Wirtschaft von Oben #365 – Proteste im Iran: Welche Stützpunkte Amerika für einen Schlag gegen den Iran nutzen könnte
Die Ende Dezember im Iran ausgebrochenen Proteste haben sich zur ernsthaften Gefahr für das autoritäre Regime des Irans entwickelt. US-Präsident Donald Trump bringt einen möglichen Militäreinsatz ins Spiel: „Wir prüfen dies sehr ernsthaft, das Militär prüft dies, und wir prüfen einige sehr starke Optionen“, sagte er am Sonntag Journalisten. Medienberichten nach ist für Dienstag ein Treffen mit US-Militärs angesetzt. Nach dem US-Luftschlag gegen Venezuela und der Gefangennahme von Staatschef Nicolás Maduro stellt sich automatisch die Frage, ob sich auch Irans geistlicher Führer Ali Khamenei Sorgen machen muss.
Die Möglichkeiten dazu sind da. Die Amerikaner unterhalten eine beachtliche Zahl an Stützpunkten in Nahost. Hierzu gehören sowohl große, dauerhaft von den USA kontrollierte Basen und Flughäfen, als auch mitgenutzte Militärinfrastruktur Verbündeter, sowie kleinere und temporäre Stützpunkte. Insgesamt befinden sich Schätzungen zufolge dauerhaft zwischen 30.000 und 40.000 US-Soldaten in der Region.
Im Falle von großen Militäreinsätzen wurden in der Vergangenheit jedoch immer zusätzliche Kräfte aus den USA hinzugezogen. Während des Irakkrieges waren über 150.000 US-Soldaten vor Ort, und auch während des zwölftägigen, von den USA unterstützten israelischen Luftschlags auf den Iran 2025 wurden zusätzliche B2-Bomber auf den Stützpunkt Diego Garcia im Pazifik verlegt. Gerade deshalb sorgen aktuelle Truppenverlegungen von den USA nach Großbritannien unter Militärbloggern und in den Medien für Spekulationen.
Die größte und wichtigste US-Basis ist zweifelsohne Al Udeid in Katar – der Sitz des US-Zentralkommandos für den Nahen Osten. Ungefähr 10.000 Soldaten sind dort dauerhaft stationiert, was den Stützpunkt nicht nur zu einer wichtigen operativen Basis macht, sondern auch zum Ziel. Nach dem US-Angriff auf iranische Atomanlagen im Jahr 2025 richteten die Iraner ihre Vergeltungsangriffe unter anderem auf Al Udeid.
Vergleicht man niedrig aufgelöste Satellitenaufnahmen des Flugfeldes aus dem vergangenen Juni – kurz vor den Luftschlägen gegen die iranischen Atomanlagen – mit aktuellen Aufnahmen, fallen zwei Punkte auf.
Einerseits ist die Zahl der geparkten Flugzeuge – in der Mehrzahl Boeing-Tanker – vergleichbar mit 2025. Jedoch hatten die USA direkt vor dem Einsatz alle Flugzeuge in Sicherheit gebracht, um etwaigen Vergeltungsschlägen zuvorzukommen. Das ist – Stand Freitag – nicht der Fall.
Dass die Führung in Teheran das erneut in Erwägung zieht, bekräftigte am Sonntag deren Außenminister Abbas Araghci. Im Staatsfernsehen machte er die USA und Israel direkt verantwortlich für die landesweiten Proteste in den letzten Wochen. Angaben der iranischen Revolutionsgarden zufolge wurden bisher 114 Sicherheitskräfte getötet. Wobei dies aus Sicht der Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) eine konservative Angabe ist.
Auf Seiten der Protestierenden geht die amerikanische Human Rights Activists News Agency von 500 Toten aus, über 10.000 seien inhaftiert worden. Unabhängig bestätigen lassen sich die Angaben nicht.
Entscheiden sich die USA für einen Militärschlag, kommt es stark auf die Art des Einsatzes an. Im Falle eines reinen Luftschlags als Zeichen der Stärke würde der Fokus wohl unter anderem wieder auf dem Flugplatz Diego Garcia liegen. Der von den Briten und Amerikanern gemeinsam betriebene Stützpunkt auf einem Archipel im Indischen Ozean ist zwar weiter entfernt als andere, jedoch wurde er auch schon bei Einsätzen gegen die Huthis im Jemen genutzt.
Die Entfernung könnte für die teuren US-Militärflieger wie den Tarnkappenbomber B2 auch eine Sicherheitsvorkehrung sein, um nicht schon am Boden zum Ziel zu werden.
Aktuelle Satellitenaufnahmen des Archipels vom Montag zeigen ein fast leeres Flugfeld. Die ikonische Dreiecksform der B2 wäre selbst auf den niedrig aufgelösten Sentinel-Bildern eindeutig zu erkennen. Auch hier sprechen die Aufnahmen gegen einen kurz bevorstehenden Luftschlag.
Der britische Stützpunkt – der im 16. Jahrhundert erstmals von den Portugiesen angelegt wurde – ist wegen seiner Lage eine Besonderheit. Die Inselgruppe liegt sieben Grad südlich des Äquators, in der Nähe des geografischen Zentrums des Indischen Ozeans. Mit nur rund 2700 Hektar Inselfläche ist die mögliche Kapazität für Personal und Technik aber stark eingeschränkt.
In der Vergangenheit ebenfalls für bedeutende US-Einsätze genutzt wurde der Flugplatz Al Dhafra in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Insbesondere das militärische Vorgehen gegen den sogenannten Islamischen Staat wurde von hier aus unterstützt.
