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Pleiten und KursstürzeWomit Anleger am Kapitalmarkt Milliarden verlieren

Mit den falschen Aktien können Anleger viel Geld verlieren. Aktionärsschützer küren regelmäßig die größten Kapitalvernichter an der Börse. Doch die gefährlichsten Investments lauern nicht am Aktienmarkt.Mark Fehr 22.03.2018 - 16:28 Uhr

Wie nach jeder Großpleite fordern Verbraucherschützer auch nach dem P&R-Debakel wieder strengeren Anlegerschutz.

Foto: imago images

Die Anlegerschützer der DSW haben zum Start der Hauptversammlungssaison wieder ihre viel beachtete Schreckensliste mit den verlustträchtigsten Börsenunternehmen veröffentlicht. Auf dieser Liste landen die 50 deutschen Werte mit der schlechtesten Kurs- und Dividendenentwicklung in den zurückliegenden fünf Jahren - ein Ranking des Grauens.

Ganz vorn steht der Möbelhausbetreiber Steinhoff, der wegen grober Ungereimtheiten in seiner Bilanz innerhalb eines Jahres mehr als 90 Prozent an Wert verlor. Um diesen Verlust wettzumachen, müsste der Kurs jetzt um mehr als 900 Prozent steigen – so gut wie ausgeschlossen.

Mit der Deutschen Bank und dem Energiekonzern RWE schafften es auch prominente Dax-Größen auf die Schreckensliste. Die DSW-Liste demonstriert beeindruckend, wie viel Geld man mit Aktien verlieren kann. Allerdings – darauf weist die DSW ebenfalls hin – lauern die größten Kapitalvernichter derzeit nicht an der Börse, wie die spektakuläre Insolvenz des Schiffscontainerunternehmens P&R zeigt.

Hier stehen rund 3,5 Milliarden Euro Kapital von 50.000 bis 70.000 betroffenen Privatanlegern im Feuer. Die haben laut Anlegeranwalt und DSW-Vizepräsident Klaus Nieding auffällig hohe Beträge investiert, meist zwischen 30.000 und 40.000 Euro. Man kann wohl davon ausgehen, dass es sich dabei um große Teile des gesamten Vermögens der jeweiligen Anleger handelt, die mehr oder weniger alles auf eine Karte gesetzt haben.

Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der DSW, weist angesichts der P&R-Pleite auf einen gefährlichen Nachteil des grauen Kapitalmarkts hin: Während Anleger verlustträchtige Aktien jederzeit an der Börse verkaufen könnten, um ihren Schaden zu begrenzen, gebe es bei Direktinvestitionen wie im Fall P&R keinen Ausweg. Von Anlagen am grauen Kapitalmarkt können Anleger sich selbst in guten Zeiten so gut wie nie trennen. Und wenn eine Pleite des Investments vor der Tür steht, schon gar nicht.

An der Börse dagegen ist es möglich, auch sehr geringe Summen in einzelne Wertpapiere zu stecken. So können Anleger ihr Geld vor großen Einzelrisiken schützen. Was eine solche Streuung bewirken kann, zeigt auch ein Blick in die Schreckensliste der DSW. Darin tauchen zwar auch Kapitalvernichter wie Steinhoff auf. Wer jedoch sein Geld gleichmäßig auf die 50 schlechtesten Börsenunternehmen verteilte, konnte im vergangenen Jahr sogar ein Plus von zwölf Prozent erzielen. Die 50 Börsenschlusslichter haben sich damit auch nicht viel schlechter entwickelt als die 30 Großunternehmen im Aktienindex Dax.

Während die Geldanlage in börsennotierte Wertpapiere durch die EU-Richtlinie MiFID2 ab Januar 2018 so stark bürokratisiert wurde, dass manchen Anlegern und Finanzberatern schon fast die Lust auf Aktien vergangen ist, wurde der viel gefährlichere graue Kapitalmarkt nach der Finanzkrise nur schwach reguliert.

Sogenannte Finanzberater können Verbrauchern immer noch alle erdenklichen Kapitalanlagen andrehen. Im Vertrieb scheint die Devise zu gelten: Je schlechter das Produkt, desto überzeugender muss der Berater auftreten, um seinen Kunden die Geldanlage schmackhaft zu machen. „Keinem Anleger fällt morgens beim Zähneputzen ein, dass er sein Geld ausgerechnet in Schiffcontainer stecken könnte“, sagt DSW-Geschäftsführer Tüngler. Stattdessen werde eine solche Anlage in den schillerndsten Farben beworben, wenn es der Berater einmal in das Wohnzimmer des Kunden geschafft habe.

