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Deutschlands Wirtschaft Lieferengpässe: Ein Amalgam für Stagflation

Engpässe bei Halbleitern bremsen die Produktion in der Automobilindustrie. Quelle: dpa

Deutschlands Unternehmen leiden unter Lieferengpässen. Das bremst die Produktion – und erhöht die Inflationsgefahren. Ein Gastbeitrag.

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Deutschlands Wirtschaft befindet sich nach wie vor im eisernen Griff der Corona-Pandemie. Die Stimmung der Unternehmen hat sich gemäß Umfrage des Münchner ifo Instituts zu Beginn des zweiten Quartals kaum gebessert. Beobachter sind enttäuscht, sie hatten mit einer Fortsetzung des zu Jahresbeginn einsetzenden kräftigen Aufwärtstrends beim ifo-Geschäftsklima gerechnet.

Immerhin haben sich die Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe trotz Lockdown in den vergangenen Monaten außerordentlich gut entwickelt und befinden sich deutlich über dem Vorkrisenniveau. Dies gilt sowohl für die Bestellungen aus dem In- wie aus dem Ausland. 

Dagegen ist die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe im Januar und Februar 2021 gesunken, sie zeigt bereits seit längerem eine eher verhaltene Entwicklung. Ihr Niveau liegt noch immer weit entfernt von dem des Vorkrisenjahres 2019. Die ausgeprägte Divergenz zwischen Aufträgen und Produktion, zwischen Nachfrage und Angebot setzte mit Beginn der Corona-Pandemie ein. Seit dem vierten Quartal 2020 ist der Unterschied zwischen tatsächlicher und der auf Grundlage der Auftragseingänge erwarteten Produktion so groß wie seit rund 30 Jahren nicht mehr.



Große Lücke 

Was ist die Ursache dafür?  Eine Erklärung könnte sein, dass die Unternehmen durch die vielen Krisen der vergangenen Jahre risikoaverser geworden sind. Sie könnten ein weiterhin volatiles und wenig berechenbaren Umfeld befürchten. Die schnelle Erholung der Nachfrage würde demnach als nicht nachhaltig betrachtet, und Aufträge würden gehortet. 

Allerdings ist zu bezweifeln, dass die Unternehmer in großem Umfang nach diesem Muster handeln. Denn sie müssten fürchten, angesichts mangelnder Lieferpünktlichkeit in Zukunft weniger Aufträge zu erhalten. Daher dürfte ein anderer Grund für die Lücke zwischen Aufträgen und Produktion maßgeblich sein: Die Unternehmen kämpfen gegen Lieferengpässe. So klagen 45 Prozent der von ifo befragten Unternehmen derzeit über Engpässe bei Vorprodukten. So groß waren die Nachschubprobleme noch nie seit der Wiedervereinigung. 

Damals wie heute sind die Angebotskapazitäten der Unternehmen mit einem schnellen und äußerst dynamischen Nachfrageschub konfrontiert - und werden von diesem zunehmend überfordert. Dazu kommt, dass der Lockdown viele ohnehin fragile globale Lieferketten durchtrennt hat. Zudem haben Verschiebungen im Konsumverhalten – weg von Dienstleistungen, hin zum Kauf von industriell erzeugten Gütern – die Frachtkapazitäten an ihre Grenzen gebracht. 

Branchen unterschiedlich betroffen

Die Anzahl der Industrieunternehmen, die mit Lieferkettenproblemen kämpfen, hat sich laut Umfrage der Bundesbank von Mitte 2020 bis Januar 2021 auf fast 20 Prozent verdoppelt. Dabei haben die Störungen bei den Lieferketten im Verlauf des Jahres 2020 zugenommen. Die Bundesbank spricht von einer möglichen Akkumulation von Lieferkettenstörungen. 

Besonders die Hersteller von Produktions- und Investitionsgütern sind von den Problemen betroffen. Empirische Analysen der IKB zeigen, dass die größten Abweichungen zwischen Angebot und Nachfrage im Automobilsektor, bei IT-Produkten und elektronischen Geräten zu finden sind. Angesichts der globalen Lieferketten und der hohen Vernetzung der globalen Wertschöpfung ist das nicht überraschend. Insbesondere die Engpässe bei Halbleitern dürften hier zu Problemen führen. 



Weniger ausgeprägt sind die Abweichungen in der Chemieindustrie sowie bei elektrischen Ausrüstungsgütern und Geräten. Wenig Probleme hat der Maschinenbau. In dieser Branche mit hoher inländischer Wertschöpfung liegen Produktion und durch Auftragseingänge geschätzte Nachfrage relativ gleichauf. In der Metallindustrie ist es vor allem die Metallbearbeitung und -erzeugung, die der Nachfrage aktuell hinterhereilt. 

Der Preisdruck nimmt zu

Die Lieferengpässe schlagen zunehmend auf die Preise durch. Empirische Analysen deuten darauf hin, dass die Überforderung der Produktionskapazitäten ein statistisch bedeutender Treiber für die Preisentwicklung im Verarbeitenden Gewerbe ist. In der zweiten Hälfte 2020 hat der Preisdruck messbar zugenommen. Die aktuelle Erholung der Rohstoffpreise verstärkt den Aufwärtstrend. So sind am aktuellen Rand deutliche Preiserhöhungen im Verarbeitenden Gewerbe erkennbar. Je länger die Engpässe währen, desto stärker geraten die Preise unter Druck. Steigende Preise und eine stagnierende Produktion sind das Amalgam für Stagflation. 

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Die Unternehmen sind daher gefordert, die Wertschöpfung entlang ihrer Produktionsketten auf den Prüfstand zu stellen und für die Zukunft hinreichend robuste Lieferketten zu entwickeln. Das mag den Preisdruck kurzfristig verschärfen, mittelfristig aber dürften Kapazitätsausweitungen und Investitionen die Inflationsgefahren entschärfen. Ob dies zu einer höheren Wertschöpfung in Deutschland führt, bleibt allerdings abzuwarten, da dies nicht zuletzt von der weiteren Entwicklung der Standortqualität abhängt.

Mehr zum Thema: Weltweit steigende Inflationsraten könnten dem Bullenmarkt an den Börsen über kurz oder lang ein jähes Ende bereiten. Ein Gastbeitrag von Nouriel Roubini.

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