Wirtschaft im Weitwinkel: Niemand will die Rente mit 70 - aber sie kommt
„Wovor haben Sie Angst, wenn Sie an das Älterwerden denken und was hoffen Sie, wenn Sie an das Älterwerden denken?“ Diese Fragen stellten Forscher des Sinus-Instituts für psychologische und sozialwissenschaftliche Forschung und Beratung im Auftrag des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft insgesamt 1000 Deutschen zwischen 40 und 55 Jahren – also den Rentnern von morgen. Heraus kam die Studie „Ruhestand 2040“, die Auskunft darüber gibt, wie die Rentner der Zukunft auf das Alter blicken.
Foto: dpaAngst vorm Älterwerden
...betrifft 44 Prozent der Befragten. Die Rentner von morgen blicken jedoch mehrheitlich (56 Prozent) eher gelassen in die Zukunft.
Foto: dpaGesundheitliche Ängste
Zu den konkreten Ängsten gehört vor allem die Angst, krank zu werden. So machen sich über 90 Prozent der 40- bis 55-Jährigen Sorgen, im Alter gesundheitlich abzubauen. Vor körperlichen Einschränkungen fürchtet sich jeder Zweite, ebenso wie vor dem Verlust der geistigen Kraft.
Foto: dpaSoziale Ängste
Drei von vier Befragten haben Angst davor, dass sie im Alter allein und einsam zurückbleiben. Etwa 40 Prozent sorgen sich zudem, dass sie im Alter verstärkt von anderen abhängig sind und anderen zur Last fallen könnten.
Foto: dpaFinanzielle Ängste
37 Prozent der 40- bis 55-Jährigen haben große Angst vor Altersarmut. Jeder Dritte fürchtet, dass der gewohnte Lebensstandard nicht gehalten werden kann oder ein sozialer Abstieg droht.
Foto: dpaGesundheitliche Hoffnungen
Die größte Hoffnung der Rentner von 2040 ist es, bei guter Gesundheit zu bleiben. 62 Prozent wünschen sich vor allem, fit genug zu sein, um Reisen zu können.
Foto: dpaSoziale Hoffnungen
Viel Zeit mit den liebsten Menschen zu verbringen ist ebenfalls eine viel genannte Hoffnung der 40- bis 55-Jährigen fürs Rentenalter. Ganz vorne liegt Zeit mit dem Partner zu verbringen, dicht gefolgt von Zeit mit der Familie und Zeit für Freunde und Bekannte.
Foto: dpaFinanzielle Hoffnung
Passend zur Angst vor Altersarmut hofft jede(r) zweite Befragte, dass er/sie im Alter finanziell so gut abgesichert sein wird, um nicht mehr arbeiten zu müssen. Nur jedem Vierten ist wichtig, ein Vermögen angespart zu haben oder Geschenke machen zu können.
Foto: dpaStattdessen haben alle Parteien so getan, als ob es das Thema gar nicht gäbe. SPD-Kandidat Schulz hatte während des Kanzlerduells im fast schon verzweifelten Versuch, die SPD-Linie gegenüber dem größeren Koalitionspartner abzugrenzen, der „Rente mit 70“ eine klare Absage erteilt – wohl in der leisen Hoffnung, die Kanzlerin könnte entsprechend der bisherigen CDU-Linie eine Festlegung in dieser Frage vermeiden wollen. Diese erkannte jedoch die taktische Falle sofort und legte sich ebenfalls fest: gegen eine „Rente mit 70“. Auch die kleineren Parteien sahen in der Folge gezwungen, klarzustellen: Niemand ist für die „Rente mit 70“!
Und dennoch wird sie kommen…
Sie wird kommen, weil sie unausweichlich ist. Vielleicht nicht als Erhöhung der Regelaltersgrenze von (bald) 67 Jahren auf 70 Jahre, aber doch für einen großen Teil der arbeitenden Bevölkerung. Und sie wird nicht in der nächsten Legislaturperiode kommen und auch nicht vor dem Jahr 2030, aber im darauf folgenden Jahrzehnt.
Bis zum Jahr 2030 scheint die Finanzierung des Rentensystems weitgehend im Griff: Mit der schrittweisen Einführung der „Rente mit 67“ im Jahr 2010 durch die damalige große Koalition wurde den absehbaren Problemen der Rentenversicherung bis dahin weitgehend Rechnung getragen. Wichtigster Grund für den Handlungsbedarf: Die Deutschen leben länger und bekommen länger Rente – heute im Schnitt 17 Jahre. 1960 waren es nicht einmal zehn Jahre. Und die längere Rentenzeit muss eben finanziert werden.
Die demografischen Verschiebungen zwingen zum Handeln
Doch die größten demografischen Verschiebungen, bedingt durch die gesunkene Kinderzahl und die steigende Lebenserwartung, werden in ihren Auswirkungen auf das Rentensystem erst in den Jahren zwischen 2030 und etwa 2040 eintreten. Denn in diesen Jahren gehen die „Baby-Boomer“ in Rente, also die geburtenstarken Jahrgänge von Ende der 50er bis Anfang der 70er Jahre.
