Osteuropa: Polen verliert an Wachstum, gewinnt aber an Macht
Tusk ist in Brüssel beliebter als in seiner Heimat
Foto: dpaDonald Tusk freut sich auf Brüssel. Schon seit Monaten büffelt er fleißig Englisch. Im Dezember löst Polens smarter Ex-Premier den blassen Belgier Herman Van Rompuy als ständigen EU-Ratspräsidenten ab. Und Brüssel freut sich auf Tusk. Der ehrgeizige Liberale aus Danzig steht für die erfolgreiche Integration Osteuropas, sagt man dort. Mit einer soliden Wirtschaftspolitik hat er seinen Polen einen krisenresistenten Aufschwung beschert und ihnen die notorische Europa-Skepsis ausgetrieben. Den 57-jährigen Hoffnungsträger aus dem Osten halten viele für den Richtigen, um die EU aus ihrer Sinn- und Strukturkrise zu holen.
Der erste Arbeitstag von Tusk am Montag dieser Woche ist auch ein Zeichen dafür, dass Polen in der EU vom Rebellen zum gleichberechtigten Partner geworden ist. Nicht wenige trauen den Polen sogar zu, die Rolle der europamüden Briten zu übernehmen. Jedenfalls sind die Erwartungen hoch an Tusk, der sein Land als einziger Regierungschef in der EU mit einem Wirtschaftswachstum durch die Finanzkrise 2008/09 manövriert hat.
Es fehlt an qualifizierten Jobs
Doch ausgerechnet jetzt, da Tusk als Polit-Star in Brüssel angekommen ist, droht seine Heimat den Nimbus als Wirtschaftswunder-Land zu verlieren. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst langsamer, gegen die Arbeitslosigkeit ist bislang kein Kraut gewachsen. Unterm Strich wandern mehr Polen ab, als Auswanderer zurückkehren, denn der Staat hat den Standort nie als Keimzelle für High-Tech-Entwicklungen herausputzen können.
Es fehlt an hoch qualifizierten Jobs. „Polen ist auf dem Zenit des Erfolgs“, sagt Piotr Buras vom European Council on Foreign Relations in Warschau. „Es ist an der Zeit, ein neues Konzept für mehr Wachstum zu entwickeln, denn nur mit niedrigen Löhnen und hohen EU-Fördergeldern ist diese Wachstumsstory nicht am Leben zu halten.“ Kritiker werfen Tusk vor, er habe sich im taktisch günstigsten Moment mit der Flucht nach Brüssel der Verantwortung entzogen.
EU-Mittel haben 300.000 Arbeitsplätze geschaffen
Selten spaltete eine Politiker-Persönlichkeit Ost und West so sehr wie Donald Tusk. Westwärts sieht man fast nur die Erfolgsgeschichte: Seit dem EU-Beitritt des Landes 2004 hat sich das BIP pro Kopf auf knapp 25.000 Dollar fast verdoppelt. Ähnlich wie Spanien in den Achtzigerjahren hat auch Polen von Milliarden an Strukturmitteln, die ins Land flossen, profitiert. Alleine zwischen 2007 und 2013 beliefen sich die Brüsseler Subventionen auf 68 Milliarden Euro. Polens Regierung schätzt, dass die EU-Mittel 300.000 Jobs im Land geschaffen haben. Die Hilfe von außen wirkte wie ein gigantisches Konjunkturprogramm. Warschau führt bis zur Hälfte des Wachstums seit 2006 darauf zurück.
Profitiert davon haben auch deutsche Unternehmen, deren Zahl sich auf mehr als 6.000 beläuft. Der Handel mit der Bundesrepublik hat sich seit der Osterweiterung vor zehn Jahren auf knapp 80 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. „Die Investoren schätzen die politische Stabilität in Polen“, sagt Michael Kern, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer. Umfragen zeigen, dass deutsche Investoren inzwischen Polen den Vorzug vor Tschechien geben – früher war das mal umgekehrt. Dies sei „ganz klar ein Verdienst der liberalen Regierung Tusk“, lobt Kern.
