Geschäft mit Geschenken: „Die Kollegen in der Produktion liegen platt unter dem Weihnachtsbaum“
Bei Cewe herrscht gerade die Ruhe „vor dem ganz großen Sturm“, wie es Chef Thomas Mehls ausdrückt. In den kommenden Tagen werden die Bestellungen für Fotobücher, Kalender, Wandbilder in die Höhe schnellen und den 4000 Mitarbeitern des Unternehmens mit Sitz in Oldenburg alles abverlangen. So wie jedes Jahr. Und nicht nur ihnen: „Das Weihnachtsgeschäft können wir nur stemmen, indem wir sehr viele Saisonkräfte mit an Bord nehmen.“ Etwas mehr als 1000 stellt das Unternehmen zusätzlich ein, verriet Thomas Mehls gerade im WirtschaftsWoche-Podcast Chefgespräch.
Zu den Hochzeiten produzieren seine Mitarbeiter dann 24 Stunden, sieben Tage die Woche, in drei Schichten. Eine „sehr anstrengende Zeit für die Kolleginnen und Kollegen“, wie Mehls sagt. „Sie können davon ausgehen, dass die Kollegen, die in der Produktion arbeiten, platt unter dem Weihnachtsbaum liegen.“
Platt, aber zufrieden. So sieht Mehls das.
Cewe-Chef: „Der Kaufmann, der sich keine Sorgen macht, bekommt welche“
Das Weihnachtsgeschäft ist für Cewe und andere Handelsfirmen von immenser Bedeutung. Ein kurzer Blick in die Zahlen: Im vierten Quartal des vergangenen Jahres setze die Cewe Group mit Fotobüchern, Kalendern, Wandbildern 317 Millionen Euro um. Das entspricht 44 Prozent des gesamten Jahresumsatzes in dem Geschäftsbereich. Im vergangenen Jahr haben sie 6,11 Millionen Fotobücher angefertigt und über alle Produkte hinweg 2,46 Milliarden Fotos verarbeitet.
In einer Befragung der Beratungsfirma EY zeigt sich, dass Verbraucher in Deutschland in diesem Jahr im Schnitt 259 Euro für Weihnachtsgeschenke ausgeben wollen – etwas weniger als im Vorjahr, ja. Aber immerhin: Mit 120 Euro wollen die Verbraucher einen großen Teil ihres Budgets im Onlinehandel ausgeben.
Der Handelsverband Deutschland (HDE) rechnet im Weihnachtsgeschäft in diesem Jahr mit einem Umsatzplus von 1,5 Prozent im Vergleich zu 2024.
Ohne Saisonkräfte geht das nicht: Die DHL Group hat in Deutschland 10.000 zusätzliche Arbeitskräfte eingestellt, um Sendungen zu sortieren und zuzustellen. Bei Amazon sind es sogar 12.000 Menschen – 3000 mehr als noch im Vorjahr.
Wie finden die Firmen diese Leute? Wie sorgen sie dafür, dass sie und die „festen“ Kollegen motiviert zusammenarbeiten?
Sommerliche Weihnachtsstimmung
Bei Amazon, so das Unternehmen auf Anfrage der WirtschaftsWoche, beginne die „Weihnachtssaison schon im Sommer“. Dann planen die Mitarbeiter an den Standorten „die Einlagerung zusätzlicher Artikel und kümmern sich um eine vorausschauende Personalplanung“. Und bei DHL beginnen viele Aushilfen in der Zustellung „schon im Spätsommer, damit genug Zeit für die Einarbeitung bleibt“.
Auf die Frage, wie die Unternehmen Tausende Saisonkräfte finden, gab Amazon an, auf verschiedenen Wegen zu suchen: der eigenen Karriereseite, Social-Media-Kanälen – „oder in Zusammenarbeit mit den Arbeitsagenturen vor Ort“. Viele der Saisonkräfte stammen aus dem Ausland. Bei DHL etwa aus Polen, Rumänien und Bulgarien. „Wichtige Herkunftsländer im außereuropäischen Bereich sind Georgien, Türkei sowie der Westbalkan und Zentralasien.“
In der Stammbelegschaft arbeiteten viele Mitarbeiter aus diesen Ländern, sodass Verständigung und Integration leichter fielen. Viele Saisonkräfte der DHL kommen jedes Jahr wieder, verriet Mirjam Ferrari, Personalerin bei DHL, der WirtschaftsWoche vor gut zwei Jahren. Das Unternehmen profitiert davon, dass einige, die schon mal kurz vor Weihnachten ausgeholfen haben, ihren Bekannten davon erzählen – und diese im folgenden Jahr mit nach Deutschland bringen.