Kein Wunder, dass üppige Provisionen an die Dampfplauderer der Finanzvertriebe fließen. Bei P&R-Investments kann man laut DSW von 15 Prozent Provision ausgehen – viel Geld aus den Taschen der Anleger, das gar nicht erst in das Investment fließt, sondern im Vertrieb versickert.

Beathe Uhse (2017)

Der Erotik-Händler Beate Uhse setzte auf falsche Strategien und verschlief Trends. Die Folge: 18 Jahre nach seinem Börsengang im Jahr 1999 beantragte das Unternehmen im Dezember 2017 Insolvenz in Eigenregie. Parallel läuft nun der Verkaufsprozess. Beate Uhse wurde 1946 von der früheren Luftwaffenpilotin Beate Rotermund-Uhse gegründet, 1962 eröffnete ihr Unternehmen in Flensburg den ersten Sexshop der Welt.

Foto: dpa

Air Berlin (2017)

Selten wurde eine Insolvenz so intensiv öffentlich ausgebreitet wie bei Air Berlin. Seit sich die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft im August 2017 für zahlungsunfähig erklärte, verschwand der Konzern nicht mehr aus den Schlagzeilen. Die Firmenpleite war wohl die spektakulärste des Jahres 2017, dabei kam sie nicht mal überraschend: Es galt als sicher, dass Air Berlin das Jahr nicht in seiner bisherigen Form überleben würde. Die roten Schokoherzen der 1978 gegründeten Fluggesellschaft sind jetzt Sammlerstücke.

Foto: dpa

Solarworld (2017)

Die 1988 gegründete Solarworld AG musste nach sechs verlustreichen Jahren im Mai 2017 Insolvenz anmelden. Der Gründer und Chef des Photovoltaikkonzerns, Frank Asbeck, kaufte einige Monate später die beiden deutschen Fabriken und mehrere Tochtergesellschaften im Ausland. Investoren aus Katar unterstützen Asbeck bei dieser Teilrettung.

Foto: dpa

Alno (2017)

Für die 410 Mitarbeiter des insolventen Küchenherstellers Alno gab es Ende des Jahres 2017 doch noch eine gute Nachricht. Finanzinvestor Riverrock kaufte den Konzern für 20 Millionen Euro und will den Betrieb, der schon längst eingestellt war, weiterlaufen lassen. Damit können fast alle Mitarbeiter mit dem Erhalt ihres Arbeitsplatzes rechnen – obwohl sie zuvor nach Hause geschickt worden waren. Lange Zeit war kein Käufer in Sicht. Alno wurde 1927 als Schreinerei in Wangen bei Göppingen gegründet, der Name stammt von Gründer Albert Nothdurft.

Foto: dpa

Deutsche Touring (2017)

Die fast 70 Jahre alte Deutsche Touring musste im April 2017 wegen drohender Zahlungsunfähigkeit den Gang zum Amtsgericht antreten. Das 1948 gegründete Unternehmen wollte sich neu aufstellen, um auch künftig in der von einem aggressiven Preiswettbewerb gekennzeichneten Branche bestehen zu können. Der Fernreisebus-Anbieter aus Eschborn bei Frankfurt betreibt nach eigenen Angaben 260 Linien und Zubringerstrecken in 34 europäischen Ländern. Im August 2017 übernahm der langjährige Partner CroatiaBus/Globtour den Geschäftsbetrieb und führt den Linienverkehr fort.

Foto: WirtschaftsWoche

Mifa (2014 und 2017)

Der Fahrradhersteller Mifa aus Sachsen-Anhalt meldete im September 2014 Insolvenz in Eigenverwaltung an. Im Dezember 2014 übernahm die Unternehmerfamilie Nathusius den Fahrradhersteller. Im Dezember 2016 wurde ein neues Werk in Sangerhausen eröffnet. Doch schon im Januar 2017 musste Mifa überraschend erneut Insolvenz anmelden. Nach dem Verkauf an den Unternehmer Stefan Zubcic nahm das Unternehmen unter dem neuen Namen Sachsenring Bike Manufaktur im August 2017 die Produktion wieder auf.

