Arved Fuchs: „Vor der Polarstation hat man uns an der Tür abgewiesen“
„55 Grad unter Null. Brichst Du durch das dünne Eis, war es das." Polarforscher Arved Fuchs hat als erster Mensch in einem Jahr den Nord- und den Südpol zu Fuß erreicht. Nun feiert er seinen 70. Geburtstag.
Fotocredit: Arved Fuchs Expeditionen
WirtschaftsWoche: Herr Fuchs, Sie haben 1989 als erster Mensch in einem Jahr den Nordpol und den Südpol zu Fuß erreicht. Wie ist Ihnen das gelungen?
Arved Fuchs: Das war natürlich ein herausragendes Jahr, was ich damals betrieb, war Leistungssport. Ich bin in dem Jahr mehr als 4000 Kilometer auf Skiern mit Schlitten im Schlepptau gelaufen, die Trainingseinheiten mitgerechnet. Erst zum Nordpol, 55 Grad unter Null. Du läufst über dünnes Eis, darunter ein 4000 Meter tiefer Ozean, und weißt: Wenn Du durchbrichst, dann war’s das! Dass ich es kurz vor Jahreswechsel dann auch noch zum Südpol geschafft habe, war großes Glück.
Ganze 48 Tage lang waren Sie und Reinhold Messner auf sich selbst gestellt, mussten sehen, dass Sie im Eis überleben. Wie war es, dann wieder das erste Mal auf Menschen zu treffen?
Fuchs: Es war eine skurrile Situation. Wir erreichten am Südpol die amerikanische Amundsen-Scott-Forschungsstation. Die Gastfreundschaft wird in polaren Regionen ja sehr, sehr groß geschrieben, man findet immer Unterstützung. Aber an der Südpolstation hat uns das Management an der Tür abgewiesen.
Wie bitte? Man würde denken, Sie wurden mit Konfetti und Sekt empfangen.
Fuchs: Nein, wir hatten die Expedition vorher angemeldet, aber die National Science Foundation hatte uns mitgeteilt, sie wolle keine Abenteurer am Südpol sehen. Daran hindern, loszugehen, konnten sie uns natürlich nicht. Also sind wir 1000 Kilometer übers Eis gelaufen, kamen an der Polarstation an – und waren erst einmal nicht willkommen. Kurios, schließlich taucht da ja nicht jeden Tag ein Skiläufer auf.
Was haben Sie dann gemacht?
Fuchs: Zur Ehrenrettung muss man sagen, dass den Mitarbeitern das alles furchtbar unangenehm war. Sie haben uns hintenrum in die Station geführt, so dass wir nach 48 Tagen erst einmal eine heiße Dusche nehmen und etwas essen konnten. Die Forscher fragten uns: Habt Ihr schon gehört? Die Mauer ist gefallen! Hatten wir natürlich nicht, wir kamen ja aus einer ganz anderen Welt.
Aufgewachsen sind Sie auf dem Land in Schleswig-Holstein. Wie wird ein Kind aus der Kleinstadt zum Polarforscher?
Fuchs: Schon als Kind hatte ich ein Faible für das Abenteuer, vor allem für die Polarregionen und die Seefahrt. Das hing wahrscheinlich damit zusammen, dass meine Eltern bewusst keinen Fernseher hatten, aber sehr viele Bücher – die Kinder sollten lesen. Und das haben wir reichlich getan, vor allem die Bücher des Polarforschers Fridjof Nansen habe ich verschlungen.
Arved Fuchs als Kind am Haus seiner Eltern: „Meist spielte ich draußen, kletterte auf Bäume, lernte Schwimmen in der Nordsee bei den Großeltern auf Sylt. In der Natur fühlte ich mich aufgehoben.“
Foto: PrivatWarum war kulturelle Bildung Ihren Eltern so wichtig?
Fuchs: Die Generation meines Vaters, die sich durch den Krieg um ihre Kindheit um die Kriegsjahre betrogen fühlte, sagte, die Kinder sollen andere Länder, andere Kulturen kennenlernen und über den persönlichen Tellerrand hinwegblicken. Darum haben Sie früh meine Neugierde und Leidenschaft unterstützt.
