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Solar GeoengineeringOppenheimer macht’s vor: Solar Geoengineering muss endlich reguliert werden!

Wie die Atomenergie könnte auch Geo-Engineering die Natur der Welt verändern. Deshalb braucht es internationale Leitplanken und Richtlinien.Cynthia Scharf 28.08.2023 - 09:43 Uhr

Regt nicht nur im Kino zum Nachdenken an: Oppenheimer (Bild, hier als Filmstill aus dem gleichnamigen Biopic) setzte sich für einen verantwortungsbewussten Einsatz von Atomkraft ein – auch beim Solar Geoengineerung ist Vorsicht geboten. Andernfalls könnten wunderschöne Landstriche, wie hier der Salar de Atacama in der Atacama-Wüste, verloren gehen.

Foto: imago images, Universal Pictures

Ich besuchte die Stadt Los Alamos in New Mexico zum ersten Mal im Sommer 2013. Eine Umleitung führte mich dort hin. Eigentlich war ich auf dem Weg zu einem nahegelegenen Rückzugszentrum, der Ghost Ranch, die vor Jahren mehreren Wissenschaftlern des Manhattan-Projekts bei der Entwicklung der Atombombe Zuflucht geboten hatte.

Zu dieser Zeit arbeitete ich im Auftrag des damaligen UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon an einem anderen Thema mit existenzieller Bedeutung – dem Klimawandel. Meine Reise nach New Mexico hatte aber auch einen sehr persönlichen Hintergrund: Mein Vater war vor kurzem, nach einem langen Kampf gegen die Demenz, gestorben und ich suchte einen ruhigen Ort in der Natur, um zu heilen. Das letzte Buch, das mein Vater und ich gemeinsam gelesen hatten, bevor sein Bewusstsein ihn verließ, war die meisterhafte Biografie American Prometheus: The Triumph and Tragedy of J. Robert Oppenheimer, die auch Grundlage für den Must-see-Film dieses Sommers war.

Heute, nach zwei weiteren Besuchen in Los Alamos, beschäftige ich mich noch immer mit einigen der Fragen, die der Beginn des Atomzeitalters aufgeworfen hat – und mit ihrer potenziellen Relevanz für andere Herausforderungen, mit denen wir derzeit konfrontiert sind, einschließlich der Erderwärmung. Können wir etwas von denen lernen, die 1945 eine Ära einleiteten, die es so noch nie gegeben hat? Können sie uns Denkanstöße geben, wie wir mit dem menschengemachten Klimawandel umgehen sollen? Einschließlich der Frage, ob und wie wir die neue, klimabeeinflussende Technologie namens Solar Radiation Modification (SRM) – auch bekannt als Geoengineering – regulieren sollen?

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In ihrer Absicht und Wirkung sind SRM und Atomwaffen natürlich gegensätzlich: Bei letzteren geht es darum, Leben zu beenden, bei ersteren um den Versuch, Leben zu retten. SRM beschreibt eine Reihe von Ansätzen, bei denen versucht wird das Sonnenlicht zurück ins All zu reflektieren, um die Temperatur auf dem Planeten zu senken. Dazu gehört auch die Idee, Sulfataerosole in die Stratosphäre zu sprühen, um einen Sonnenschutzschild um die Erde herum zu bilden. Dieser Schild soll das Geschehen nach einem großen Vulkanausbruch imitieren.

SRM könnte die Temperatur der Erde innerhalb weniger Jahre senken und damit Millionen von Menschen, darunter künftige Generationen und einige der am stärksten vom Klima bedrohten Bevölkerungsgruppen, vor extremer Hitze und den damit verbundenen Klimaauswirkungen schützen. Es würde jedoch nicht die Ursachen des Klimawandels bekämpfen und wäre bestenfalls eine Ergänzung, nicht aber ein Ersatz für Abschwächung und Anpassung. Sie könnte den politischen Willen, der für die Stärkung von Klimaschutzmaßnahmen erforderlich ist, schwächen oder ablenken. Forscher sagen, dass ein globaler Einsatz von SRM Jahrzehnte, wenn nicht sogar ein Jahrhundert oder mehr benötigen würde, um seine volle Wirkung zu entfalten, denn: gleichzeitige Bemühungen zur Emissionsreduzierung und Entfernung größerer Mengen Kohlenstoffs aus der Atmosphäre – die Ausstiegsstrategie von SRM – würden so lange dauern.

