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VartaRettungskonzept für Varta steht – Porsche steigt ein

Porsche will bei Varta einsteigen – nun gibt es einen Kompromiss, wie der Batteriehersteller entschuldet werden soll. Die Aktionäre verlieren ihren Einsatz, Varta-Chef Ostermann spricht von einem „Meilenstein“. 19.08.2024 - 10:09 Uhr

Vor der Zentrale des Batterieherstellers Varta steht ein Porsche.

Foto: WirtschaftsWoche

Das Sanierungskonzept für den angeschlagenen Batteriehersteller Varta steht. Der Sportwagenbauer Porsche will mit 30 Millionen Euro einsteigen und damit zur Rettung beitragen. Großaktionär Michael Tojner, Porsche und die meisten Gläubiger verständigten sich nach langwierigen Verhandlungen auf einen Kompromiss, wie Varta entschuldet und mit frischem Kapital ausgestattet werden soll. Demnach sollen die Verbindlichkeiten von 485 Millionen auf zunächst 200 Millionen Euro reduziert werden, wie das Unternehmen am Samstag in Ellwangen mitteilte. Die Aktionäre verlieren gleichzeitig ihren Einsatz. Finanzvorstand Marc Hundsdorf sprach von einem entscheidenden Durchbruch.

Neue Varta-Eigentümer werden Tojner und Porsche, die eine Kapitalspritze von zusammen 60 Millionen Euro geben. Von den Gläubigern kommen weitere 60 Millionen als vorrangig besicherte Darlehen. Später könnte noch ein dritter Gesellschafter an Bord kommen. „Wir sind in fortgeschrittenen Gesprächen mit weiteren Investoren, die bei uns gerne einsteigen würden“, sagte Varta-Chef Michael Ostermann der Nachrichtenagentur Reuters.

Tojner sagte: „Mit der heutigen Einigung ist uns zusammen ein erster wichtiger Schritt gelungen, der die Stabilität der Varta AG sichert und den Weg für einen Neustart ebnet.“ Der österreichische Investor hält bisher gut 50 Prozent an Varta. Die gekappten alten und die neuen Kredite – zusammen 260 Millionen Euro – haben eine Laufzeit bis Ende 2027.

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von Melanie Bergermann

Varta-Chef Michael Ostermann hatte im Juli eine radikale Sanierung nach dem StaRUG-Restrukturierungsgesetz angekündigt. Das Unternehmen sei nach kostspieligen Fehlinvestitionen nicht mehr in der Lage, seinen Schuldenberg zu bedienen. „Ich bin froh, dass wir diesen wichtigen Meilenstein geschafft haben. Jetzt muss das alles in Verträge gegossen werden“, sagte er zu Reuters. „Bis das StaRUG-Verfahren beendet ist, kann es gut und gerne noch drei Monate dauern.“

Varta: Stellenabbau in der Verwaltung

Operativ drohen der Belegschaft laut Ostermann keine tiefen Einschnitte: „Wir wollen wachsen, sowohl mit Batteriespeichern für Fotovoltaik-Anlagen als auch mit den Knopfzellen für die Apple-Kopfhörer. Dort suchen wir derzeit sogar Personal“, sagte er. Varta werde an allen Standorten in Deutschland festhalten. Nur in der Verwaltung müsse es einen „moderaten“ Stellenabbau geben. „Wir werden Varta wieder auf einen profitablen Wachstumskurs bringen.“

