Vorsorge-Untersuchungen Das lukrative Geschäft mit der Angst vor Krankheiten

60 Euro für einen Ultraschall, 20 für eine Augendruckmessung – ab einem bestimmten Alter mehren sich die Arzt-Termine. Doch lohnen sich die Ausgaben? Über Sinn und Unsinn kostenpflichtiger Vorsorgeuntersuchungen ab 50.

Was Sie über IGeL-Behandlungen wissen müssen
Was sind IGeL-Leistungen?Gesetzlich Versicherte erhalten nicht jede ärztliche Behandlung auf Krankenschein. Wer Leistungen in Anspruch nimmt, die nicht im Kassenkatalog aufgeführt sind, muss sie selber zahlen. Die Rede ist von „Individuellen Gesundheitsleistungen“, kurz IGeL. Ärzte verkaufen die IGeL-Behandlungen gerne: Die können sie anschließend den Patienten gesondert in Rechnung stellen. Quelle: dpa
Was sind die beliebtesten IGeL-Behandlungen?IGeL-Leistungen reichen von A wie Akupunktur zur Migräneprophylaxe bis U wie Ultraschall der Eierstöcke. Letzterer zählt nach Angaben der Krankenkassen und des IGeL-Monitors des Medizinischen Dienstes (MDS) zu den am häufigsten genutzten Angeboten. Das gilt auch für Glaukom-Vorsorgeuntersuchungen beim Augenarzt und Verfahren der Alternativmedizin. Quelle: dpa/dpaweb
Welchen Nutzen haben IGeL-Angebote?Der MDS, sprich die Wissenschaftler des IGeL-Monitors, bewertet seit gut drei Jahren die einzelnen Behandlungen, insgesamt 37 IGeL-Leistungen sind bisher analysiert worden. Die Ergebnisse sind nicht besonders erfreulich. 16 Angebote wurden von den Wissenschaftlern als negativ oder tendenziell negativ bewertet, 13 waren unklar und nur vier Leistungen waren tendenziell positiv. Quelle: dpa
Sind IGeL generell notwendig?Bei den privaten IGe-Leistungen ist die Frage der Notwendigkeit schwer zu beantworten. Wären die Behandlungen lebenswichtig, würden sie von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. Laut Gesetz müssen deren Leistungen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein. Trotzdem können einige IGeL-Angebote für den jeweiligen Patienten Sinn machen. Deshalb ist es besonders wichtig, dass die Patienten sich schon vor dem Arztbesuch umfassend informieren und wissen, dass sie die Kosten selbst tragen müssen. Quelle: dpa
Wie werden IGe-Leistungen "verkauft"?Besonders viele Angebote unterbreiten Frauen- und Zahnärzte. Laut einer Umfrage der Techniker Krankenkasse werden jedem zweiten Patienten private Leistungen angeboten. Für Mediziner gibt es sogar spezielle Verkaufsseminare, in denen die Männer und Frauen im weißen Kittel lernen, IGeL zu verkaufen. In Frauenarztpraxen beispielsweise gibt es oft einen regelrechten Katalog - bei Ankunft in der Praxis kann die Patientin ankreuzen, welches Angebot sie in Anspruch nehmen und privat bezahlen will. Quelle: dpa
Was müssen Patienten beachten?Zunächst sollten sich Patienten ausführlich von ihrem Arzt beraten lassen. Wer Zweifel hat, kann die Meinung eines zweiten Arztes einholen. Je nachdrücklicher der Arzt ihnen die Leistung aufdrängt, desto größer sollten die Zweifel sein. Quelle: dpa
Nicht erpressen lassen!Patienten berichten von Ärzten, die es mit der Wahrheit beim IGeL-Verkauf nicht so genau nehmen. So berichtete eine Frau der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, sie habe den Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung nicht zahlen wollen. Die Ärztin habe daraufhin eine Unterschrift von der Patientin verlangt, um nachweisen zu können, sie über die Leistung aufgeklärt zu haben. Suggeriert werden sollte damit, so die Patientin, die Kasse könnte im Ernstfall die notwendige Behandlung nicht zahlen. Laut den Verbraucherschützern müssen Patienten ein solches Formular keinesfalls unterschreiben. Die gesetzliche Kasse zahlt bei Erkrankungen auch, wenn private Vorsorgeleistungen im Vorfeld abgelehnt wurden. Quelle: dpa
Keine Eile!Übereilte Aktionen sind bei den IGeL-Behandlungen nicht nötig. "IGeL sind niemals dringend", mahnen Verbraucherschützer zur Ruhe. Patienten müssen also nicht von heute auf morgen festlegen, ob sie zahlen oder nicht. Quelle: dpa
Verlangen Sie einen Kostenvoranschlag!Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen rät, von Ärzten auf jeden Fall einen Kostenvoranschlag zu verlangen. Dann lässt sich zumindest die Größenordnung der Kosten abschätzen. Auf den Cent genau vorhersagen kann der Arzt die Kosten nicht – beispielsweise bei einer professionellen Zahnreinigung hängen die Kosten an der Dauer und Schwierigkeit der Reinigung. Quelle: Fotolia
Behandlungsvertrag und RechnungWer eine IGeL-Behandlung bezahlen möchte, sollte einen Behandlungsvertrag mit dem jeweiligen Arzt schließen. Im Normalfall wird der Arzt von sich aus darauf bestehen, da Sie sonst die Zahlung verweigern können. Quelle: Fotolia