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SRM würde auch neue Risiken mit sich bringen, sowohl bekannte als auch unbekannte – von der potenziellen Schädigung der Ozonschicht und der Veränderung von Niederschlagsmustern über das Risiko einer ernsthaften Beeinträchtigung der biologischen Vielfalt im Falle einer plötzlichen Beendigung bis hin Verschärfung von Konflikten, wenn sich der Einsatz negativ auf ein Nachbarland auswirkt. Oder auch nur als negativ empfunden wird. Alle Länder wären davon betroffen, aber nicht gleicher Maßen.

Eines der größten Risiken von SRM, einer Technologie mit planetarischer Wirkung, ist das Fehlen umfassender internationaler Leitfäden und Richtlinien. Wichtige Fragen bleiben unbeantwortet: Wer würde den globalen Thermostat kontrollieren? Wer würde entscheiden, ob es eingesetzt wird, mit wessen Autorität oder Legitimität, auf der Grundlage wessen Daten und unter welchen Bedingungen?

In der unmittelbaren Nachkriegszeit forderte Oppenheimer – zusammen mit Niels Bohr, Leo Szilard, Albert Einstein und anderen Forschenden – die internationale Kontrolle der Atomenergie. Oppenheimer war der Meinung, dass die schreckliche Zerstörungskraft der Bombe künftige Kriege mit Atomwaffen undenkbar machen und die Suche nach friedlichen Alternativen anspornen würde. Ein ähnlicher Gedankengang wie bei denjenigen vor ihm, die den Ersten Weltkrieg für den „Krieg zur Beendigung aller Kriege“ hielten.

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Die frisch entstandenen Vereinten Nationen, so dachte er, könnten ein Forum für die Aufsicht und die Zusammenarbeit zwischen den Ländern sein, um die Atomenergie für friedliche Zwecke nutzbar zu machen und die Verbreitung und den Einsatz von Atomwaffen zu kontrollieren. Seine Bemühungen konnten die US-Regierung jedoch nicht überzeugen, und das amerikanisch-sowjetische Wettrüsten nahm seinen Lauf.

Das oberste Ziel der Kontrolle von Kernwaffen ist es, ihren weiteren Einsatz zu verhindern, ihre Zahl auf Null zu reduzieren und die weltweite Verbreitung zu stoppen. Bei SRM geht es darum, einen umfassenden internationalen Rahmen zu schaffen, um die potenziellen Risiken zu minimieren und die potenziellen Vorteile zu maximieren. Forschung, Entwicklung, Demonstration und möglicher Einsatz sollen zudem miteinander verknüpft werden.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist unklar, ob die Vorteile von SRM die bekannten und unbekannten Risiken aufwiegen würden. Wäre unser aktueller Pfad zu einer Welt, in der die Temperaturen den Richtwert von 1,5 Grad Celsius überschreiten und sich bis zum Jahr 2100 möglicherweise verdoppeln, besser als eine Welt, in der SRM eingesetzt wird? Besser für wen? Wer gewinnt, wer verliert und wer entscheidet darüber? Diese Technologien werfen auch grundlegende Fragen über die Rolle der Menschheit im Gesamtgefüge des Lebens auf, ebenso wie auch künstliche Intelligenz, Quantencomputer und synthetische Biologie. Könnten sie – in Anlehnung an einen Satz, den Oppenheimer 1945 in seiner Abschiedsrede vor der Vereinigung der Wissenschaftler von Los Alamos verwendete – „eine Veränderung in der Natur der Welt“ bedeuten?

Die Wissenschaftler, die in Los Alamos am Manhattan-Projekt arbeiteten, waren für die US-Regierung tätig. Diese hatte das Ziel, eine Atombombe zu entwickeln, um einen Krieg zu gewinnen. Das Ziel der SRM-Forscher ist es, das Leid zu begrenzen, welches durch den beschleunigten Klimawandel entstehen wird. Ihr Ziel ist nicht die Waffe, sondern das Heilmittel. Anders als das Atomzeitalter, das mit einem plötzlichen, blendenden Lichtblitz auf dem Trinity-Testgelände eingeläutet wurde, haben sich die existenziellen Risiken des Klimawandels schon seit einiger Zeit abgezeichnet.