Platz 10: Schweiz
Die Schweizer sind bekannt für entspanntes Gemüt. Auch hinsichtlich ihrer Finanzen machen sie sich kaum Sorgen. Rund 14 Prozent der Schweizer schätzen ihre persönliche finanzielle Situation sehr gut ein. Angesichts zahlreicher Milliardäre, die in der Schweiz ihre Domizile haben, verwundert dieses Ergebnis nicht. Nur 38 Prozent hält ihr Einkommen beziehungsweise ihr Vermögen für nicht ausreichend. In keinem anderen europäischen Land ist dieser Wert so tief. Anders sieht es bei den Zukunftserwartungen aus. Immerhin 41 Prozent geht davon aus, dass sich ihre finanzielle Situation verschlechtern wird, etwa genauso viele Schweizer gaben an, dass sie eine Verbesserung erwarten.
Foto: APPlatz 9: Finnland
Während rund 58 Prozent der Finnen mit ihrer Finanzausstattung zufrieden ist, halten auf der anderen Seite nur 41 Prozent ihre Finanzen für unzureichend. Allerdings herrscht im skandinavischen Land Optimismus. Immerhin 54 Prozent der Finnen geht davon aus, dass sich ihre finanzielle Situation verbessern werde.
Foto: APPlatz 8: Österreich
In Deutschlands Nachbarstaat sind 52 Prozent der Bewohner mit ihren Finanzen unzufrieden. Davon schätzen immerhin zehn Prozent der Österreicher ihre finanzielle Ausstattung als extrem schlecht ein. Auf der anderen Seite sind 45 Prozent hinsichtlich des Geld zufrieden. Von diesen gaben acht Prozent an sogar sehr zufrieden mit Einkommen und Vermögen zu sein.
Foto: dpaPlatz 7: Deutschland
Hierzulande ist man für üblich pessimistischer als der Schnitt. Das bestätigt auch die Analyse von Reader's Digest. Demnach gehen rund 49 Prozent der Deutschen davon aus, dass sich ihre finanzielle Situation in Zukunft verschlechtern wird. 57 Prozent schätzen zudem ihre derzeitige Finanzausstattung als schlecht ein. 41 Prozent hingegen ist mit ihren Finanzen zufrieden, davon sogar fünf Prozent sehr zufrieden.
Foto: dpaPlatz 6: Polen
Der östliche Nachbar Deutschlands ist zwar mit der derzeitigen Finanzsituation nicht wirklich zufrieden (66 Prozent), doch es überwiegt der Optimismus in Polen. Laut der Umfrage gehen rund 59 Prozent der Polen davon aus, dass sich ihre Finanzen in Zukunft verbessern werden. Derzeit sind allerdings erst 34 Prozent zufrieden und nur drei Prozent überaus zufrieden mit Einkommen und Vermögen.
Foto: dpaPlatz 5: Rumänien
Wie Polen gehört auch Rumänien zu den neueren EU-Ländern. Und auch in Rumänien blicken die Menschen optimistisch in ihre Zukunft. Rund 60 Prozent von ihnen geht davon aus, dass sich ihre finanzielle Situation künftig verbessern wird. Doch derzeit hält mit 67 Prozent immer noch eine Mehrheit ihre Finanzen für nicht ausreichend.
Foto: dpaPlatz 4: Frankreich
Angesichts der Schieflage des französischen Haushalts verwundert es kaum, dass auch die Einwohner Frankreichs wenig optimistisch für die Zukunft sind. Satte 67 Prozent prognostizieren eine Verschlechterung ihrer finanziellen Ausstattung. In keinem anderen befragten Land ist dieser Wert so schlecht. Bereits jetzt sind 81 Prozent unzufrieden mit ihren Finanzen. Nur 18 Prozent meckern nicht über ihr Einkommen und Vermögen.