Was hat Ihnen den Mut gegeben, nicht nur über Abenteuer zu lesen, sondern sie auch zu wagen?
Fuchs: Vor allem das Leben draußen in der Natur hat mir immer schon viel bedeutet. Meine Großeltern lebten in Westerland auf Sylt. Dort habe ich eine einen Großteil meiner Kindheit verbracht und schwimmen gelernt. Mit meinen Eltern lebten wir in einer ländlichen Umgebung mit Bauernhöfen und Wäldern. Die meiste Zeit sind wir auf Bäume geklettert oder haben mit den Nachbarskindern getobt. Das Gefühl war: Draußen ist man aufgehoben, draußen findet man sich zurecht. Ich glaube, meine Eltern wussten oft gar nicht, wo ich war.
So viel Freiheit haben viele Kinder heute nicht mehr, da verfolgen die Eltern sogar den Standort per Smartphone.
Fuchs: Wir sind damals anders aufgewachsen als viele Kinder heute. Ich bin nie in einem Kindergarten gewesen, ich war auch nie ein besonders guter Schüler. Die Schule habe ich immer als Eingrenzung empfunden. Wir konnten unsere Flausen ausleben. Verbunden mit der Prämisse: Du kannst alles machen, aber Du musst es richtig machen. In der Kindheit ist mir in die Wiege gelegt worden: Man kann frei sein, aber man ist niemals frei von Verantwortung.
Nach der Schule haben Sie dann eine Ausbildung bei der Handelsmarine begonnen. Aus Fernweh?
Fuchs: In meiner Familie sind einige zur See gefahren, auch mein Onkel. Ich lauschte als Jugendlicher immer seinen Geschichten, von denen vermutlich nur die Hälfte wahr, aber immer spannend war. Es gab noch keine Containerfahrt, nur Stückgutfrachter mit zwei Wochen Liegezeit. Die Ozeane waren für mich der Highway zu fernen Ländern.
Ein Matrose ist aus Ihnen auf Dauer aber dann doch nicht geworden.
Fuchs: Ich habe die Arbeit immer auch als Sprungbrett in die Selbständigkeit gesehen. Ich hatte Geld verdient, konnte nach eigenen Gutdünken meine ersten Reisen, die schnell Expeditionscharakter hatten, finanzieren und mich damit weiter entwickeln.
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Eine klassische Karriere, verlässlich Geld verdienen, hat Sie nicht gereizt?
Fuchs: Als ich mit der Schule fertig war, da planten andere Schulkollegen schon ihr Einfamilienhaus, welches Auto sie kaufen wollten, wie lange sie arbeiten mussten für die Rente. Mich hat das alles nicht interessiert. Ich wollte immer das Abenteuer. Und ich wusste: Wenn Du das machen willst, musst Du es in jungen Jahren machen. Wenn du wartest, bis du Rentner bist, bist du zu alt, um damit anzufangen.
Hatten Sie keine Sorge vor der Zukunft?
Es gab damals durchaus viele Leute die sagten: Du spinnst, du wirst zum Sozialfall. Sicher kamen mir auch Existenzängste, du fragst dich ja: Vielleicht haben die Leute ja recht. Aber ich bin ganz pragmatisch vorgegangen: Du hast den Status eines Freiberuflers, kannst dich renten- und krankenversichern. Und ich bin ein wenig dem Motto der Australier gefolgt, die den schönen Spruch haben: No worries, go for it. Keine unnötigen Sorgen, mach’s einfach. Zaudern und Zögern ist nie meine Art gewesen.
Tief in die Arktis hat es Sie dann aber erst einmal nicht verschlagen, oder?
Fuchs: Meine erste richtige Expedition war 1977, eine Wildwasser-Expedition im Nordosten Kanadas, subarktisch, möchte ich sagen. Es war eine Zeit, da gab es keine Karten, kein Internet, keine Emails, keine Smartphones. Wir sind einfach abgetaucht und waren weg für zwei Monate. Ein Jahr darauf ging es in die Tropen, Borneo, Kalimantan. Das war damals weiß Gott noch keine touristische Destination.
