Wahlen in Katalonien Die katalanische Unruhe wird teuer

Demonstration in Barcelona. Quelle: imago

Die nach Unabhängigkeit strebende spanische Region wählt ein neues Parlament. Unternehmer fürchten ein Patt zwischen Separatisten und Königstreuen.

José Louis Bonet ist keiner, der mit seiner Meinung hinter dem Berg halten würde. „Das ist Unsinn und nur verständlich, wenn man den Leuten Schaden zufügen will,“ sagt der Aufsichtsratsvorsitzende der spanischen Sektkellerei Freixenet über die neuesten Kapriolen katalanischer Unabhängigkeitsbefürworter.

Im Wahlkampf zum vorgezogenen Votum über ein neues Regionalparlament an diesem Donnerstag haben die nämlich nun die Losung ausgegeben, ein von Spanien unabhängiges Katalonien müsse per Volksabstimmung über seine Mitgliedschaft in der EU bestimmen dürfen. Freixenet hat seinen Sitz in der wirtschaftsstarken nordostspanischen Region, verkauft aber 80 Prozent seiner Produktion ins Ausland.

Das Unternehmen ist also schon deshalb auf den Verbleib in der EU angewiesen. Zudem hängt von stabilen politischen Verhältnissen auch der Preis ab, den die deutsche Sektkellerei Henkell für eine Mehrheit an Freixenet zu zahlen bereit ist. Geld, das die zuletzt schwächelnde Firma gut gebrauchen könnte, das aber wie zahlreiche andere Investitionen wegen der ungewissen Zukunft Kataloniens seit Monaten in der Warteschleife hängt. 

Der Zustand wird womöglich noch eine Weile dauern und Katalonien einen erheblichen Preis kosten: nach Berechnungen der Research-Abteilung der spanischen Großbank BBVA mindestens 20 Prozent des Wachstums. Denn die Katalanen sind mehr denn je gespaltener Meinung über den Weg, den ihre Region einschlagen sollte. Nicht auszuschließen, dass die Wahl am Donnerstag mit einem Patt zwischen Separatisten und treu zum spanischen Königreich stehenden Politikern endet. Eine Regierungsbildung wäre dann kaum möglich. Neuwahlen müssten angesetzt werden. Wer geglaubt hatte, die im Ausland lange Zeit belächelte Separationsbewegung hätte mit dem Machtwort aus Madrid Ende Oktober ihren Zenit überschritten, der muss sich noch in Geduld üben. Dass die spanische Notenbank unter diesen Umständen die Wachstumsprognosen der nächsten beiden Jahre für ganz Spanien lediglich um jeweils 0,1 Prozentpunkte senkte - auf 2,4 und 2,1 Prozent - ist nach Darstellung ihrer Ökonomen den verbesserten Markterwartungen vor allem in der Euro-Zone zu verdanken. 

Das Beispiel Freixenet-Henkell ist nur eines von vielen Projekten, die besserer Zeiten harren. „Investitionen im Volumen von 70 bis 100 Millionen Euro liegen derzeit auf Eis,“ sagt Albert Peters, Vorsitzender des Kreises deutschsprachiger Führungskräfte in Spanien. Da ist der Einstieg der Oetker-Tochter in Sant Sadurní d’Anoia im Hinterland von Barcelona gar nicht mit einberechnet. Dem Vernehmen nach sind sich die künftigen Partner immerhin einig, dass Henkell knapp 51 Prozent an Freixenet übernehmen wird. Branchenkenner schätzen den Preis dafür auf eine Summe zwischen 200 und 260 Millionen Euro. Für den Fall, dass das Wahlergebnis den Abschluss riskieren könnte, zieht Freixenet-Aufsichtsratschef Bonet sogar erneut eine Verlegung des Firmensitzes in Betracht. Zwischenzeitlich hatte er den Gedanken beiseite geschoben. „Das zerreißt mir zwar das Herz,“ sagt er. Doch wenn die Separatisten das Sagen im Parlament bekämen, sei diese Entscheidung das geringere Übel. „In dem Fall sage ich den Katalanen, den Spaniern und auch den Europäern eine schlechte Zukunft voraus.“

Regionalwahlen in Katalonien

Beinahe 3000 Unternehmen haben in den vergangenen Wochen ihre Firmensitze bereits eiligst verlegt. Die meisten nach Madrid, andere in die benachbarte Region Valencia. Großbanken, Energieversorger, Konzerne wie Mittelständler. Die spanische Zentralregierung hatte diesen Weg unbürokratisch ermöglicht, nachdem das verfassungswidrige Referendum über die Unabhängigkeit am 1. Oktober zu Gunsten der Separatisten ausgegangen war.

Auch deutsche Niederlassungen wie die des Versicherers Arag oder des IT-Dienstleisters GFT gehören dazu. Ob all die Unternehmen bei einem Wahlsieg der Unabhängigkeitsgegner zurückkehren werden, sei höchst ungewiss, sagt Peters, der für die Wirtschaftskanzlei Rödl & Partner arbeitet. „Bei einer Relation von 52 zu 48 Prozent der Stimmen kann man nicht von stabilen Verhältnissen sprechen, egal, wer letztendlich die Mehrheit erhält. Investitionssicherheit hängt aber von Rechtssicherheit ab.“

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