Foto: dpaPlatz 3: Russland
Im größten Land der Welt rumort es. Nicht nur die Auseinandersetzungen mit der Ukraine, auch die internationale Sanktionen gegen das Land trüben die Stimmung vieler Russen. 86 Prozent halten ihre Finanzen für unzureichend. Nur 13 Prozent ist der Meinung über genügend finanzielle Ausstattung zu verfügen. Überaus zufrieden mit Einkommen und Vermögen ist der Umfrage nach keiner in Russland. In Anbetracht an die zahlreichen milliardenschweren Oligarchen im Land verwundert dieses Ergebnis etwas.
Foto: dpaPlatz 2: Slowenien
Mit 88 Prozent erreicht Slowenien den zweithöchsten Unzufriedenheitswert unter den befragten Ländern. Großen Optimismus scheinen die Slowenen ebenfalls nicht zu verspüren. Während 42 Prozent ein Verbesserung ihrer finanziellen Lage erwarten, gehen 52 Prozent der Befragten davon aus, dass es noch schlimmer wird. Nur acht Prozent prognostiziert keine Veränderung.
Foto: dpaPlatz 1: Portugal
Die Euro-Krise hat deutliche Spuren hinterlassen. Vor allem der harte Sanierungskurs und die hohe Arbeitslosigkeit macht den Einwohner Portugals zu schaffen. Satte 91 Prozent kommt mit ihren derzeitigen finanziellen Möglichkeiten nicht aus. Nur acht Prozent der Befragten halten ihr Einkommen für ausreichend. Dass sich an der schwierigen Finanzlage künftig etwas ändert, glauben nur wenige Portugiesen. Rund 55 Prozent gehen davon aus, dass das Portmonee in Zukunft noch dünner sein wird.
Foto: dpa
Der Weg dorthin war weit. In den ersten Jahren nach dem EU-Beitritt strapazierten polnische Politiker gern die Nerven ihrer Gesprächspartner in Brüssel. Kaum vergessen sind absurde Episoden des populistischen Ex-Premiers Jaroslaw Kaczynski, der bei Verhandlungen zum Vertrag von Lissabon die Deutschen provozierte: Er forderte, die Toten des Zweiten Weltkriegs bei der Stimmgewichtung im Rat mitzuzählen. Ohne Krieg hätte das Land schließlich 66 Millionen statt 38,5 Millionen Einwohner. In jenen Jahren fühlte sich der damalige EU-Kommissar Günther Verheugen bemüßigt zu betonen, Polen eile zu Unrecht ein Ruf als Störenfried und Blockierer voraus. „Wir müssen Geduld haben“, sagte Verheugen. „Es dauert seine Zeit, bis ein großes Land seinen Platz in diesem schwierigen politischen Geflecht findet.“
Angela Merkel mit Polens Ministerpräsidentin Ewa Kopacz.
Foto: REUTERSEr behielt recht. Vor allem seit Donald Tusk 2007 die Regierung übernahm, ist Polen in Brüssel kooperativ aufgetreten. 2011 absolvierte Polen die Ratspräsidentschaft mit Bravour, vermittelte mitten in der Krise zwischen Euro- und Nicht-Euro-Ländern, brachte Regeln für eine bessere Überwachung der Wirtschaft auf den Weg. Polen profitierte dabei von der Tatsache, dass es qualifiziertes Personal auf das Brüsseler Parkett schicken konnte. Finanzminister Jacek Rostowski ist als Sohn polnischer Migranten in London geboren, wo er als Ökonom lehrte, ehe er als Berater der Regierung nach Warschau wechselte. Radoslaw Sikorski, von 2007 bis zum September dieses Jahres Außenminister, hat in Oxford studiert. Anders als Rumänien und Bulgarien fiel Polen weder als Hort der Korruption auf, noch versank es in politischem Chaos. Stattdessen erhöhte Tusk die Steuern, kürzte die Sozialleistungen und verkleinerte den Verwaltungsapparat. So verschafft man sich Respekt in Brüssel – nicht aber in der Heimat.
