Arbeitsmarkt unter Druck: Diese Karten zeigen, wo wirklich Fachkräftemangel herrscht
Zeit für eine datengestützte Analyse zum Fachkräftemangel.
Foto: dpa Picture-AllianceVielleicht ist der viel beklagte Fachkräftemangel ja doch kein so großes Problem mehr? Das ifo-Institut für Wirtschaftsforschung verkündete jedenfalls am Mittwoch, dass der Fachkräftemangel leicht abgenommen habe. Etwa jedes dritte der 9000 befragten Unternehmen beklagt demnach derzeit, dass es nicht genügend qualifizierte neue Leute rekrutieren könne. Im Jahr 2022 suchte noch fast jedes zweite Unternehmen nach geeignetem Fachpersonal.
Dass der Druck abgenommen hat, deckt sich mit der Beobachtung, dass viele Arbeitslose keinen oder nur schwer einen Job finden – trotz guter Lebensläufe. Manche meinen sogar, der Fachkräftemangel existiere gar nicht in dem Maße, wie er immer beklagt werde. Fachkräfte würden schlichtweg nicht gesehen.
Auf der anderen Seite spricht ifo-Experte Klaus Wohlrabe davon, dass der Fachkräftemangel die deutsche Wirtschaft aufgrund des demografischen Wandels sicherlich weiterhin begleiten und „sich wieder verschärfen“ wird.
Diese Informationslage macht es nicht leicht, den Überblick zu behalten. Zeit also für eine datengestützte Analyse zum Zustand des deutschen Arbeitsmarktes. Und ein erster Blick auf die bundesweite Karte zeigt: die Arbeitslosenquote ist regional sehr unterschiedlich.
Während viele Landkreise in Ostdeutschland, Rheinland-Pfalz und – vor allem – dem Ruhrgebiet eine hohe Arbeitslosigkeit aufweisen (in Gelsenkirchen liegt diese sogar bei 14 Prozent), ist im Süden Deutschlands das genaue Gegenteil der Fall. In der Stadt München etwa liegt die Arbeitslosenquote bei drei Prozent, im größeren Kreis München sogar nur bei zwei Prozent – das gilt als Vollbeschäftigung.
Der Ökonom Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sagt: „In den wirtschaftlich starken Regionen, vor allem in Süddeutschland, ist die Arbeitsmarktlage am besten. Hier besteht auch die größte Fachkräfteknappheit.“ Gerade Ostdeutschland habe jedoch aufgeholt. Der Bedarf an Fachkräften sei auch dort gewachsen. „Zugleich gibt es hier die größten Rückgänge beim Arbeitskräftepotenzial. Beides führt zu Knappheit“, erklärt Weber.
Der Mangel an Fachkräften trotz vieler Arbeitsloser, wie etwa im Ruhrgebiet, liegt meist in einer nicht passenden Ausbildung begründet. Angebot und Nachfrage passen dann einfach nicht zusammen: „Offene Stellen für Geringqualifizierte können in der Regel mit Arbeitslosen jedweder Qualifikation besetzt werden, da diese für die zu verrichtenden Tätigkeiten schnell angelernt werden können“, schreibt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zu dem Thema in einem Bericht. Ganz anders sei der Arbeitsmarkt für höher qualifizierte Berufe. „Hier ist ein kurzfristiges Anlernen unmöglich, wenn nicht entsprechende Abschlüsse oder Berufserfahrung vorliegen. Offene Stellen können deshalb nur mit passend qualifizierten Arbeitslosen besetzt werden“, schreibt das IW.
Trotz dieser großen regionalen Unterschiede liegt die Arbeitslosenquote bundesweit auf einem niedrigen Niveau – ein weiteres Indiz des Fachkräftemangels. Das Niveau war laut der Bundesagentur für Arbeit sogar seit 1981 nicht mehr so niedrig.
