Motivation: So begeistern Sie Mitarbeiter für undankbare Aufgaben
Das ist passiert
Weil der Onlinehändler Amazon rund um seine alljährliche Rabattschlacht (Prime Day) so viel zu tun hat, sollen Büroangestellte in New York bei den Auslieferungen helfen. Ob Ingenieurin oder Marketingexperte: Sie kommissionieren Artikel, bereiten Lebensmittellieferungen für Amazons Lieferdienst Fresh vor, verpacken Kartons und verteilen Snacks, um die Arbeitsmoral im Lager zu steigern. Alles, um dem restlichen Team am Prime Day den Rücken freizuhalten. So der Plan des Unternehmens, über den die britische Tageszeitung „The Guardian“ unter Berufung auf eine interne Chatnachricht berichtete.
Das können Sie daraus lernen
Das Dilemma von Amazon kennen viele Führungskräfte aus ihren Teams. Ausgerechnet dann, wenn es so richtig stressig wird, sind die Mitarbeiter krank, unterwegs, gerade gewechselt. Zu wenig Menschen, die zu viel erledigen müssen.
Wie also lässt sich das Team für Extraeinsatz motivieren?
1. Die Aufgabe interessant machen
Wissenschaftler gehen der Frage, was Mitarbeiter im Job motiviert, seit Jahrzehnten nach. Eine grundlegende Theorie, die viele bis heute zurate ziehen, haben die US-Forscher Richard Hackman und Greg Oldham Mitte der 1970er-Jahre erforscht: die Job-Characteristic-Theorie. Demnach speist sich ein Großteil der Arbeitsmotivation aus der Tätigkeit selbst: Beschäftigte sind demnach besonders motiviert, wenn die Aufgabe vielfältige Anforderungen stellt, ein sichtbares Ergebnis erzeugt, eine Auswirkung auf das Leben anderer hat. Außerdem sind sie engagierter, wenn ihr Job ihnen genügend Entscheidungsspielraum lässt und sie Feedback darüber erhalten, wie gut ihre Leistung ist.
„Mehrere Meta-Studien belegen, dass diese Jobmerkmale Beschäftigte intrinsisch motivieren“, weiß Hannes Zacher, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig. Zwar benötige es gerade bei undankbaren Aufgaben oder bei Extraarbeit in vielen Fällen auch „materielle oder finanzielle Anreize“, sagt der Wissenschaftler. Aber: „Führungskräfte können eine Menge tun, um die Zusatzarbeit attraktiv zu gestalten.“
So ist Zacher überzeugt, dass es für manche Büroarbeiter sogar „eine willkommene Abwechslung“ sein könnte, mal in einen ganz anderen Bereich des Unternehmens zu kommen und etwa im Warenlager zu arbeiten. Zumindest für einen kurzen Zeitraum. Denn eben das postulieren Hackman und Oldham: Je mehr Anforderungen, desto mehr Motivation.
2. Viel Vorarbeit leisten
Um die Bedeutsamkeit eines Jobs zu verdeutlichen, rät Zacher Führungskräften, viel zu erklären: „Viele Beschäftigte unterschätzen, welche Konsequenzen ihre Arbeit für das Leben anderer Leute hat.“ So könnte es sinnvoll sein, Mails zufriedener Kunden an das Personal weiterzuleiten, Lehrer ins Gespräch mit ehemaligen Schülern zu bringen, langjährige Kunden zu Werksbesichtigungen samt Kennenlernen der Mitarbeiter einzuladen. „So zeigen Sie, welche positiven Auswirkungen die Arbeit des Einzelnen langfristig hat“, erläutert der Wissenschaftler.
Stärken Führungskräfte im Arbeitsalltag die fünf Jobmerkmale, die Hackman und Oldham identifiziert haben, haben sie es leichter, wenn besonders viel zu tun ist, Kollegen wegfallen, die Deadline immer näher rückt: „Wer ohnehin motiviert ist, ist in stressigen Phasen auch eher bereit, mehr zu arbeiten und neue Aufgaben zu übernehmen“, weiß Zacher.
3. Mit gutem Beispiel vorangehen
Es sei, so Zacher, allerdings auch zwingend notwendig, dass die Führungskräfte selbst „demonstrativ zeigen, dass auch sie in der stressigen Phase mehr arbeiten“. Um nicht den Eindruck zu erwecken, sie werfen die Zusatzarbeit nur beim Team ab. Nicht immer wissen Mitarbeiter, was ihre Chefinnen und Chefs im Alltag machen. „Da ist es wichtig, selbst Aufgaben zu übernehmen, die sonst liegen bleiben – und das auch ruhig im Team anzusprechen und darzustellen“, betont Zacher.
4. Nachvollziehbar erklären
Der Forscher begreift Partizipation als „wichtiges Element guter Führung“. Deshalb lohne es sich, im Vorfeld mit dem Team zu klären, wer welche Zusatzaufgaben in einer stressigen Phase übernehmen kann. „Im Idealfall kommen den Mitarbeitern dabei noch gute eigene Ideen, wie die Arbeit verteilt sein sollte oder wie sie effizienter ablaufen könnte. Das motiviert ungemein“, sagt Zacher. Wollen Führungskräfte lieber selbst entscheiden, wer was übernimmt und wer wie viel mehr leisten soll, müssten sie zumindest für alle nachvollziehbar erklären: Warum ist der zusätzliche Einsatz überhaupt notwendig und warum werden die Aufgaben so verteilt – und nicht anders?