Im Jahr 1979 sind Sie dann das erste Mal nach Grönland gefahren – und seitdem immer wieder in die Polarregionen. Was hat Sie fasziniert?
Fuchs: Es hat mich einfach begeistert, rational kann man das nicht darlegen, entweder man mag’s oder man mag’s nicht. Vielleicht habe ich auch wiedergefunden, was ich als Kind gelesen hatte über die Polarregionen. Ich wusste: Da musst du mehr Lebenszeit investieren.
Wie haben Sie sich vorbereitet? Man fährt ja vermutlich aus Schleswig Holstein nicht einfach mal nach Grönland wie in den Sommerurlaub.
Fuchs: Ich habe schnell gemerkt, dass das man natürlich erst einmal das Handwerkliche lernen muss. Ich wollte ja nicht in Hotels, sondern draußen wohnen. Darum bin ich 1980 in das nördlichste kanadische Dorf gefahren, Grise-Fjord, auf der Ellesmere-Insel. Da leben ungefähr 100 Inuit. Ich hatte damals wenig Geld und Mittel, stieg aus einem kleinen Buschflugzeug bei 40 Grad minus – und die Inuit wollten mich erst gar nicht da haben, sagten: Steig wieder in dein Flugzeug.
Wie haben Sie reagiert?
Fuchs: Ich hatte das Glück, dass in dem kleinen Dorf ein Dieselgenerator gerade an diesem Tag stehen geblieben war. Den habe ich innerhalb einer halben Stunde wieder ans Laufen gebracht – und habe mir damit quasi die Eintrittskarte erworben, um bei den Inuit bleiben zu dürfen. Ich habe dann mehrere Monate in dem Dorf gewohnt.
Ein hilfreicher Zufall.
Fuchs: Man braucht manchmal Glück im Leben – aber Glück stellt sich eher ein, wenn man auch hinausgeht und etwas wagt. Ich bin kein Hasardeur, aber bereit, einfach einmal Dinge hinter mir zu lassen und auf neuen, unausgetretenen Pfaden zu gehen.
Was haben Sie bei den Inuit gelernt?
Fuchs: Die Inuit sind meine Lehrmeister geworden im Umgang mit Schnee, Eis und Kälte. Nicht nur, was die Technik angeht, sondern auch den mentalen Umgang mit der Kälte.
Heute würde man wohl von Resilienz reden.
Fuchs: Ja, ich habe ein ganzes Buch darüber geschrieben. Es geht darum, dass man Grenzen, die in einem liegen, in einem konstruktiven Sinne überschreitet. Meist bleibt man an den Hürden aus Bequemlichkeit, Zaudern oder Zögerlichkeit stehen. Aber man kann sie überwinden.
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Drei Jahre später sind Sie mit einer Expeditionsgruppe zu einer Durchquerung Grönlands aufgebrochen. Das haben bisher nur wenige gewagt.
Fuchs: Wir waren 60 Tage mit Hundeschlitten unterwegs, anfangs mit grönländischen Jägern zusammen. Vorbei am Humboldt-Gletscher, dem größten Gletscher auf der Nordhalbkugel im Nordwesten Grönlands. Hundeschlittenfahrten sind für mich die schönsten Art, im Winter zu reisen – mit den Tieren zu arbeiten und zu agieren, hatte ich bei den Inuit gelernt.
Sie haben viele weitere Polarexpeditionen unternommen. Wurde es zwischendurch auch gefährlich?
Fuchs: Klar, schwere Stürme, die Gefahr, ins Eismeer zu fallen – zwischendurch wurde es immer wieder brenzlig. Es gab auch Expeditionen, die ich abgebrochen habe, weil es zu gefährlich war. Keine Expedition ist so wichtig, dass es sich lohnt, dafür Menschenleben zu riskieren. Man muss auch die Grenzen erkennen, die man eben nicht überschreiten sollte, man muss ehrlich sein im Umgang mit seinen Ressourcen, den körperlichen wie mentalen. Oft melden sich junge Leute bei mir, die Expeditionen planen und damit berühmt werden wollen . Denen sag ich immer: Aber du musst das erst mal überleben.