Geringe Ausgaben für Forschung und Entwicklung
Dort hat Tusk-Nachfolgerin Ewa Kopacz derweil sein schwieriges Erbe angetreten. Sie gilt jedoch eher als Platzhalterin für den populäreren Tusk-Vertrauten und Ex-Außenminister Sikorski, den die Liberalen auf dem Posten des Parlamentspräsidenten geparkt haben – traditionell ein Warteraum für Politiker mit Ambitionen. In den Niederungen politischer Verantwortung soll der Protegé von Tusk nicht verheizt werden. Bei den Parlamentswahlen in einem knappen Jahr gilt es, den Nationalkonservativen Jaroslaw Kaczynski zu schlagen, der mit Anti-Euro-Populismus und Polemik gegen die Nachbarn immer noch Chancen hat. Bis dahin dürfte im Land indes der Stillstand regieren.
Dabei gäbe es eine Menge zu tun. Bislang ist Polen als Billig-Werkbank und Baumeister aufgefallen – Sektoren, die seit vielen Jahren überproportional zu Wachstum und Beschäftigung beitragen. Trotzdem ist die Arbeitslosigkeit bei einer Quote von fast zehn Prozent weit höher als im benachbarten Industrieland Tschechien, das viel stärker in die Wertschöpfungsketten deutscher Unternehmen integriert ist. Zudem liegt der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung nur bei 0,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Polens Universitäten spielen weder international eine Rolle, noch liefern sie den Unternehmen genug kluge Forscher zu.
Alles braucht seine Zeit. So sieht das jedenfalls Pawel Surowka, Finanzchef des Mischkonzerns Boryszew Group in Warschau, der als breit aufgestellter Zulieferer der Automobilindustrie Armaturen, Rohre, Frostschutzmittel und vieles mehr herstellt. „Wir Polen sind hoch motiviert und extrem flexibel“, sagt der Kaufmann, der in München aufwuchs – und Anfang 2013 als 34-jähriges Vorstandsmitglied bei dem Industriekonzern mit derzeit einer Viertelmilliarde Euro Umsatz einstieg. Wenn die vielen guten Polen, die im Ausland tätig sind, eines Tages seinem Beispiel folgen und in die Heimat zurückkehren, so Surowka, „dann mache ich mir um das Wachstum keine Sorgen“.
Anteil der High-Tech-Produkte an exportierten Industriegütern (in Prozent)
Foto: WirtschaftsWoche
Bislang machen Unternehmen wie Boryszew gute Geschäfte. Zwar meidet Surowska das abgewetzte Wort einer „verlängerten Werkbank“. Seine Gruppe aber stellt insbesondere beschäftigungsintensive Komponenten in der Heimat her, hat aber die Entwicklung in Deutschland und Italien angesiedelt. „Dem Preisdruck der großen Autohersteller können Zulieferer nur standhalten, wenn sie die Lohnkosten im Griff haben“, sagt der Finanzvorstand.
Angesichts dieser Aufgabenteilung ist es keine Überraschung, was Surowka von der Euro-Einführung hält. „Ich hoffe, dass die Regierung hierbei aus wirtschaftspolitischen Gründen geduldig bleibt“, sagt er. In puncto Produktivität und Qualität müssten die Polen erst zum EU-Standard aufschließen, denn: „Wenn wir erst einmal auf dem Rasen sind, werden wir uns nicht einfach eine Auszeit nehmen.“ Gleichwohl gibt es in der liberal-konservativen Bürgerplattform und vor allem in Brüssel Stimmen, die die Polen gern im Euro-Raum sähen. Nicht nur, dass der Beitritt eines großen Landes wie Polen ein Gewinn für die Stabilität der Gemeinschaftswährung wäre – das Land selbst würde Anreize erhalten, die Wirtschaft auf globale Wettbewerbsfähigkeit zu trimmen. Abgesehen von Boryszew und einigen anderen Exporteuren wie Bushersteller Solaris oder Zugproduzent Pesa, sind die meisten Unternehmen davon noch weit entfernt.
