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Börsenwoche 421: EditorialJapan entzaubert den Mythos vom unendlichen Geld

Modern Monetary Theory ist zu Niedrigzinszeiten nahezu salonfähig geworden. Ihr zufolge können sich Staaten fast unbegrenzt in der eigenen Währung verschulden. Das Comeback von Inflation und Zins entzaubert den Mythos.KOMMENTAR von Jan-Lukas Schmitt 07.08.2023 - 07:48 Uhr

Viele Jahre stimulierte man in Japan die Inflation, doch die wollte nicht in Schwung kommen. Jetzt ist sie da. Aber bleibt sie unter Kontrolle?

Foto: imago images

Würden Sie mir Geld leihen? Ich schätze, es kommt darauf an, was ich Ihnen dafür biete – und ob Sie es wiedersehen. Kurz gesagt gilt die uralte Regel: Ohne Solvenz kein Kredit. Was für Privatleute Alltag ist, gilt im Grunde auch für Staaten. Nur dass die theoretisch unendlich leben. Sie müssen ihre Schuld also nicht zwingend in absehbarer Zeit zurückzahlen, Kreditwürdigkeit genügt. Je nach Bonität verlangen Gläubiger mehr Zinsen – ein faires Geschäft.

Die Niedrigzinsjahre nutzten Staaten auf der ganzen Welt, um frisches Geld zu besorgen, etwa zur Krisenbekämpfung – kostete ja nichts. Die Bundesrepublik verdiente in der Spitze gar an ihren Krediten. Diese außergewöhnliche Zeit hat ein randständiges Theorem salonfähig gemacht: die Modern Monetary Theory (MMT).

Ihre Anhänger haben sich von den Grundsätzen der Geld- und Haushaltspolitik weitgehend verabschiedet. Vereinfacht gesagt ist der MMT zufolge eine nahezu grenzenlose Verschuldung möglich, sofern ein Staat nur in der landeseigenen Währung verschuldet ist, weil die Zentralbank immer neues Geld drucken kann.

Allerdings: Übersteigen die auf Schulden anfallenden Zahlungen die Nettoüberschüsse eines Staates, muss er den Schuldendienst mit neuen Krediten finanzieren – der Staatshaushalt wird zum Schneeballsystem. MMT-Anhänger argumentieren, dass, sofern das Geld für Investitionen verwendet wird, die Zinslast aber nicht steigt, weil das Geld nicht vom Kapitalmarkt kommt.

Das Reallabor für MMT ist Japan: Der Staat verfolgt seit Jahren eine ultralockere Geldpolitik, bei der die überbordende Staatsschuld von aktuell 260 Prozent durch Staatsanleihen finanziert wird. Institutionelle Investoren wie Pensionskassen kaufen die Papiere und geben sie an die japanische Notenbank (BoJ) weiter, die so über die Jahre rund die Hälfte der Staatsschuld in ihre Bücher lud.

Diese Art der Geldschöpfung ist ein idealer Inflationsmotor, den Japan zur Entschuldung nutzen will. Die Inflation jedoch blieb lange am Boden. Seit Jahresbeginn ist die Teuerung zurück – und stellt den Staat vor Herausforderungen. Steigt der Zins, drohen Finanzierungsschwierigkeiten. Die BoJ drückte die Renditen von Staatsanleihen deshalb lange künstlich unter 0,25 Prozent. Steigt sie über diesen Zielwert, kauft die BoJ unbegrenzt nach.

Vergangene Woche kam der Kurswechsel: Höhere Renditen sind nun ok. Die Folgen sind schwer abzusehen, doch das Vertrauen in Japans Solvenz bröckelt. Seit Anfang 2021 verlor der Yen gegenüber dem Dollar mehr als 25 Prozent. Das verteuert Importe, was die Inflation zusätzlich anheizt. Spannend wird, ob die BoJ die Inflation wieder einfangen kann – hebt sie den Zins zu hoch, riskiert sie den Staatsbankrott.

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Japan entzaubert den Mythos vom unendlichen Geld

Das Comeback von Zins und Inflation stellt MMT auch in Europa auf die Probe. Italien etwa konnte mit einer Verschuldung von 135 Prozent der Wirtschaftsleistung schon zu Niedrigzinszeiten die Last kaum stemmen. Die EZB muss deshalb bei der Inflationsbekämpfung Rücksicht nehmen. Zu hohe Zinsen würden zu Turbulenzen führen. Wie das Experiment der ultralockeren Geldpolitik in Japan endet, bleibt abzuwarten. Fest steht: Der Mythos vom unendlichen Geld dürfte in der kommenden Zeit entzaubert werden.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche an der Börse!

Foto: WirtschaftsWoche

Ihr Lukas Schmitt

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