Foto: dpa

Sinn-Leffers (2008 und 2016)

Die Modekette Sinn-Leffers hat im September 2016 erneut Insolvenzantrag gestellt. Die beiden traditionsreichen Modehändler Sinn und Leffers hatten 1997 fusioniert, von 2001 bis 2005 gehörte das Unternehmen zum Essener Karstadt-Quelle-Konzern, bis es von der Deutschen Industrie Holding (DIH) übernommen wurde. 2008 ging Sinn-Leffers schon einmal in die Insolvenz, bei der rund die Hälfte der Filialen geschlossen wurde. 2013 übernahm der Textilunternehmer Gerhard Wöhrl die Kette. Im Juli 2017 wurde das zweite Insolvenzverfahren aufgehoben.

Foto: AP

Fleischmann (2015)

Der Modelleisenbahn-Hersteller Fleischmann stellte Anfang August 2015 einen Insolvenzantrag. Nach Angaben des Unternehmens mit Sitz im bayerischen Heilsbronn waren die verbliebenen 33 Mitarbeiter nicht in der Lage, die Betriebspensionen von mehr als 600 ehemaligen Mitarbeitern zu erwirtschaften. Im Dezember 2015 wurde die Traditionsfirma aber durch eine Umschuldung gerettet.

Foto: dpa

Kettler (2015)

Ein Schock für alle Kettcar-Fans: Der Fahrrad- und Freizeitartikel-Hersteller Kettler beantragte Insolvenz. Das Traditionsunternehmen wurde 1949 von Heinz Kettler im westfälischen Ense gegründet und in den 1960er-Jahren mit dem markanten Kettcar bekannt. Das beliebte vierrädrige Tretauto mit Pedalantrieb (Foto) wurde nach Firmenangaben 15.000 Mal verkauft. Im Juni 2015 meldete Kettler Insolvenz an – mit dem Ziel, das Unternehmen in Eigenverwaltung neu auszurichten. Am 1. April 2016 wurde der normale Geschäftsbetrieb wieder aufgenommen.

Foto: dpa Picture-Alliance

Metz (2014)

Der Fernseher- und Blitzgerätehersteller Metz meldete Ende 2014 Insolvenz an. Die 1938 gegründete Firma aus dem fränkischen Zirndorf konnte sich auf dem stark umkämpften Fernsehmarkt nicht mehr richtig behaupten: Die Nachfrage nach TV-Geräten sinkt ohnehin, hinzu kommen asiatische Anbieter mit günstigeren Produkten. Anfang Mai 2015 übernahmen zwei Investoren Metz.

Foto: dpa

Strauss Innovation (2014)

Die Modekette Strauss Innovation geriet 2014 in eine finanzielle Schieflage und beantragt daraufhin Insolvenz in Eigenverwaltung. Im Rahmen des Sanierungskonzepts wurden 17 der 96 Filialen geschlossen sowie 200 der insgesamt 1400 Mitarbeiter entlassen. Zum Jahresende 2014 übernahm die Beteiligungsgesellschaft Mühleck Family Office die insolvente Kette.

Foto: dpa

Loewe (2013)

Auch der Elektronikhersteller Loewe aus dem oberfränkischen Kronach stellt 2013 einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung. Der erste Investor, Panthera, sprang jedoch kurz vor der geplanten Übernahme ab. Als Retter wurde im Frühjahr 2014 das Münchner Unternehmen Stargate Capital gefunden. Der Großteil der Mitarbeiter konnte bleiben.

Foto: dpa

Schlecker (2012)

Die wohl größte Pleite des Jahres 2012: Das 1975 gegründete Drogerieunternehmen Schlecker meldete zu Jahresbeginn Insolvenz an – kurz darauf kam es zu mehreren Schließungs- und Entlassungswellen. Politische Rettungsversuche und Verhandlungen mit Investoren scheitern, so dass im Juli 2012 die Gläubiger die Zerschlagung des Unternehmens beschlossen. Mehr als 20.000 Mitarbeiter verloren ihren Job.