Polen kann Forschung
Vor allem aber würde der Euro-Beitritt auch die Lohnkosten-Vorteile beschneiden. Und nicht nur das. Die Boryszew Group hatte in der Finanzkrise dank des starken polnischen Zloty genug Geld in der Kasse, um Mittelständler in Schieflage aufzukaufen – etwa einen Hersteller von Armaturenbrettern aus der Nähe von Stendal oder einen Formenbauer aus der Gegend um Bautzen. In Italien übernahm die Gruppe den Fiat-Stammzulieferer Maflow, der in Polen ein Zweitwerk betrieb. Boryszew schloss das Werk in Italien und machte den Standort Polen zum Hauptwerk – nur die Forschung blieb mit 150 Mitarbeitern im Süden.
Wirtschaftsleistung pro Einwohner, kaufkraftbereinigt (in Dollar) ; (Prognosen schraffiert)
Foto: WirtschaftsWocheEs ist nicht so, dass die Polen Forschung nicht können. Vom Gegenteil kann sich jeder in einer Stadt überzeugen, die man des „Brain Drains“ verdächtigen würde: Rzeszow, ein schmuckes Städtchen im entlegenen Südosten nahe der Grenze zur Ukraine, ist in jüngster Zeit zur Boomtown der Luft- und Raumfahrtindustrie geworden. Im „Aviation Valley“, wie sie ein über die Stadt verteiltes Gewerbegebiet promoten, siedeln sich ausländische Investoren an. Darunter ist auch Münchens Triebwerksbauer MTU oder neuerdings der südenglische Mittelständler McBraida, wo die junge polnische Kauffrau Malgorzata Poczatek die Chefin ist. „In der Krise ist Polens Wirtschaft nicht eingebrochen“, sagt sie, das sei ein Argument gewesen für die Wahl des Standorts, der das Werk in Bristol ergänzt. Wichtiger noch sei das geballte Wissen der Luft- und Raumfahrttechniker, die die Universitäten hier ausbilden – und zwar besser als sonstwo in Polen.
Rang 10: Deutschland
Stehen 2014 mit Italien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland noch vier europäische Länder unter denen, mit dem höchsten BIP nach Kaufkraftparität, ist es 2050 nur noch ein einziges: Deutschland.
Aktuell ist Deutschland mit einem BIP von 3,621 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität das fünfstärkste Land der Welt. 2050 wartet nur noch Rang neun, obwohl Deutschland bis dahin 6,338 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität erwirtschaftet. Andere Länder wachsen um einiges schneller.
Laut PWC könnte Deutschland 2050 allerdings besser dastehen, als bisher geschätzt, da Spielraum für Infrastrukturinvestitionen bestehe, die die deutsche Ökonomie nach vorne bringen könnten. Das größte Problem für Deutschland: 2050 wird das durchschnittliche Bevölkerungswachstum im Vergleich zu 2014 jährlich um 0,4 Prozent sinken. Das langfristige Wirtschaftswachstum Deutschlands dürfte bis 2050 im Schnitt pro Jahr 1,6 Prozent betragen.
Quelle: PWC
Foto: dpaRang 9: Nigeria
Aktuell liegt der westafrikanische Staat noch auf Rang 20 – 1,058 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität erwirtschaftet er 2014. Nigeria ist neben dem Vietnam das Land, das zwischen 2014 und 2050 am stärksten wachsen wird – laut PWC könnten sie Wirtschaftswachstumsraten von durchschnittlich fünf Prozent pro Jahr in diesem Zeitraum erreichen. Trifft das zu, dürfte Nigeria 2050 als erstes afrikanisches Land eine stärkere Wirtschaftsleistung erbringen als Deutschland. 7,345 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität dürfte Nigeria 2050 erwirtschaften.
