ETH-Kurs: Kann dieses Upgrade Ethereum retten?
In den vergangenen Tagen hat der Blick auf den Ether-Kurschart wieder mehr Spaß gemacht. Allein am gestrigen Donnerstag hat die Kryptowährung 16 Prozent gewonnen und den Kurs deutlich über die Marke von 2000 Dollar getrieben. Am Freitagmorgen notierte Ether zuletzt bei gut 2200 Dollar.
Und trotzdem: Der langfristige Blick auf den Kurs ist weiterhin ernüchternd. Allein seit Jahresbeginn hat die Kryptowährung 33 Prozent verloren. Gegenüber ihrer Bestmarke von über 4600 Dollar aus dem Jahr 2021 fällt das Minus noch größer aus.
Nun ist ein großes Upgrade gestartet, von dem sich Szenekundige einen neuen Aufschwung für Ether erhoffen. Mehr als ein Jahr haben die Entwickler der Blockchain Ethereum, die hinter der Kryptowährung Ether steht, am Pectra-Upgrade getüftelt. Am Mittwoch ist es live gegangen – und soll Ethereum schneller, nutzerfreundlicher und skalierbarer machen.
Was klingt wie eine technologische Spitzfindigkeit für Entwickler, könnte womöglich auch den Ether-Kurs positiv beeinflussen. Nach Start des Upgrades stieg der Kurs über fünf Prozent. Dies dürfte allerdings wohl eher mit versöhnlichen Tönen zwischen den USA und China im Zollstreit zusammenhängen.
Das Pectra-Upgrade würde vor allem die Art und Weise beeinflussen, wie neue Ether-Münzen entstehen: das Staking.
Beim Staking frieren Anleger ihre Ether-Münzen für eine bestimmte Zeit im Krypto-Netzwerk ein, um Transaktionen zu bestätigen und das Netzwerk zu sichern. Im Gegenzug erhalten sie weitere Ether-Münzen als Belohnung. Bei der Kryptobörse Coinbase etwa gibt es einen Staking-Reward von knapp zwei Prozent.
Marktteilnehmer, die die Transaktionen bestätigen, nennt man Validatoren. Das können Einzelpersonen sein, aber auch ein Anlegerkollektiv, das sich in einem sogenannten Staking Pool zusammenschließt und Zahlungen validiert.
Ethereum Pectra-Upgrade: Wird Ether-Staking jetzt attraktiver?
Momentan ist geregelt, dass ein einzelner Validator maximal 32 Ether einsetzen darf – auch wenn er mehr besitzt. „Wer mehr Ether staken möchte, muss zusätzliche Validator-Einheiten betreiben – ein technischer und administrativer Mehraufwand, der insbesondere für institutionelle Akteure ineffizient ist“, sagt Adrian Fritz, Head of Research des Krypto-Vermögensverwalters 21Shares.
Das Pectra-Upgrade sieht nun vor, diese Grenze pro Validator auf 2048 Ether anzuheben. Große Investoren müssten also weniger Validatoren verwalten. „Das senkt die Betriebskosten, ermöglicht das automatische Reinvestieren der Staking-Belohnungen und beschleunigt den Onboarding-Prozess neuer Validatoren erheblich“, so Fritz weiter.
Krypto-Steuer: Jetzt wird's teuer!
Die Idee dahinter könnte sich seiner Ansicht nach auf den Kurs auswirken: Je mehr Ether Investoren durch Staking sperren, desto knapper wird das Angebot – und desto stärker könnte der Ether-Kurs steigen.
Ob es zu einer Angebotsverknappung kommt und wie stark sie ausfällt, dürfte auch in den Händen der US-Börsenaufsicht liegen. Die SEC könnte bis zum Jahresende über ein Produkt entscheiden, das womöglich viel Geld ins Staking führen könnte: spezielle Staking-ETFs für Ether. Anbieter wie Fidelity und Grayscale haben bereits entsprechende Anträge eingereicht.
Die SEC entscheidet über spezielle ETFs
Im vergangenen Jahr hatte die SEC bereits Ether-ETFs zugelassen. Allerdings dürfen die darin enthaltenen Ether nicht fürs Staking genutzt werden. Bislang vertrat die SEC die Ansicht, dass dies womöglich gegen Wertpapiergesetze verstoßen könnte.
Nachdem US-Präsident Donald Trump in der Behörde kryptofreundliche Entscheidungsträger installiert hatte, könnten sich diese Bedenken vielleicht in Luft auflösen. Sollten Staking-ETFs für Ether eingeführt werden, könnte das eine neue Nachfrage entfachen.
Allerdings gibt es auch hier ein paar Fragezeichen. Wenn die in den ETFs enthaltenen Ether für eine bestimmte Zeit zum Staking gesperrt sind, Anleger aber plötzlich massenhaft ihre Digitalmünzen abziehen wollen, ergeben sich im Zweifel Liquiditätsschwierigkeiten. Womöglich werden die Anbieter also nur einen kleinen Teil fürs Staking nutzen. Und ganz grundlegend stellt sich die Frage, ob die höheren Staking-Anreize tatsächlich viele Anleger anlocken.
Das letzte große Upgrade bei Ethereum fand im September 2022 statt: der Merge. Dabei wurde der Konsensmechanismus bei Ether umgestellt. Bis dahin wurden neue Münzen durch den selben Mechanismus wie beim Bitcoin produziert, dem sogenannten Proof-of-Work-Ansatz, bei dem Computer hochkomplexe mathematische Rätsel lösen. Seit dem Merge verfolgt Ether einen Proof-of-Stake-Ansatz.
Dadurch sollten Ether sowie die Blockchain Ethereum günstiger, schneller und weniger stromintensiv werden. Dies trat auch ein. Viele Analysten waren sich aber auch sicher, dass die neuen Vorteile mit einem steigenden Ether-Kurs einhergingen. Das erwies sich als Trugschluss.
Kann Ethereum seine Dominanz verteidigen?
Das Pectra-Upgrade soll auch einen zweiten wesentlichen Punkt verbessern: Die Transaktionen auf der Ethereum-Blockchain sollen günstiger werden. Auch sollen die Gebühren künftig mit Stablecoins – also wertstabilen Token – wie USDT gezahlt werden können.
Auf den ersten Blick drohen damit die Gebühreneinnahmen von Ethereum weiter zu sinken. Ethereum litt bereits unter einer Systemumstellung im vergangenen Jahr, nach dem Transaktionen auf sogenannten Layer-2-Netzwerken – also Krypto-Projekte, die auf Ethereum basieren – nicht mehr über das eigene, sondern über sekundäre Netzwerke abgewickelt werden.
Für Branchenkenner sind diese Schritte auf der Roadmap aber essenziell, damit Ethereum seinen Status als Branchenprimus in der Tokenisierung behält. Dabei werden materielle und immaterielle Güter als Token handelbar gemacht. Mit einem Anteil von 57 Prozent führt das gesamte Ethereum-Netzwerk am 22 Milliarden Dollar großen Markt für diese „Real World Assets“.
Allerdings holen andere Blockchain-Infrastrukturen wie Solana auf – und werden von vielen Anlegern und Entwicklern bevorzugt, weil Transaktionen dort günstiger sind. Die Idee hinter der Neuaufstellung von Ethereum wäre also: mit weniger Gebühreneinnahmen mehr Marktanteile abgreifen – und so die Dominanz ausbauen.