Werner knallhart: Hohe Gastro-Preise, mauer Service: Das koche ich zuhause billiger!
Es gibt Geldeinnahme-Quellen, die es kollektiv zu verachten gilt. Ich finde es zum Beispiel unanständig, vor öffentlichen Toiletten menschliche Wachposten zu platzieren. Neben denen ein Schild mit dem Bild einer großen 50-Cent-Münze darauf, über der in nur mit einem Elektronenmikroskop lesbarer Buchstabengröße geschrieben steht: „Wir empfehlen für die Benutzung unserer stets hygienisch gepflegten Anlage eine freiwillige Abgabe von...“
Wenn nämlich in der Mall Gastronomie eingemietet ist, die (je nach Bundesland) verpflichtet ist, kostenlose Toiletten vorzuhalten und die 50 Cent daher gar nicht verlangt werden DÜRFEN, HERRSCHAFTEN!
Außerdem wird durch aufgestellte Teller suggeriert, dass die Wache schiebenden Damen und Herren das Geld wie ein Trinkgeld behalten dürfen. Was oftmals ja gar nicht stimmt. Das habe ich direkt vor Örtchen schon häufiger erfragen können, als auf beiden Seiten übereinstimmende Sprachkenntnisse vorhanden waren. Die müssen das Kleingeld an den Arbeitgeber abführen. So ist das nämlich!
Ich schildere Ihnen das, weil es mir eben gerade nicht um den halben Euro geht. Den wäre mir die Erlösung vom Harndrang jederzeit wert. Nein, es geht mir um diesen einen Kipppunkt. Den Moment, an dem man denkt: Kinners, jetzt reicht´s. Da kommt es nicht auf ein paar Cent an, sondern da geht es: genau, ums Prinzip.
Ja, dieser Kipppunkt kann erreicht werden durch das ungerechte Handaufhalten an der Toilette. Aber: Das Es-reicht-Gefühl trifft gegenwärtig auch andere Branchen. Wenn Leute bei Edeka sagen: „2 Euro 99 für eine einzige Avocado? Kinners, ich esse eine Möhre.“ Dann bleiben die Avocados liegen. Wenn Bürger wie allergisch reagieren auf eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags und wenn es nur 10 Cent wären. Weil ihnen eine Erhöhung an sich schon sauer aufstößt.
Und dann die Gastronomie! Hier schlägt das Unheil aus Sicht der Gastronomen gleich doppelt zu. Denn zum einen finden sich teilweise kaum noch hingebungsvolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zum anderen sind die Preise für die Lebensmittel nicht nur bei Edeka, sondern auch beim Gastro-Großhändler Metro gestiegen. Die Restaurantbetreiber merken die Inflation also auch in ihrer Profiküche.
Bekanntlich sparen wir Deutsche im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn ja gerne beim Genuss. Im Magen kommt ja eh alles zusammen. Da muss es sich für uns umso mehr „rentieren“, wenn wir tatsächlich mal schön essen gehen (statt uns Convenience Food zuhause reinzuhauen, was wir häufiger tun als andere Europäer).
Der Das-koche-ich-dir-zuhause-billiger-Effekt bedeutet Gefahr für die Gastro-Branche. Wegen der zwei Phasen der Abkehr:
Phase 1: „Das kann ich auch“
Wenn die halbwegs gesättigten Gäste mit der Serviette am Mund mal eben überschlagen: „Also, war okay, aber das hätte ich dir für den Preis auch gekocht, Marion! Sach ma, oder? Das kann ich auch. Oder? Sach ma.“
„Ja, schon. Also, vor allem den Salat. Den machst du doch immer so lecker mit diesen Dingern.“
„Croutons heißen die.“
Spaghetti, Pizza, Schweinefilet mit Champignonrahmsoße, Burger mit Süßkartoffelpommes, Stulle mit pochierten Eiern und Sauce Hollandaise aus dem Tetra Pak. Die durchschnittliche Restaurantmahlzeit kriegen viele mit ein bisschen Disziplin und Ehestreit durchaus hin. Aber sich bekochen zu lassen, ist eben der kleine Luxus im Alltag. Wenn der Service stimmt.
Phase 2: „Zuhause ist es entspannter“
Nicht nur bei Starbucks beschweren sich Leute über zu wenig Personal, wenn sie ewig auf ihre filzstiftbekritzelten und sirupbesudelten Kalorienbomben warten. Es fällt überall auf, nicht nur dann, wenn es die Kellner selber einräumen: „Wir sind zu wenig Leute.“
Nicht nur fehlt Service-Personal, oftmals entsteht der Eindruck, die mit viel Glück und Herzblut angeworbenen Mitarbeiter sind tief in sich drin: branchenfremd. Neulich kam ein Freund von mir irritiert vom Waschraum eines neuen Italieners in Berlin-Friedrichshain zurück: „Ey, die Kellnerin wollte mich nicht pinkeln lassen!“
Es war ihm weder auf Deutsch noch Englisch möglich gewesen, der Kellnerin begreiflich zu machen, dass er zwar von draußen reingekommen war, aber dennoch kein unwillkommener Passant war, sondern ein auf der Terrasse speisender Gast und damit doch wohl höchst sanitäranlagenwürdig.
Am Ende musste eine zweite Kellnerin das Gesprächs- und Gefühlschaos glätten. Er hätte seine Spaghetti Allioollio (oder wie die hießen) nicht mehr entspannt zerkaut runtergekriegt. Wem könnte man da einen Vorwurf machen? Allein der Bundesregierung, die es nicht schafft, Fachkräfte zu rekrutieren.
Und in meinem Lieblingsrestaurant war kürzlich ein Bereich dezent abgesperrt: zu wenig Personal für alle Tische. Doch die Gastronominnen und Gastronomen können die dringend benötigten Helfer ja nicht von der Straße hinter den Tresen prügeln. Wir sind hierzulande zu wenig gute Leute. Die Anwerbung und Ausbildung gut im Ausland vorgebildeter Menschen, die unsere westlichen Werte teilen, läuft zu langsam an. In so vielen Branchen.
Wie lässt sich das teurere Essen durch eine Service-Offensive kompensieren?
- Reservierung mit Wunschtisch (statt: „Das geht mit unserem System nicht.“)
- Begrüßung mit Namen (was dank Reservierungen so einfach wäre)
- keine Diskussionen bei Leitungswasser zum Wein
- Der Schluck Wein zur Probe vorab
- einfach ein gelassenes Lächeln und das ernsthafte Interesse daran, ob es schmeckt
Ich kenne wenige gute Läden, die das alles in etwa so handhaben können. Die sich ein „Das machen wir nicht“ einfach nicht erlauben. Dank genügend Leute im Team. Was kostet. Wird die Gastronomie diese Zwei-Phasen-Krise im Großen und Ganzen überstehen? Womöglich werden wir künftig wieder mehr zuhause kochen müssen. Das wird unsere Innenstädte womöglich ein weiteres Mal verändern. Wir brauchen mehr gute Leute.
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