IAB-Forscher Weber meint aber, dass auch die aktuelle Arbeitslosenquote von 5,7 Prozent noch zu hoch sei. Nach dem Konzept der Vollbeschäftigung sei seiner Meinung nach eine Arbeitslosenquote von zwei bis drei Prozent anzustreben. Um dieser Arbeitslosenquote aber näherzukommen, „bedarf es weiterer Anstrengungen, vor allem im Bildungssystem und in der Arbeitsmarktpolitik sowie bei der Stärkung von Wettbewerb und wirtschaftlicher Dynamik“, erklärt Weber in einer Analyse. Auch bei der wirtschaftlichen Dynamik sieht es in Deutschland regional sehr unterschiedlich aus. Denn nicht überall, wo Menschen Arbeit suchen, gibt es auch Jobs.
Auf der Deutschlandkarte stechen Berlin und Nordrhein-Westfalen (NRW) besonders hervor. In beiden Bundesländern gibt es besonders viele Arbeitslose pro offener Arbeitsstelle. Nach den Zahlen der Arbeitsagentur kommen auf jede Stelle in Berlin fast zehn Arbeitslose. In NRW sind es noch über fünf.
Das liege wohl auch daran, dass „bei weitem nicht alle Stellen neu gemeldet werden“, erklärt Weber. Die Meldequote lag im ersten Quartal 2024 bei gerade einmal 44 Prozent. Bei den abgebildeten Stellen handelt es sich also nur um weniger als die Hälfte des gesamtwirtschaftlichen Stellenangebots. Es gibt also in einigen Bundesländern zu wenige Jobs, in anderen (wie in Bayern) zu wenige mögliche Arbeitskräfte.
Auch bei diesen Zahlen zeigt sich: den Fachkräftemangel gibt es nicht. Schon in den 15 Berufsgruppen mit den meisten gemeldeten offenen Arbeitsstellen sind die Unterschiede groß – sowohl was den Bedarf angeht als auch die Anzahl Arbeitsloser in der jeweiligen Berufsgruppe. In Verkauf, sowie Verkehr und Logistik ist der Bedarf mit jeweils über 57.000 Arbeitsstellen am größten. Allerdings stehen hier auch die meisten Arbeitslosen zur Verfügung mit 254.000 und 266.000 Menschen.
Die besonders große Knappheit gibt es jedoch im sozialen und technischen Bereich. Sie gipfelt in Mechatronik-, Energie- und Elektroberufen. Dort meldeten Arbeitgeber sogar mehr Arbeitsstellen (46.800) als es Arbeitslose gibt (41.700). Selbst wenn also jeder gemeldete Arbeitslose arbeiten würde, blieben Stellen unbesetzt.
Noch immer gibt es besonders viele offene Arbeitsstellen. Den historischen Wert des Jahres 2022 von fast 850.000 offenen Stellen unterschreitet der Arbeitsmarkt jedoch wieder. Eine so hohe Zahl hat es davor in der Geschichte der Bundesrepublik kein einziges Mal gegeben. Dieses Jahr liegt der Wert bei 700.000 Stellen.
Dieser Rückgang an freien Stellen bedeutet trotzdem nicht direkt, dass der Fachkräftemangel abnimmt. „Deutschland befindet sich seit zwei Jahren in einem Wirtschaftsabschwung“, erklärt Weber. „Es werden seitdem immer weniger Stellen neu gemeldet. Das ist wirtschaftlich problematisch, aber verringert auch die Knappheit.“
Anders gesagt: Auch ein Konjunktureinbruch drosselt den Bedarf an neuen, guten Leuten – ist aber dennoch kein gutes Zeichen für den Standort. Genau das passiert gerade in Deutschland.
Die aktuell geringere Knappheit der Fachkräfte sei aufgrund des zu erwartenden demografischen Wandels aber nur temporär. Der Ökonom warnt deshalb: „Die Knappheit war vor dem Abschwung so hoch wie seit dem Wirtschaftswunder nicht mehr und wird im nächsten Aufschwung wieder Rekordniveau erreichen.“
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