Management-Moment der Woche: Dürfen Chefs weinen – oder sollten sie sogar?
Das ist passiert
Feuchte Augen, brüchige Stimme: Bei der Wiedereröffnung der Synagoge an der Reichenbachstraße in München, die in der NS-Zeit stark beschädigt worden war, zeigte sich Bundeskanzler Friedrich Merz tief bewegt. Während seiner Rede am vergangenen Montag kämpfte er immer wieder mit den Tränen. Ein ungewohntes Bild. Nicht nur, weil Merz' Amtsvorgänger, Angela Merkel und Olaf Scholz, für ihren sachlich-nüchternen Politikstil bekannt waren. Sondern auch, weil es noch immer ein gängiges Führungsverständnis ist, dass allzu starke Emotionen tabu sind.
Das können Sie daraus lernen
Bei Führungskräftecoach Bernd Slaghuis kamen die Tränen des Kanzlers gut an: „Wie toll, dass er das zulässt“, habe er beim Anblick der Bilder im Fernsehen gedacht. Auch Chefinnen und Chefs in Unternehmen könnten sich ruhig trauen, mehr Gefühle zu zeigen, findet er.
Slaghuis berät häufig Beschäftigte beim Einstieg in Führungspositionen: „Viele von ihnen fragen sich, ob sie sich in ihrer neuen Rolle verstellen und mehr Härte zeigen müssen.“ Doch er kenne niemanden, der sich „einen emotionslosen Roboter“ als Führungskraft wünsche, sagt Slaghuis.
Ein Vorgesetzter, der Gefühle zeigt, schafft Nähe und damit Vertrauen – die vielleicht wichtigste Ressource in der heutigen Arbeitswelt. Nur wer Vertrauen spürt, bringt Ideen ein, gibt Fehler zu und trägt auch schwierige Entscheidungen mit. „Emotionen können die Beziehungsebene zwischen Führungskräften und Mitarbeitenden stärken“, betont Slaghuis. Doch es gibt dabei einiges zu beachten:
1. Die Macht der Gefühle
Zahlreiche Studien zeigen, dass offen gezeigte Emotionen von Führungskräften einen starken Einfluss auf Mitarbeiter haben. Wenig überraschend kommen Chefs mit einer positiven Ausstrahlung im Normalfall besser an und können ihre Teams stärker motivieren.
Doch auch Wut oder Trauer haben durchaus ihre Berechtigung im Büro: Sie sind sogar besonders ansteckend und wirkungsvoll – und können zum Beispiel in Krisen die Leistung von Mitarbeitern steigern. Und während ein Chef mit guter Laune die Kreativität fördert, kann sich Traurigkeit positiv auf die Fähigkeit zum analytischen Denken auswirken.
2. Authentizität als Schlüssel
Entscheidend ist, dass Emotionen nicht inszeniert wirken. „Wenn sie manipulativ eingesetzt werden, nach dem Motto: Ich muss jetzt auf die Tränendrüse drücken, damit mein Team funktioniert – dann geht das nach hinten los“, warnt Berater Slaghuis. Gefühlsausbrüche müssen authentisch sein, also zur Situation und zur Persönlichkeit passen.
Ein Chef, der normalerweise distanziert oder gar kalt wirkt, wird seine Mitarbeiter durch seine Tränen eher verunsichern. Und kann außerdem falsche Erwartungen wecken: weil Mitarbeiter das Gefühl haben, nun eine neue Beziehungsebene erreicht zu haben – mit der Hoffnung auf mehr Mitbestimmung oder persönliche Nähe. Diese Hoffnung später wieder zu zerstören, kann die Beziehung für immer beschädigen.
3. Klarheit in der Sache
Führungskräfte sollten ihre Emotionen nicht unterdrücken – aber doch in der Lage sein, sie zu kontrollieren. „Merz hat es geschafft, sich wieder zu fangen und seine Rede wie geplant zu Ende zu bringen“, stellt Slaghuis fest. Auch Chefs sollten nach einem Gefühlsausbruch wieder auf die Sachebene zurückkehren und ihre Agenda im Blick behalten – ohne sich dabei zu verstellen. Emotionale Kompetenz zeigt sich in der Fähigkeit, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. Aber auch darin, sie zu regulieren.