Um den Start zu erleichtern, hat der Logistikkonzern eine Sprachlern-App entwickelt, die in jeder im Unternehmen vertretenen Sprache das Fachvokabular für den Arbeitsalltag bereithält. Auf einer separaten Liste stehen als Basis 300 Wörter für den Start.
Bei Amazon lernen erfahrene Mitarbeiter, genannt „Instruktoren“, die Saisonkräfte an und unterstützen während der Einstiegsphase. An einem Einführungstag erhalten die Saisonkräfte ein Arbeitssicherheitstraining, lernen Team, Gebäude und Arbeitsplatz kennen.
Bei Cewe helfen die Saisonkräfte in der Produktion und im Kundenservice. Thomas Mehls sieht bei Cewe gleich mehrere Gründe, warum die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen „gerne“ platt unter dem Weihnachtsbaum liegen, sagte er im Podcast. Der eine: „Man sieht, was man hier produziert.“ Das Unternehmen sei zwar sehr digital. „Aber wir sehen jeden Tag, was die Menschen hier bei uns bestellen. Wir sehen die Geschichten der Menschen. Und wir wissen, dass wir zu Weihnachten ganz, ganz viele Menschen glücklich machen“, erklärt Mehls. „Es ist so ein bisschen wie die Unterstützung des Weihnachtsmanns und des Christkinds, wenn Sie so wollen.“
Mehr Aufgaben, mehr Motivation
Das klingt zwar ziemlich pathetisch. Aber tatsächlich stützen Theorien von Arbeitspsychologen Mehls‘ Ausführungen in diesem Punkt: Wissenschaftler gehen der Frage, was Mitarbeiter im Job motiviert, seit Jahrzehnten nach. Eine grundlegende Theorie, die viele bis heute zurate ziehen, haben die US-Forscher Richard Hackman und Greg Oldham Mitte der 1970er-Jahre erforscht: die Job-Characteristic-Theorie.
Demnach speist sich ein Großteil der Arbeitsmotivation aus der Tätigkeit selbst: Beschäftigte sind besonders motiviert, wenn die Aufgabe vielfältige Anforderungen stellt, eine Auswirkung auf das Leben anderer hat oder – wie im Fall von Cewe – ein sichtbares Ergebnis erzeugt. Außerdem sind sie engagierter, wenn ihr Job ihnen genügend Entscheidungsspielraum lässt und sie Feedback darüber erhalten, wie gut ihre Leistung ist. Mehrere Meta-Studien haben gezeigt, dass diese Charakteristika einer Tätigkeit tatsächlich Motivation stiften.
An den besonders stressigen Tagen bei Cewe helfen zusätzlich zu den Saisonkräften auch Kollegen aus ganz anderen Bereichen in der Produktion: aus Marketing, Finanzen, IT. Und auch diese Beschäftigten sehen dann noch mal genauer als vor ihrem Bildschirm, welche Produkte bei Cewe über die Bänder laufen. Und gehen womöglich noch engagierter zu Werke. Denn so postulieren es ja Hackman und Oldham: Je vielfältiger die Anforderungen, desto größer die Motivation.
Wenn bei Cewe und anderswo jetzt Saisonkräfte die Stammbelegschaft unterstützen, kommt den bestehenden Mitarbeitern viel Verantwortung zu. „Wir haben jetzt die interessante Zeit, dass Menschen, die bei uns unterjährig an einer Maschine stehen und die bedienen, auf einmal zu Führungskräften werden“, sagte Thomas Mehls im Podcast. Sie leiten nun die Saisonkräfte an, müssen sicherstellen, „dass im Team die Arbeit geleistet wird, die notwendig ist“. Bei den langjährigen Mitarbeitern beobachtet Mehls dann „ganz viel Stolz“. Weil sie als Erfahrene „die jungen Leute anlernen“. So beschäftigt Cewe etwa im Weihnachtsgeschäft viele Abiturientinnen und Abiturienten, die sich bei Cewe „das nötige Geld für eine Reise durch Australien verdienen“.
Ja, Studien zeigen, dass Mitarbeiter motivierter und zufriedener sind, je mehr Entscheidungsspielraum sie haben. Und in Befragungen wie etwa von der Beratungsgesellschaft EY bezeichnen sich Führungskräfte im Schnitt als motivierter als Beschäftigte ohne Mitarbeiter, auch das. Allerdings sind sie das gesamte Jahr über Führungskräfte, verdienen mehr Geld. Ob die kurzfristige Verantwortung bei Cewe über das Weihnachtsgeschäft hinaus motiviert? Fraglich.
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