Dann verändert sich das Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Rentenbeziehern dramatisch. Deutlich mehr Rentnern stehen dann deutlich weniger Beitragszahler gegenüber. Bleibt in dieser Phase das Renteneintrittsalter unverändert, sind diese Verschiebungen nur durch höhere Beiträge oder ein sinkendes Rentenniveau aufzufangen.
An diesen Fakten wird keine zukünftige Bundesregierung vorbeikommen. Dennoch ist das Thema „Renteneintrittsalter“ natürlich im Wahlkampf ein sehr undankbares. Für eine ehrliche Bestandsaufnahme wird es kaum Anerkennung geben, umso mehr Beifall dagegen für populistische Aussagen „zugunsten“ der Rentner. Die Wählergruppe der Rentner wird immer größer, und irgendwann möchten auch die jüngeren Wähler den Ruhestand genießen – und zwar möglichst früh. Die kommenden Generationen sind dagegen an der Wahlurne unterrepräsentiert.
Durchschnittsrenten
Laut den aktuellen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung bezogen Männer Ende 2014 eine Durchschnittsrente von 1013 Euro. Frauen müssen inklusive Hinterbliebenenrente mit durchschnittlich 762 Euro pro Monat auskommen.
Quellen: Deutsche Rentenversicherung; dbb, Stand: April 2016
Foto: dpaOst-Berlin mit den höchsten, West-Berlin mit den niedrigsten Renten
Die Höhe der Rente schwankt zwischen den Bundesländern. Männer in Ostberlin können sich mit 1147 Euro Euro über die höchste Durchschnittsrente freuen. In Westberlin liegt sie dagegen mit 980 Euro am niedrigsten.
Aktuell bekommen männliche Rentner:
in Baden-Württemberg durchschnittlich 1107 Euro pro Monat
in Bayern durchschnittlich 1031 Euro pro Monat
in Berlin (West) durchschnittlich 980 Euro pro Monat
in Berlin (Ost) durchschnittlich 1147 Euro pro Monat
in Brandenburg durchschnittlich 1078 Euro pro Monat
in Bremen durchschnittlich 1040 Euro pro Monat
in Hamburg durchschnittlich 1071 Euro pro Monat
in Hessen durchschnittlich 1084 Euro pro Monat
in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 1027 Euro pro Monat
in Niedersachsen durchschnittlich 1051 Euro pro Monat
in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 1127 Euro pro Monat
im Saarland durchschnittlich 1115 Euro pro Monat
in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 1069 Euro pro Monat
in Sachsen durchschnittlich 1098 Euro pro Monat
in Schleswig-Holstein durchschnittlich 1061 Euro pro Monat
in Thüringen durchschnittlich 1064 Euro pro Monat
Foto: APFrauen mit deutlich weniger Rente
Frauen im Ruhestand bekommen gut ein Drittel weniger als Männer. Auch sie bekommen in Ostberlin mit durchschnittlich 1051 Euro die höchsten Bezüge. Am wenigsten bekommen sie mit 696 Euro in Rheinland-Pfalz.
Laut Deutscher Rentenversicherungen beziehen Frauen inklusive Hinterbliebenenrente:
in Baden-Württemberg durchschnittlich 772 Euro pro Monat
in Bayern durchschnittlich 736 Euro pro Monat
in Berlin (West) durchschnittlich 861 Euro pro Monat
in Berlin (Ost) durchschnittlich 1051 Euro pro Monat
in Brandenburg durchschnittlich 975 Euro pro Monat
in Bremen durchschnittlich 771 Euro pro Monat
in Hamburg durchschnittlich 848 Euro pro Monat
in Hessen durchschnittlich 760 Euro pro Monat
in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 950 Euro pro Monat
in Niedersachsen durchschnittlich 727 Euro pro Monat
in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 749 Euro pro Monat
im Saarland durchschnittlich 699 Euro pro Monat
in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 964 Euro pro Monat
in Sachsen durchschnittlich 983 Euro pro Monat
in Schleswig-Holstein durchschnittlich 744 Euro pro Monat
in Thüringen durchschnittlich 968 Euro pro Monat
Foto: dpaBeamtenpensionen deutlich höher
Staatsdienern geht es im Alter deutlich besser. Sie erhalten in Deutschland aktuell eine Pension von durchschnittlich 2730 Euro brutto. Im Vergleich zum Jahr 2000 ist das ein Zuwachs von knapp 27 Prozent.
Zwischen den Bundesländern schwankt die Pensionshöhe allerdings. Während 2015 ein hessischer Staatsdiener im Ruhestand im Durchschnitt 3150 Euro ausgezahlt bekam, waren es in Sachsen-Anhalt lediglich 1940 Euro.
Im Vergleich zu Bundesbeamten geht es den Landesdienern dennoch gut. Im Durchschnitt kommen sie aktuell auf eine Pension von 2970 Euro. Im Bund sind es nur 2340 Euro.