Schneller schlau: StaRUG
Die Abkürzung steht für Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz. Das StaRUG ist eines der Werkzeuge, wenn es um die Rettung angeschlagener Unternehmen in Deutschland geht.
Mit dem 2021 in Kraft getretenen Gesetz erfüllte die Bundesregierung langjährige Forderungen von Insolvenzverwaltern und anderen Sanierungsexperten. Unternehmen, die operativ eigentlich lebensfähig sind, sollen nun nicht mehr zwangsläufig zum Insolvenzrichter gehen müssen, um ihre Finanzen in Ordnung zu bringen. In vielen Fällen war nur die Schuldenlast zu groß geworden, das Geschäft aber trotz Überschuldung profitabel. Vor dem StaRUG war ein Insolvenzantrag in Deutschland oft der einzige Weg, um die Interessen aller Gläubiger unter einen Hut zu bekommen – doch dadurch wurde oft mehr Porzellan zerschlagen als nötig. Dazu kam der psychologische Effekt: Das Stigma einer Insolvenz hatte viele Firmen und ihre Geschäftsführer zögern lassen – oft bis es zu spät war, um noch etwas zu retten.
Das StaRUG gibt Unternehmen die Möglichkeit, sich ohne ein Insolvenzverfahren zu sanieren, indem sie sich mit der Mehrheit der Gläubiger einigen – solange sie nicht zahlungsunfähig sind. Wenn 75 Prozent der Gläubiger einer Lösung – etwa einem Schuldenschnitt – zustimmen, können die anderen das nicht mehr blockieren. Bis dahin war Einstimmigkeit nötig. Das hatten einige Gläubiger genutzt, um ihre Muskeln spielen zu lassen, wenn sie nicht viel zu verlieren hatten. Als Ausweg aus einer solchen Situation hatten einige angeschlagene Unternehmen den Firmensitz etwa nach Großbritannien verlegt, wo Gerichte den Widerstand einzelner Gläubiger aushebeln konnten. Das ist nun nicht mehr nötig.
Mit dem Schutzschirmverfahren hatte der Gesetzgeber 2012 eigentlich ein vorinsolvenzliches Verfahren schaffen wollen. Doch Lieferanten und Banken bekamen schnell Wind davon, dass der Schutzschirm in den meisten Fällen in die Insolvenz mündete, und stellten eilends ihre Forderungen fällig – womit die Insolvenz erst recht unausweichlich wurde.Angeschlagene Firmen scheuten den Schutzschirm, weil er trotz allem den Makel der Pleite trug. Für das StaRUG-Verfahren ist dagegen kein formeller Antrag nötig, die Hemmschwelle für die Geschäftsführung ist gering. Sie muss nur den Gläubigern einen Restrukturierungsplan vorlegen, einen externen Aufpasser gibt es nicht.

Seit Montag hatten Eigentümer und Gläubiger um eine Lösung gerungen. Seit Juli lagen zwei Vorschläge auf dem Tisch – einer von Tojner und Porsche, ein anderer von den Gläubigern. Nach dem Kompromiss geben diejenigen Banken, die frische Kredite geben, 36 Prozent möglicher künftiger Ausschüttungen. Sie brauchen dafür aber wohl einen langen Atem. Rechtlich halten Tojner und Porsche je 50 Prozent. Die Volkswagen-Tochter will sich mit dem Fortbestand von Varta vor allem den Zugriff auf Hochleistungs-Batterien für ihre Hybrid- und Elektro-Sportwagen sichern. An dieser Sparte mit dem Namen „V4Drive“ will Porsche sogar eine klare Mehrheit übernehmen, wie Ostermann bekräftigte.

Trotz des drohenden Totalverlustes war Varta am Freitag noch gut 160 Millionen Euro wert. Denn Kleinaktionäre und spekulative Anleger setzten darauf, dass sie wenigstens das Recht erhielten, an einer Kapitalerhöhung teilzunehmen. Doch sie gehen leer aus, Varta wird von der Börse genommen. „Wir haben alles versucht, die Kleinaktionäre noch an Bord zu holen – aber das ist in dieser Situation rechtlich nicht möglich“, sagte Ostermann. Varta könne mangels eines geprüften Jahresabschlusses keinen Prospekt erstellen, der für eine breite Kapitalerhöhung nötig wäre.

Ein Alternativvorschlag einiger Schuldscheingläubiger, der ein Bezugsrecht für alle Aktionäre vorgesehen hätte, wurde Teilnehmern zufolge deshalb als nicht umsetzbar abgelehnt. Die Zeichner der Schuldscheine, darunter mehrere Hedgefonds, haben mit 250 Millionen Euro bei Varta am meisten im Feuer. Sie sind aber gespalten; ein Teil von ihnen unterstützt die Einigung. Nach dem StaRUG können einzelne Gläubiger eine Sanierung nicht blockieren.

Lesen Sie auch: Was hat Porsche mit Varta vor?

rtr
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