Neben Flugzeugen und Drohnen waren auf dem Flugfeld rund 32 Kilometer vor den Toren Abu Dhabis in der Vergangenheit auch E-3 Sentry-Überwachungsflugzeuge aktiv.
Darüber hinaus stationieren die USA auf den Flugfeldern in der Regel Flugabwehreinheiten, sowohl gegen gegnerische Flugzeuge, als auch Raketen. Für die verbündeten Staaten ist die US-Präsenz in deren Ländern daher ein wichtiger Sicherheitsgarant.
Doch nicht nur die Größe der Stützpunkte ist entscheidend bei der Frage, von wo die USA einen Militärschlag gegen den Iran ausführen könnten. Wie die Entfernung im Falle von Diego Garcia ein Sicherheitsfaktor sein kann, so kann Nähe im Falle einer Entführung – wie bei Maduro – auch eine operative Notwendigkeit sein. Anders als Flugzeuge haben die von Sondereinsatzkräften genutzten Hubschrauber eine begrenzte Reichweite.
Ein Stützpunkt, der hierdurch in den Fokus rückt, ist das Flugfeld Harir in der Nähe des nordirakischen Erbil. Von der Hauptstadt der Kurdenprovinz aus soll bereits der Spezialeinsatz gegen den Führer des Islamischen Staats, Abu Bakr al-Baghdadi, im Jahr 2019 aus gestartet worden sein. Im Vergleich zu den anderen genannten Stützpunkten mit US-Präsenz befindet sich Erbil nur etwa 680 Kilometer Luftlinie von Teheran entfernt.
In den letzten Jahren haben die USA den Stützpunkt jedoch großflächig zurückgebaut. Zwar sind auch hier auf jüngsten Sentinel-Aufnahmen noch Hubschrauber zu erkennen, jedoch fehlt die umfassende Infrastruktur. Würde die Basis erneut von Spezialkräften genutzt, müssten entsprechend umfassende Veränderungen zu erkennen sein.
Zwar gab es in den vergangenen Tagen Berichte, wonach Ajatollah Chamenei Teheran infolge der Proteste verlassen hat, sicher ist das aber nicht. Das Regierungsviertel in Teheran bleibt daher ein mögliches Ziel für einen angenommenen US-Militärschlag. Dort befinden sich die Residenz des religiösen Führers und Staatsoberhaupts, das House of Leadership, neben der Präsidialverwaltung von Massud Peseschkian sowie den ihm zuarbeitenden Büros der Staatsverwaltung. Im Norden der Stadt liegt zudem der Sa'dabad Complex, der weitläufige frühere Regierungssitz des monarchischen Iran, welcher formal auch als offizielle Residenz Peseschkians fungiert.
Ob es einen Einsatz im Stile Venezuelas geben wird, bleibt jedoch bis dato ungewiss. Neben dem iranischen Außenminister hat in der vergangenen Woche auch der Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf die USA vor „Fehleinschätzungen“ gewarnt. Er drohte neben Angriffen auf US-Stützpunkte auch dem engen Verbündeten Israel. Aus Sicht des ISW macht diese Einbeziehung Sinn, da der Iran sich seit Juni 2025 in einem fortwährenden Krieg mit beiden Staaten wähnt. Dieser Sichtweise folgend behaupten die Revolutionsgarden demnach, dass die USA und Israel Iraner bewaffnet hätten, um Chaos zu stiften.
Diese Behauptungen seien auch dazu gedacht, die eigenen Sicherheitskräfte auf Linie zu halten und „die Bereitschaft der Sicherheitskräfte zu erhöhen, tödliche Gewalt gegen Demonstranten anzuwenden, und das Risiko von Überläufen zu verringern“, heißt es in der Analyse.
In Israel ist die Diskussion diesbezüglich zurückhaltend. Premierminister Benjamin Netanyahu sagte am Sonntag, Israel verfolge eine „engmaschige Überwachung“ der Situation im Iran. Medienberichten zufolge möchte sich das Militär jedoch ungern einmischen. Die Sorge sei, dass die Iraner sich durch den Angriff eines äußeren Feindes eher gezwungen sähen, von regierungskritischen Protesten Abstand zu nehmen.
Die Drohungen erneuter Vergeltungsschläge wird das Land jedoch zweifelsfrei ernst nehmen. Unter dem Namen Station 512 betreiben Israel und die USA eine gemeinsame Radaranlage in der Wüste, die dazu gedacht ist, iranische Raketen frühzeitig zu erkennen.
Da Israels Militär weiter durch den Konflikt in Gaza gebunden ist und sich die Sicherheitslage auch im Libanon und Syrien jederzeit verschlechtern kann, spricht auch von diesem Standpunkt wenig für eine aktive Einmischung vonseiten der Israelis.
Wenngleich der Iran – wegen seiner Unterstützung für die Hamas in Gaza, die Hisbollah im Libanon, die Huthis im Jemen und das Regime von Assad in Syrien – seit Langem als Hauptfeind Israels gilt, hat der jüdische Staat wenig Interesse an einem Machtvakuum in der Region. Einer Bloomberg-Einschätzung zufolge gilt das auch für die Mitglieder des arabischen Golfkooperationsrats, wie Saudi-Arabien. Als mahnendes Beispiel gilt hier der Arabische Frühling, in dessen Folge viele Diktatoren im Nahen Osten gestürzt wurden.
Statt stabiler Staaten folgte jedoch ein institutioneller Zerfall, der Raum für islamische Milizen und Kriminelle schuf.
Hier finden Sie alle Beiträge aus der Rubrik „Wirtschaft von oben“
Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.
Lesen Sie auch: Was macht der Iran mit der Straße von Hormus?