Foto: dpaRentenerhöhung
Im Vergleich zu den Pensionen stiegen die normalen Renten zwischen 2000 und 2014 deutlich geringer an. Sie wuchsen lediglich um 15,3 Prozent.
Foto: dpaReserven der Rentenkasse
Dabei verfügt die deutsche Rentenversicherung über ein sattes Finanzpolster. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung betrug die sogenannte Nachhaltigkeitsrücklage Ende 2014 genau 35 Milliarden Euro. Das sind rund drei Milliarden Euro mehr als ein Jahr zuvor. Rechnerisch reicht das Finanzpolster aus, um fast zwei Monatsausgaben zu bezahlen.
Nachfolgend ein Überblick, mit welcher Rente die Deutschen im aktuell im Durchschnitt rechnen können:
Foto: dpaAbweichungen vom Standardrentner
Wer 45 Jahre in den alten Bundesländern gearbeitet hat und dabei den Durchschnittslohn verdiente, bekommt pro Monat 1314 Euro ausgezahlt.
Bei 40 Arbeitsjahren verringert sich die monatliche Auszahlung auf 1168 Euro. Wer nur 35 Jahre im Job war, bekommt 1022 Euro.
Foto: FotoliaDurchschnittsrente Ost nach Arbeitsjahren
In den neuen Bundesländern liegt die Rente nach 45 Arbeitsjahren und durchschnittlichem Lohn bei 1217 Euro.
Für 40 Jahre in Arbeit gibt es aktuell 1082 Euro. Bei 35 Jahren sind es in den neuen Bundesländern 947 Euro.
Foto: FotoliaHalbtags arbeiten erhöht das Armutsrisiko
Je nach Verdienst, kann die Rente aber stark schwanken. Wer etwa im Berufsleben auf die Hälfte vom Durchschnittsverdienst kam, dessen Rentenansprüche halbieren sich auch. In den alten Bundesländern wären das aktuell nach 45 Berufsjahren 657 Euro. In den neuen Bundesländern bei gleicher Arbeitszeit 609 Euro.
Foto: dpaMaximale Rentenhöhe für Gutverdiener
Umgekehrt verdoppelt sich die Rente, wenn der Lohn während des Arbeitslebens über der Bemessungsgrenze lag. In den alten Bundesländern könnte ein Vielverdiener so auf 2628 Euro kommen. In den neuen Bundesländern sind theoretisch bis zu 2434 Euro drin.
Foto: dapdEs ist bekannt, dass die in der Regel unpopulären Reformen des Sozialsystems sich leichter in wirtschaftlich schlechten Zeiten durchsetzen lassen, denn dann sind die Bürger empfänglicher für ökonomische Notwendigkeiten. In der derzeit guten Konjunkturlage mit hoher Beschäftigung und vollen Sozialkassen ist die Notwendigkeit eines höheren Renteneintrittsalters in der Zukunft dagegen kaum plausibel zu vertreten.
Daraus darf aber nicht folgen, dass man im Wahlkampf gegen besseres Wissen Versprechungen macht, die man später nicht wird einhalten können. Das schürt nur die ohnehin schon sehr hohe Politikverdrossenheit. Besser wäre es gewesen, darauf zu verweisen, dass das Thema heute nicht entschieden werden muss. In der kommenden Legislaturperiode kann eine Kommission eingesetzt werden, die die besten Lösungen für die ab 2030 anstehenden Probleme entwirft und zur politischen Diskussion stellt. Solch eine Debatte eignet sich nicht für den Wahlkampf, denn sie befördert populistische Positionen.
Das Ergebnis der notwendigen Diskussionen muss im Übrigen nicht die „Rente mit 70“ für alle sein, im Sinne einer verpflichtenden Anhebung der Regelaltersgrenze um drei Jahre. Es muss aber die Öffnung des Rentenalters nach oben sein, mit einer Verpflichtung zum längeren Arbeiten für die Mehrzahl der Arbeitnehmer. Viele werden dies auch freiwillig tun. Für diejenigen, die es aus Gründen körperlicher oder psychischer Probleme nicht können, müssen adäquate Lösungen gefunden werden, die ungebührliche Benachteiligungen vermeiden.
Von der festen zur flexiblen Altersgrenze wechseln
Es ist auch durchaus denkbar, im Sinne des Vorschlages des Sachverständigenrates von einer festen Altersgrenze zu einer flexiblen zu wechseln, die sich an der Verlängerung der Lebenserwartung orientiert. Es müsste den Menschen plausibel zu machen sein, dass zumindest ein Teil der gewonnenen Lebenszeit arbeitend verbracht werden muss, um den anderen Teil nicht nur auf Kosten der nachwachsenden Generationen zu genießen.
Insgesamt ist für mich aber ganz klar: Die Rente mit 70 wird für die meisten Beschäftigten in einigen Jahren Realität sein, und die wenigsten müssen sich davor fürchten. De Menschen könnten es sogar als positiv empfinden, wenn sie den Rentenbeginn nach ihren eigenen Vorstellungen festlegen könnten.