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Konjunktur„Vorsicht vor der Stagflation“

Was passiert, wenn der Aufschwung schwächer ausfällt als erhofft und die Inflation trotzdem steigt? Der Ökonom Gunther Schnabl warnt vor einer toxischen Kombination wie in den Siebzigerjahren.Tina Zeinlinger 30.03.2021 - 06:00 Uhr

Ein Blick auf eine leere Straße am ersten autofreien Sonntag in München während der Ölkrise 1973.

Foto: imago images

WirtschaftsWoche: Herr Schnabl, die Inflationsängste in Deutschland wachsen. Zu Recht?
Gunther Schnabl: Ja. Die Rücklagen und Ersparnisse sind in den vergangenen Monaten gewachsen, weil im Lockdown und aufgrund der Reisebeschränkungen deutlich weniger gekauft wurde. Ich erwarte einen Preisschub durch den Nachholeffekt: Der Konsumhunger ist groß, wodurch die Kunden bereit sind, höhere Preise zu bezahlen. Das Ganze verstärkt sich, sobald auch Restaurants, Hotels und die Grenzen wieder öffnen - auch weil viele Geschäfte und Dienstleister ihre Verluste der vergangenen Monate ausgleichen müssen.

Das klingt, als wäre der Post-Corona-Aufschwung für Sie nur noch eine Frage der Zeit.
Der Post-Corona-Aufschwung ist in Deutschland keinesfalls gesichert. Es ist durchaus denkbar, dass auf mittlere Frist das Wachstum stagniert und es sogar zu Stagflation kommt, also zu einer Kombination von Stagnation und Inflation.

Der Begriff stammt aus den 1970er Jahren, als man während der Ölkrise versuchte, mit Inflation die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Daraufhin stiegen allerdings sowohl die Preise als auch die Arbeitslosigkeit. Stagflation ist ein sehr gefährliches Phänomen, weil sie schwer zu bekämpfen ist. Um steigende Preise einzudämmen, müssten die Notenbanken eigentlich die Zinsen anheben, was jedoch das Wachstum hemmt. Die Geschichte lehrt uns: Stagflation ist ein wirtschaftspolitisches Dilemma, weil sich nicht beides auf einmal lösen lässt.

Gunther Schnabl ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig.

Foto: Presse

Was würde ein solches Szenario für Konsumenten und Unternehmen bedeuten?
Stagflation würde für Konsumenten bedeuten, dass die Preise steigen, während die Lohnerhöhungen nicht Schritt halten. Man kann sich mit seinem Gehalt also immer weniger leisten. Die Unternehmen wären mit einer schwachen Nachfrage konfrontiert. Die beschleunigte Inflation würde zwar die Staatsverschuldung real entwerten - aber auch die Ersparnisse.

Derzeit steigen die Erzeugerpreise schneller als die Verbraucherpreise. Vor allem Vorleistungsgüter verteuern sich. Was steckt dahinter?
Die Produzenten sind im Zuge der Corona-Maßnahmen mit wachsenden Kosten durch Regulierung konfrontiert. Die Handelshemmnisse wachsen und die internationalen Transportkosten haben zugenommen. Viele Produzenten suchen neue Lieferanten, erhöhen die Lagerhaltung oder holen die Produktion von Vorprodukten ins eigene Unternehmen zurück. Das führt zu einem Anstieg der Preise, der von den Produzenten ausgeht.

Wie lautet Ihre Prognose für die nahe Zukunft?
Die umfangreichen Anleihenkäufe der EZB und anderer Zentralbanken haben die Geldmenge deutlich ansteigen lassen. Das könnte dazu führen, dass nicht nur – wie schon bisher – die Vermögenspreise weiter steigen, sondern auch verstärkt die Konsumentenpreise. Zudem wird die Inflation auch durch die staatliche Nachfrage und durch die Nachfrage der Empfänger staatlicher Transfers begünstigt. Im Kontext des Klimaschutzes und des Lieferkettengesetzes könnten weitere Regulierungen und Handelshemmnisse hinzukommen, die die Erzeugerpreise erhöhen. Auch sogenannte Lohn-Preis-Spiralen könnten entstehen, wenn der Staat neu gewonnene Finanzierungsspielräume für Lohnerhöhungen im öffentlichen Sektor sowie zu höheren Sozialleistungen nutzt.

Mehr zum Thema: Die Ökonomen Charles Goodhart und Manoj Pradhan warnen vor der Rückkehr der Inflation. Sie glauben: Die Weltwirtschaft steht vor einer Zeitenwende.

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