Ein wichtiger Faktor dabei sind die Rohstoffreserven Nigerias. Diese könnten allerdings auch zum Problem werden. Wenn etwa wie aktuell die Ölpreise fallen, leidet Nigerias Wirtschaft darunter.
Nigerias größtes Potenzial liegt in seiner jungen Bevölkerung und dem stark zunehmenden Teil der Bevölkerung im erwerbstätigen Alter.
Rang 8: Russland
2014 erwirtschaftet Russland 3,559 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität – und liegt damit knapp hinter Deutschland. Bis 2050 wird sich das ändern. Mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 2,1 Prozent pro Jahr, zieht Russland schon 2030 an Deutschland vorbei.
Wie auch Nigeria profitiert Russland von seinen Bodenschätzen. Die Fokussierung auf Rohstoffe könnte das Wachstum allerdings hemmen – wenn dadurch andere Wirtschaftszweige vernachlässigt werden. Auch die ansteigenden Spannungen zwischen Russland und den USA könnten die positiven Aussichten vergessen machen.
Rang 7: Japan
Gegenwärtig ist Japan das vierstärkste Land der Welt – gemessen in US-Dollar nach Kaufkraftparität erwirtschaftet Japan 4,788 Milliarden im Jahr 2014. Bis 2050 werden allerdings einige Schwellenländer an Japan vorbeiziehen. 7,914 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität wird Japan zu diesem Zeitpunkt noch umsetzen.
Wie auch Deutschland hat Japan vor allem mit seiner demographischen Entwicklung zu kämpfen. Das durchschnittliche Bevölkerungswachstum wird pro Jahr um 0,5 Prozent abnehmen, schätzen die Forscher.
Rang 6: Mexiko
2014 erwirtschaftet Mexiko 2,143 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität und ist damit die elftstärkste Wirtschaftsnation der Welt. Bis 2050 wird sich die Leistung fast vervierfachen – 8,014 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität wird Mexiko bis dahin einfahren.
Profitieren kann Mexiko vor allem davon, dass es nah am US-Markt liegt. Daher ziehen viele große Konzerne, die die USA beliefern wollen, Fabriken in Mexiko auf. Ein weiterer Vorteil: Dort sind die Arbeitskräfte noch weitaus günstiger als in den USA. Mit einem durchschnittlichen Bevölkerungswachstum von 0,6 Prozent im Jahr wird Mexiko die Zahl seiner Arbeitskräfte bis 2050 zudem deutlich steigern können.
Foto: dapdRang 5: Brasilien
Auch Brasilien wird aus Sicht der Forscher weiter aufsteigen. Aktuell liegt es mit einer Wirtschaftsleistung von 3,073 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität noch auf Rang sieben – hinter Russland und Deutschland. Bis 2050 wird das Land seine wirtschaftliche Leistung mehr als verdreifachen können und Deutschland und Russland hinter sich lassen.
Das setzt allerdings voraus, dass Brasilien die Marktturbulenzen, die es seit Mitte 2013 heimsuchen, in den Griff kriegt. Zudem ist es wichtig, dass das Land seine Investitionsrate steigern kann.
Foto: APRang 4: Indonesien
Indonesien rangiert aktuell knapp hinter Frankreich auf Rang neun. Bis 2050 wird der weltgrößte Inselstaat seine Wirtschaftsleistung fast verfünffachen und 12,210 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität erwirtschaften. Damit stößt Indonesien auf Rang vier vor.
Nach Ansicht der Forscher wird es einen Teil seines Wachstums dadurch generieren, dass China seine Billig-Produktionsstätten bis dahin auslagern wird – unter anderem nach Indonesien. Ein Vorteil liegt auch in der zunehmenden Bevölkerung. Um 0,7 Prozent wächst sie im Schnitt pro Jahr. Von der Top drei ist Indonesien allerdings auch dann noch weit entfernt. Die USA werden 2050 240 Prozent mehr erwirtschaften als Indonesien.
