Leserfrage: Ist Enteisungsmittel an europäischen Flughäfen wirklich knapp?
Am Flughafen Schiphol in Amsterdam kam es Anfang Januar 2026 zu einem kritischen Mangel an Enteisungsflüssigkeit. Da der deutsche Lieferant wetterbedingt keine Nachlieferungen garantieren konnte, schickte die Fluggesellschaft KLM sogar eigene Tankwagen nach Deutschland, um die Flüssigkeit direkt abzuholen. Mittlerweile ist die Versorgung durch den Antransport von über 100.000 Litern wieder gesichert, wie der Flughafenbetreiber angibt.
Dennoch mussten allein in der vergangenen Woche über 700 Flüge gestrichen werden, was von Mitarbeitern als großer Imageschaden für den Standort kritisiert wurde.
Ist Enteisungsmittel an europäischen Flughäfen also gerade knapp? Kurz und knapp gesagt: Nein.
Flugzeugenteisungsflüssigkeit ist im Kern ein Gemisch aus Glykol und Wasser. Sie wird eingesetzt, um Eis und Schnee von den Tragflächen, dem Rumpf und mechanischen Teilen zu entfernen oder deren Neubildung zu verhindern. Die eingesetzten Mittel müssen dabei strengen internationalen Standards entsprechen. Und: Sie sind an den meisten europäischen Flughäfen derzeit ausreichend vorhanden.
Tatsächlich handelt es sich bei dem jüngsten Versorgungsmangel in Amsterdam um einen Einzelfall. Von einer generellen Knappheit an Enteisungsmitteln an europäischen Flughäfen kann keine Rede sein. Auf Anfrage gibt etwa kein einziger deutscher Flughafen an, sich um seinen Vorrat an Enteisungsmitteln zu sorgen. Man sehe sich hier gut aufgestellt und sei bei Bedarf jederzeit in der Lage, kurzfristig Nachschub zu bekommen, so der Tenor. Auch die Flughäfen Paris und Brüssel berichten von keinerlei Problemen mit der Bevorratung von Enteisungsmitteln.
Ob in Berlin, Hamburg, München, Stuttgart oder Düsseldorf: Überall berichten die Betreiber von einer ausreichenden Versorgung und, falls nötig, zügigen Nachlieferungen. München weist beispielsweise auf eine Liefergarantie innerhalb von 24 Stunden hin. Ohnehin, so teilt der Flughafen Hamburg mit, nutze man einen anderen Hersteller des Enteisungsmittels als der Flughafen Amsterdam.
Auch große Hersteller wie BASF geben an, dass die Produktion von Grundstoffen für Enteisungsmittel derzeit normal läuft und keine Marktknappheit bekannt sei: „Unsere Produktion von Propylenglykol, das als Zusatzmittel zur Enteisung von Flugzeugen eingesetzt wird, läuft vollkommen normal und wir können unsere Kunden in gewohntem Umfang versorgen“, so ein Unternehmenssprecher. Und weiter: „Aktuell sehen die Kollegen auch keine höhere Nachfrage.“ Auch eine Knappheit anderer Vorprodukte für Enteisungsmittel sei dem Unternehmen nicht bekannt.
Das britische Unternehmen Clariant, das viele europäische Flughäfen beliefert, räumt derweil zwar ein, dass die Lieferketten unter einem „so noch nie zuvor gesehenen Druck“ stünden. Allerdings sei man dank eines „großen Netzwerks von Produktions- und Lieferstellen“ in der Lage, alle Kunden zu versorgen. Man stehe „in engem Kontakt mit Fluggesellschaften, Flughäfen und Lieferanten“, um „die Beeinträchtigungen des Luftverkehrs während dieser Phase extremer winterlicher Wetterbedingungen so gering wie möglich zu halten“.
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