Je älter wir Menschen werden, desto stärker fürchten wir, krank oder pflegebedürftig zu werden. 76 Prozent der Befragten über 50 Jahren bestätigten das in der YouGov-Studie „Die Vielfalt des Alterns“. Häufiger als jüngere Patienten gehen sie deshalb nicht zum Arzt, dafür konsultieren sie den Mediziner aus anderen Gründen. Jüngere Menschen haben eher psychische, ältere eher körperliche Beschwerden, bestätigt die Umfrage.

Die höheren Semester sorgen sich allerdings stärker, dass hinter ihren Symptomen eine ernsthafte Erkrankung steckt. Schließlich nehmen das Krebs-Risiko, sowie Augen- und Herzkreislauferkrankungen im Alter zu. Die Krankenkassen passen ihren Leistungskatalog in der Regel an. Etliche Vorsorge-Untersuchungen werden ab einem bestimmten Alter übernommen. Aber eben nicht alle. Gerade Kassenpatienten müssen sich oft mit einem niedrigeren Leistungskatalog zufrieden gebe und die Behandlungen selbst bezahlen.

Wo Patienten Informationen zu IGeL-Leistungen finden

Das ist bei den sogenannten IGeL-Leistungen der Fall. Die Mediziner können diese nach individuellem Ermessen abrechnen. Sie setzen selbst den Preis fest und kassieren direkt vom Patienten ab. „Viele Ärzte versprechen sich von den IGeL-Leistungen eine zusätzliche Einnahmequelle“, bestätigt eine Sprecherin der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV). Gleichzeitig fällt - wie bei Privatpatienten - der bürokratische Aufwand mit den Kassen weg. Das Geld fließt direkt zwischen Patient und Mediziner.

Entsprechend werben immer mehr Ärzte mit Flyern, Newslettern und Pappaufstellern in der Praxis für die zusätzliche Krebsvorsorge, Augendruckmessungen und Co. Teilweise werden Patienten ab einem bestimmten Alter sogar per schriftlicher Einladung auf die Vorsorge-Untersuchungen hingewiesen. Und gerade die Generation 50 plus hat sich als kaufkräftige Kundschaft erwiesen. Tatsächlich haben die Deutschen im Jahr 2012 1,3 Milliarden Euro für kostenpflichtige Vorsorge-Untersuchungen ausgegeben, heißt es in einem Bericht des Wissenschaftlichen Instituts der AOK.

Behandlungen sind oft nicht nötig

Dabei ist längst nicht alles sinnvoll, was werbewirksam angepriesen wird. „Notwendig sind Früherkennungsuntersuchen sozusagen per definitionem nicht“, sagt Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in Köln (IQWIG). Sie seien nur bei einem konkreten Verdacht nötig, sagt der Mediziner. Bei der Früherkennung richte sich die Maßnahme hingegen grundsätzlich an gesunde Menschen, die ihre Untersuchung entweder beim Arzt einkaufen oder ein Angebot der Krankenkassen in Anspruch nehmen.

Dabei ist es nicht immer einfach die Grenze zwischen IGeL- und Kassen-Leistungen zu unterscheiden. „Für die Ärzte ist die Abrechnung über die Kasse unter Umständen weniger lukrativ. Daher ist immer die Frage, ob sie diesen Sprung mitmachen. Also von der Vorsorge in die Behandlung wechseln, und die Patienten richtig informieren“, sagt GKV-Sprecherin Ann Marini.

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