Wann hatten Sie richtig Angst um Ihr Leben?
Fuchs: Es gab immer mal wieder solche Situationen. 1984 bin ich im Faltboot im Winter um Kap Hoorn gepaddelt. Sehr hohe Wellen, und man kann auch nicht einfach an Land fahren, weil da eine hohe Brandung ist. Kentert man, ist es das gewesen. Dass man so was überlebt, ist auch ein bisschen Glück. Ich werde immer gefragt, ob ich sowas noch mal machen würde. Klare Antwort: Nein. Das Schicksal würde ich kein zweites Mal herausfordern.
1989 gelangte Arved Fuchs als erster Deutscher zu Fuß zum Nordpol. Im gleichen Jahr erreichte er zusammen mit Reinhold Messner auf Skiern den Südpol und durchquerte die Antarktis.
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Wie gehen Sie in solchen riskanten Momenten mit der Angst um?
Fuchs: Wenn so etwas passiert, dann funktioniere ich. Ich habe Angst, klar, das ist ein biochemischer Prozess im Körper, der alle Sinne und Kräfte aktiviert. Aber ich habe keine Panik. Man wächst über sich selbst hinaus, wenn man merkt, dass man keine Alternative hat.
Resilienz wird im Alltag auch immer wichtiger. Corona, Krieg, Inflation – Umfragen zu Folge haben die Menschen in Deutschland gerade mit vielen Ängsten zu tun. Würde es helfen, wenn wir mehr nach Abenteuern, nach dem Blick über den Tellerrand schauen würden?
Fuchs: In vielen armen Ländern, Ländern die krisengeschüttelt sind, merkt man, dass Menschen eher mit schwierigen Lebensbedingungen leichter umgehen, als als wir das gewohnt sind. In Deutschland und Europa, das muss man einmal feststellen, leben wir auf einer Insel der Glückseligkeit. Sicher gibt es Menschen, die existentielle Nöte haben. Aber der Großteil meiner Generation hat jahrzehntelang keinerlei Krisen oder wirtschaftliche Nöte in Deutschland erlebt, sondern Wirtschaftswachstum, es ging immer bergauf. Ich glaube, dann verblasst auch ein bisschen die Fähigkeit, sich mit Krisen auseinanderzusetzen.
Und jetzt kommen gleich mehrere Krisen auf einmal, der Krieg, die Energiekrise, der Klimawandel…
Fuchs: Die Erderwärmung ist für mich die zentrale Thema. Ich erlebe sie seit langem auf meinen Schiffsexpeditionen: Teile des Polarmeers, wo wir in den 90er Jahren keine Chance auf ein Durchkommen hatten, stellen nun Sommer für Sommer ein offenes Meer dar. Gletscher rutschen ab, entleeren das grönländische Inlandeis doppelt so schnell ins Meer wie früher. Diese Signale hätten wir früher ernst nehmen sollen. Wir wissen seit Jahrzehnten davon, haben aber einfach nichts gemacht und das Problem wie eine Bugwelle vor uns hergeschoben. Und jetzt rächt sich das, nun haben wir den Zeitdruck.
Seit 2015 untersuchen Sie in einer Expeditionsreihe die Veränderungen der Ozeane. Was möchten Sie erreichen?
Fuchs: Ich habe die Expertise, das Team, mein Schiff. Damit will ich zusammen mit Forschern Daten über die Umweltveränderungen sammeln und ich will die Menschen durch Veranstaltungen und über die Medien darauf aufmerksam machen.
Kein Berg, den Sie noch erklimmen wollen?
Fuchs: Es geht mir heute mehr um die Inhalte als um sportliche Höchstleistungen. Es ist ein großes Privileg, dass ich Zugang zu all diesen Naturlandschaften gewonnen habe – und dass ich all die schweren Expeditionen überlebt habe.
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