Mit immer mehr Auswirkungen auf das Klima wächst jedoch die Gefahr, dass Länder oder sogar nichtstaatliche Akteure SRM überstürzt einsetzen. Schließlich handelt es sich um eine verführerische Technik, die einfach einzusetzen, billig und schnell wirksam ist. In Anbetracht der Tatsache, dass alle Länder betroffen wären, wenn sie jemals zum Einsatz käme, erscheint der Mangel an internationaler Aufsicht bestenfalls fahrlässig und schlimmstenfalls enorm gefährlich.

Es braucht nicht nur Regeln – sondern Aufklärung und Forschung

Ich arbeite derzeit mit einer kleinen NGO zusammen, die versucht, die internationale Steuerung von SRM in Gang zu bringen. Unsere Botschaft ist einfach: Unabhängig davon, ob man SRM befürwortet, ablehnt oder sich unsicher ist, muss es geregelt werden. Und zwar unter Einbeziehung der Stimmen und Ansichten aller Länder, einschließlich der am stärksten vom Klima bedrohten. In jüngster Zeit hat sich die Politik mit dem Thema SRM befasst. Das Weiße Haus hat im Auftrag des Kongresses eine mögliche Forschungsagenda veröffentlicht, und die Europäische Union hat zu internationalen Gesprächen aufgerufen. Allerdings ist nur ein kleiner Prozentsatz der politischen Entscheidungsträger, geschweige denn der Öffentlichkeit, über SRM und die enormen Auswirkungen seiner möglichen Nutzung informiert.

Die Steuerung ist weit mehr als eine technische Frage. Es ist das menschliche Element, das so ärgerlich und persönlich ist. Was bedeutet die absichtliche Veränderung des Klimas für uns als Menschen, für unsere Beziehung zu anderen Arten und für unsere Verantwortung gegenüber künftigen Generationen? Wird künstliche Intelligenz – mit all ihren Verheißungen und Gefahren – die Lebensqualität verbessern oder, wie einige Experten befürchten, die Risiken für ihr Ende erhöhen?

Kann, wie Bohr und Oppenheimer einst argumentierten, staatsbürgerliches Regieren – im Sinne eines transparenten, gesellschaftsweiten öffentlichen Dialogs – uns helfen, diese Fragen zu beantworten und die Fallstricke zu vermeiden? Wie können wir auch wissenschaftliche Forschung, Innovation, Kreativität und Zusammenarbeit fördern? Werte, die übrigens auch Oppenheimer nachdrücklich unterstützte. Bei aller modernen Kultiviertheit spielen wir immer noch mit dem Feuer des Prometheus. Der Einfluss der Menschheit auf die Erde ist in den Boden eingebettet, auf dem wir stehen. Im Zeitalter des Anthropozäns, das kurz nach dem Abwurf der Atombombe begann, haben wir das Artensterben verstärkt, die Ökosysteme verändert und das Klima für die nächsten Jahrtausende verändert.

Selbstüberschätzung tut uns nicht gut: Sich auf dem Spielplatz der Götter auszutoben, war schon immer eine riskante Angelegenheit. Die Zeit ist reif für ein gesellschaftsweites Gespräch über SRM. Junge Menschen, die die Folgen unserer Entscheidungen erben werden, müssen ihre Stimme erheben. Wir müssen auch die Stimmen von klimagefährdeten Gemeinschaften, religiösen Führern und Philosophen hören, denn hier geht es nicht nur um Wissenschaft, sondern auch um Ethik, Überzeugungen und Werte.

Mehr als 70 Jahre nach Beginn des Anthropozäns ist klar, dass wir noch weit davon entfernt sind, einige der grundlegendsten Fragen zu Technologien – einschließlich SRM und künstlicher Intelligenz – von planetarischer Bedeutung zu beantworten. Der Klimawandel führt uns in eine Welt, die die Menschheit noch nie zuvor gekannt hat. Wir täten gut daran, diesen Wendepunkt in der Geschichte mit Demut anzugehen und anzuerkennen, dass die Folgen unseres Handelns in den nächsten Jahren uns Jahrtausende lang begleiten und die Landschaft des Lebens, wie wir sie kennen, neu gestalten werden. Auch in den ockerfarbenen Wüsten von New Mexico.

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Übersetzung: Michelle Winner

Dieser Beitrag ist zuerst bei unserem Kooperationspartner Foreign Policy erschienen.

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