Foto: APRang 3: USA
Aktuell belegen die USA noch den zweiten Platz – knapp hinter China. Sie erwirtschaften 17,416 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität. Die USA werden 2050 immer noch einen der wichtigsten Märkte der Welt besitzen. Deswegen wird das Einkommensniveau auch weiterhin eines der höchsten weltweit bleiben.
Dazu gilt: Obwohl der US-Markt nur noch ein geringes Wachstum verzeichnen wird, werden die politische und institutionelle Stärke sowie das geringe Risiko für Investoren weiter Geschäftsleute aus aller Welt anziehen.
Bis 2050 dürften die USA 41,384 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität erwirtschaften.
Foto: APRang 2: Indien
2014 erwirtschaftet Indien nicht einmal halb so viel wie die USA – bis 2050 wird das bis dahin wohl bevölkerungsreichste Land der Welt an den Amerikanern vorbeigezogen sein. Mit einer Wirtschaftsleistung von 42,205 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität.
Die Ursache für den Sprung nach vorne ist Indiens gigantische Bevölkerung, die mit einer durchschnittlichen Bevölkerungswachstumsrate von 0,7 Prozent pro Jahr von 2014 bis 2050 weiter stark zunehmen wird.
Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen dürfte Indien allerdings auch dann noch weit hinter den westlichen Staaten zurückliegen.
Foto: dapdRang 1: China
China hat bereits 2014 die USA als wirtschaftsstärkste Nation der Welt abgelöst. Bis 2050 wird sich der Abstand noch vergrößern. Ganze 61,079 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität wird China bis dahin erwirtschaften und damit rund 50 Prozent mehr als die USA.
China wird seine Produktivität weiter ausbauen können und von seiner riesigen Bevölkerung profitieren. Allerdings könnten die Konflikte im Mittleren Osten und die Spannungen mit Japan die langfristigen Wachstumsmöglichkeiten durchaus einschränken. Sollten diese Konflikte gelöst werden, gehen die Forscher davon aus, dass Chinas Wirtschaftsleistung bis 2050 jährlich um 3,4 Prozent zulegt.
Die Halle ist halb leer und klinisch rein. Nur an wenigen Drehbänken stehen Arbeiter und fräsen Teile aus Titan. „Wir lernen noch“, sagt Poczatek, „aber das tun wir sehr schnell.“ Alle Komponenten sende sie im Moment zur Qualitätsprüfung nach Großbritannien, ehe sie zum Kunden kommen. Ab kommendem Jahr werde Rzeszow erstmals ohne Umweg die Berliner Triebwerkefabrik von Rolls-Royce beliefern. Die rasche Auffassungsgabe der Facharbeiter in dieser Gegend macht’s möglich, sagt die Betriebswirtin. „Meist glauben die Absolventen polnischer Hochschulen Wunder, was sie alles können“, so Poczatek, „jene aus Rzeszow haben wirklich Ahnung.“
Rzeszow macht im Kleinen vor, was Polen insgesamt schaffen muss: Das Land als Standort für Forschung und Entwicklung zu profilieren – nicht nur für ausländische Investoren, sondern auch als Biotop, in dem sich lokale Unternehmen hin zu weltweiter Wettbewerbsfähigkeit entwickeln können. Im Innovationsindex der EU-Kommission schneiden nur Bulgarien, Rumänien und Lettland schlechter als Polen ab. „Niedrige Ausgaben für
Forschung und Entwicklung fallen zusammen mit geringen Aktivitäten in diesem Bereich von Unternehmen und einem Geschäftsumfeld, das Innovationen nicht anregt“, kritisierte die EU-Kommission im Sommer in ihrer jährlichen Überprüfung der polnischen Wirtschaft. „Die Innovationsfähigkeit polnischer Unternehmen und die Beziehungen zwischen der Wissenschaft und der Industrie zu stärken sowie gezielte Instrumente zu schaffen, die sich auf den ganzen Innovationszyklus beziehen, bleiben eine Herausforderung.“