Foto: dpa

Schiesser (2009)

Der Unterwäsche-Hersteller Schiesser meldete im Februar 2009 Insolvenz an – damit verbunden fielen 90 Arbeitsplätze am Unternehmensstandort Radolfzell weg. Das Unternehmen wurde 1875 von dem damals 27-jährigen Schweizer Jacques Schiesser gegründet und gehörte bis zu seiner Insolvenz der Schiesser Group AG an. Ende 2010 wurde die Insolvenz aufgehoben.

Foto: AP

Karstadt (2009)

Der Karstadt-Niedergang gilt als größte Pleite der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Die Warenhauskette rutschte 2009 mit ihrem früheren Mutterkonzern Arcandor in die Insolvenz – Krisenjahre folgen, in denen wechselnde Eigentümer wie Nicolas Berggruen und René Benko das Traditionskaufhaus umstrukturieren wollen.

Foto: dpa

Woolworth (2009)

Der deutsche Ableger der Billigkaufhauskette Woolworth rutschte 2009 in die Pleite. Im Mai 2010 übernahm die HH-Holding, die Dachgesellschaft der Unternehmensgruppe Tengelmann, die deutschen Märkte. Im Zuge der Übernahme wurde der Firmensitz von Frankfurt nach Unna verlegt.

Foto: dpa

Märklin (2009)

Der Hersteller von Modelleisenbahnen und Kinderspielzeug aus dem schwäbischen Göppingen gilt als Opfer der Finanzkrise. Märklin meldete im Jahr 2009 Insolvenz an und strich kurz darauf mehrere hundert Stellen. Vier Jahre später übernahmen Simba-Dickie-Gründer Michael Sieber und sein Sohn Florian das Unternehmen. Mittlerweile hat sich Märklin wieder stabilisiert und einen Teil der Produktion aus Fernost zurück nach Deutschland verlagert.

Foto: WirtschaftsWoche

Rosenthal (2009)

Scherben eines zerbrochenen Rosenthal-Tellers: Der Hersteller von Porzellan- und Haushaltswaren blickt auf schwierige Jahre zurück. Die damalige Rosenthal AG gehört seit 1997 zum britisch-irischen Waterford Wedgwood Konzern. Als dieser im Juni 2008 in Liquiditätsschwierigkeiten gerät und sein Rosenthal-Aktienpaket abstößt, muss auch der Porzellanhersteller im Januar 2009 Insolvenz anmelden. Ein halbes Jahr später wird das deutsche Unternehmen vom italienischen Haushaltswarenhersteller Sambonet Paderno gekauft und seitdem als eigenständige GmbH weitergeführt.

Foto: dpa

Grundig (2003)

Grundig gilt lange Zeit als Symbol des westdeutschen Wirtschaftswunders: Der Elektronikkonzern wird 1930 in Fürth gegründet und stellt in den Jahrzehnten darauf wegweisende Fernsehgeräte für ganz Europa her. Grundig kauft Unternehmen wie die Adlerwerke und Triumph auf, die 1956 zur Triumph-Adler AG fusionieren. In den 1980er-Jahren bricht der Umsatz von Grundig erstmals ein – und das Unternehmen erholt sich seitdem nicht mehr richtig. Der Zahl der Mitarbeiter schrumpft von 28.000 (in den späten 1980er-Jahren) auf 3500 (im Jahr 2003). Ebenfalls 2003 meldet Grundig dann Insolvenz an.

Foto: AP

Wie nach jeder Großpleite fordern Verbraucherschützer auch nach dem P&R-Debakel wieder strengeren Anlegerschutz. Im Fall der Graumarktinvestments ist diese Forderung nicht nur reflexartig, sondern wirklich angebracht. Wer auf dem grauen Markt Anlegergeld einsammeln will, muss zwar einen Prospekt schreiben, der auch von der Finanzaufsicht Bafin geprüft wird. Die allerdings winkt die Pamphlete durch, sofern ihr keine groben Ungereimtheiten oder formale Defizite darin auffallen. Ein Check des Geschäftsmodells bleibt dem Anleger überlassen.

Bei P&R hätten die Aufseher laut Anlegerschützer Klaus Nieding allerdings auch schon bei der nur oberflächlichen Plausibilitätsprüfung stutzig werden können. Das Unternehmen steht nämlich im Verdacht, überhöhte Mieten für die Schiffscontainer angesetzt zu haben, um die Rendite zu schönen. Vielleicht hätte hier schon ein Vergleich der marktüblichen Containermieten mit den Angaben des Anlageprospekts das Schlimmste verhindert.

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