Gasspeicher-Füllstände: Keine Panik, die Marktwirtschaft regelt das schon

2022, heieiei. Da war Not am Mann in Sachen Gas. Wladimir Putin kappte den Fluss über die Nordstream-Pipelines, Deutschlands Russland-Connection. Der größte Gasspeicher im Land in Rehden war so gut wie leer. Und bei der Bundesnetzagentur am Tulpenfeld in Bonn entwickelte man eine Art Triageformel, welche Branchen bei einer Gasmangellage zuerst würden verzichten müssen. Was, lautete die große Frage, wenn der Markt versagt?
Deutschland heute viel flexibler
Gemessen daran hat Deutschland viel geschafft, im Übrigen auch der oft geschmähte Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck (Grüne). Zwar importiert Deutschland immer noch den Großteil seines Gases über Pipelines, aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien. Zudem aber hat die Ampel die Bezugsmöglichkeiten in Windeseile diversifiziert, indem sie schwimmende Terminals für den Import von Flüssigerdgas, LNG, aus dem Boden gestampft hat. In Wilhelmshaven sind jetzt zwei in Betrieb, in Brunsbüttel auch eins, alle betrieben von der staatlichen Terminalgesellschaft DET. Dazu kommt ein privat unterhaltenes Terminal bei Mukran auf Rügen. 2025 wurden immerhin 10,3 Prozent aller Importe über diese Terminals bezogen.
Die Regierung musste viel Kritik einstecken wegen angeblicher Überkapazitäten. Aber die Terminals sind ein wichtiges Sicherheitsnetz. Nach Angaben des Wirtschafts- und Energieministeriums können sie in den Monaten November bis März 16 Prozent der Nachfrage decken. Unter Umständen und bei Knappheit kann dieser Weg sehr teuer sein, weil am Spotmarkt eingekauft werden muss und Lieferanten wie Katar Verträge mit deutschen Importeuren eher scheuen. Aber eine Mangellage wird so unwahrscheinlicher. Deutschland ist viel flexibler, als es das im Krisenjahr 2022 war.
Vor diesem Hintergrund gilt bei dem Blick auf die aktuellen Füllstände der deutschen Gasspeicher vor allem: Bloß keine Panik. Natürlich, Stand heute, Mittwoch, liegt der Füllstand der Speicher bei nur 45,33 Prozent und damit unter dem Durchschnitt früherer Jahre. Der Füllstand im Porenspeicher Rehden, betrieben vom verstaatlichten Gazprom-Germania-Nachfolger Sefe, steht gar bei herzerweichenden 11,97 Prozent.
Knapp 114 Terawattstunden Erdgas bunkert Deutschland aber derzeit noch. Zur Einordnung: 2025 hat das Land nach Angaben der Bundesnetzagentur insgesamt 864 Terawattstunden Gas verbraucht, 2,2 Prozent mehr als im Vorjahr. 40 Prozent entfielen auf Haushalte und Gewerbe, 60 Prozent auf Industrie. Insgesamt heißt das: Klar, die Speicher leeren sich. Und ja, in kalten Wochen wie zuletzt geht das schneller. Aber noch ist alles tatsächlich in „einem angemessenen Rahmen“, wie die Bundesnetzagentur es nennt.
Speicher nicht mehr alleiniger Maßstab
Gasspeicher sind ein wichtiger Puffer. Aber sie sind nicht mehr alleiniger Maßstab für Versorgungssicherheit. Das Wirtschafts- und Energieministerium Katherina Reiches (CDU) hat recht, wenn es argumentiert, dass die flexibleren LNG-Importmöglichkeiten den Speicherbedarf verringern. Noch gebe es an den Terminals zudem Kapazitäten, die nicht einmal gebucht seien. Es ist auf jeden Fall nicht mehr erforderlich, dass der „Gasmarktverantwortliche“, die Trading Hub Europe (THE), auf Geheiß des Bundes um jeden Preis Gas einkauft wie im Jahr 2022. Damals stellte Habecks Staatssekretär Patrick Graichen der THE quasi einen Blankoscheck aus: Kauft! Koste es, was es wolle. Das war teuer.
Natürlich hat die neue Marktstruktur zur Folge, dass der Bund sich überlegen muss, wie er den Mindest-Gasbedarf künftig absichern will, wenn Anreize für kommerzielle Anbieter schwinden. Es kann Ausfälle und Krisen geben, die Winter können kälter werden. Welche Speicherkapazitäten sind zwingend nötig? Und welche Marktinstrumente sind dafür sinnvoll? Ist es eine nationale Gasreserve, wie sie EWE-Chef Stefan Döhler ins Spiel gebracht hat? Oder lassen sich Instrumente kopieren, die andere EU-Staaten verwendet haben? Uniper, Deutschlands größter Gasimporteur, zugleich auch Deutschlands größter Speicherbetreiber, hat vor wenigen Wochen einen eindrucksvollen Appell gestartet, dass sich hier etwas tun muss: Man wolle, hatte Uniper verkündet, den Gasspeicher Breitbrunn in Bayern stilllegen. Das ist ein wichtiges Signal der Branche.
Und dennoch hat sich Entscheidendes verändert. Der Leerstand in Rehden war vor wenigen Jahren noch zurecht Anlass für Furcht und Schrecken. Heute ist er der Anlass, sich im Detail mit Geschäftsmodellen und Versorgungskonzepten zu beschäftigen. Ohne Not. Auch das ist eine Leistung.
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