut. Mit Pauls richten die Handwerker ihre ersten Facebook- und Instagram-Accounts ein. Orte, die von potentiellen Lehrlingen stärker genutzt werden als jede Tageszeitung. Pauls schlägt den Handwerkern auch mal vor, einen Youtube-Influencer zu buchen, um der Suche nach dem neuen „Mechatroniker für Kältetechnik“ mehr Glamour zu verleihen.

Und manch ein Unternehmer wird dabei selbst zum Internet-Promi: Frank Duwe, Schlossmeister aus Grevesmühlen, breite Schultern, breiter Dialekt, setzt sogar ein Kopfgeld aus. Mal bauen seine fünf Leute eine aufwendige Treppe, ein andermal fertigen sie riesige Stahlträger für Großbaustellen. Eine Arbeit, die so komplex wie hart ist. Mehr als acht Jahre gab es keinen Auszubildenden in der Firma, in den vergangenen Jahren kam nicht einmal mehr eine Bewerbung auf die Stellenanzeige, während die Auftragsbücher immer voller wurden. Ein Kopfgeld soll nun jene locken, die all dies drauf haben. 10.000 Euro bietet Duwe für jeden, der eine Ausbildung bei ihm anfängt und diese mit „gut“ abschließt. Er bekam sechs Bewerbungen, zwei hat er eingestellt.

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