Ideen aus dem Ausland
Am Geld scheitert das nicht. In der laufenden Haushaltsplanung bleibt Polen der größte Empfänger von Strukturmitteln in der EU. Bis zum Jahr 2020 sind 86 Milliarden Euro an Mitteln für Polen eingeplant. Aus Brüssel kommt die Botschaft, dass Investitionen künftig weniger in die Infrastruktur, sondern viel stärker in die Innovationskraft des Landes gelenkt werden. Polens EU-Kommissarin für Industrie und Binnenmarkt, Elzbieta Bienkowska, die zuvor in Warschau als Ministerin unter Tusk für Regionalentwicklung verantwortlich war, spielt den Ball aber auch an die Wirtschaft ab: „Unsere Unternehmen geben kein Geld für Innovationen aus. Sie kaufen lieber Ideen aus dem Ausland.“
Einer, der das ändern will, ist Chemiker Jaroslaw Rogoza. Seit fünf Jahren baut er für den polnischen Chemiekonzern Synthos in Oswiecim die Forschungs- und Entwicklungsabteilung auf – einen Bereich, den es bis dahin nicht gegeben hatte. „Im Kern haben sie damals mit alten Technologien dieselben Produkte wie in den Jahrzehnten zuvor hergestellt“, Klebstoffe und Reifen vor allem. Es habe ewig gedauert, um Innovationen einzuführen und die Fertigung effizienter zu gestalten. Wer heute zu Rogoza will, muss vorbei an den Relikten der alten Zeit: zerfallene graue Fabrikhallen, verbunden mit kaum isolierten und meist rostigen Rohren, drei Kilometer hinein ins Innere des größten polnischen Chemiekonzerns. Dort steht das Forschungs- und Entwicklungszentrum auf zwei Etagen, in dem Rogoza heute immerhin 45 Mitarbeiter beschäftigt.
Synthos ist eines der wenigen Unternehmen in Polen, die im großen Stil in Forschung und Entwicklung investieren. Vom Niveau deutscher Wettbewerber wie Henkel oder Lanxess, gibt Rogoza offen zu, sei man hier noch weit entfernt – aber auf einem guten Weg. Schritt für Schritt habe er die Zahl der Patente gesteigert, die Entwicklungszeit beschleunigt. Heute forscht sein Team an Klebstoff, der Ikea-Möbel zusammenhält – oder an der Konsistenz von Reifenprofilen.
Nur die halbe Miete
Modern wirkt das Forschungszentrum des Mittvierzigers – aber das ist nur die halbe Miete für ihn. „Staatliche Initiativen sind wichtig, wenn Polen innovativer werden will“, sagt der Chemiker, der lange Zeit beim britischen Pharmahersteller Glaxosmithkline tätig war. Hierfür brauche es eine Hochschulreform, denn es hapere an der Kommerzialisierung von universitären Erfindungen. „An den Universitäten ordnen sie die Prioritäten falsch“, sagt er. Es gehe erst um die Lehre, dann ums Publizieren, und erst an dritter Stelle stehe die Forschung. „Wir picken uns von den Unis nur die Kreativsten heraus, die Praxis müssen sie bei uns lernen“, sagt der Forscher.
Das Bildungswesen, so viel steht für viele Unternehmer in Polen fest, muss der Staat fundamental verbessern. EU-Fördermittel, die bisher eher in den Straßenbau flossen, könnten dabei helfen. Sicher ist, dass die Reformer nach Tusk dickere Bretter bohren müssen. Denn nur mit mehr Innovation schafft Polen den Sprung vom Niedrigkostenland zu einer Technologie-Ökonomie, die auch die dringend benötigten hoch qualifizierten Jobs schafft.