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Venator DeutschlandInvestor übernimmt insolventes Chemiewerk in Duisburg

Die International Chemical Investors Group übernimmt das Duisburger Traditionsunternehmen Venator. Was hat der neue Investor mit dem Chemiewerk vor?Henryk Hielscher, Clara Thier 13.01.2026 - 09:10 Uhr
Auf dem 800.000 Quadratmeter großen Gelände von Venator in Duisburg ragen Schornsteine in den Himmel. Foto: IMAGO/funke foto services

Überraschend still ist es auf dem Werksgelände an Duisburgs linkem Rheinufer. Dutzende Röhren, Schornsteine und Gerüste ragen in den Himmel. Viele der riesigen Bauten – sei es die rostrote Schwefelsäureanlage oder die dreigliedrige Titandioxidanlage – sind größtenteils stillgelegt. Schon im 19. Jahrhundert produzierte man auf dem weitläufigen Gelände Chemikalien, heute gehört das Werk der Firma Venator. Seit Anfang September 2025 ist der Standort insolvent. Doch der Eindruck eines „Lost Place“ täuscht: Die Mitarbeiter produzierten ununterbrochen weiter, voll ausgelastet, nicht aber ohne ein tägliches Bangen um die Zukunft ihres Arbeitgebers.

Nun gibt es eine Lösung: Am Montagvormittag wurden die rund 350 Mitarbeiter informiert, dass die International Chemical Investors Group (ICIG) das Duisburger Chemiewerk übernimmt. Dort werden Additive und Nano-Produkte hergestellt, die etwa in Farben, Kunststoffen und Sonnenschutzmitteln stecken.

Die Zukunft des Standortes sei damit gesichert, alle Arbeitsplätze bleiben erhalten, teilte die vorläufige Insolvenzverwalterin Sarah Wolf von der Kanzlei Anchor mit. „Damit ist ein echtes Traditionsunternehmen gerettet“, so Wolf. Nicht nur für die Belegschaft, sondern auch für zahlreiche Dienstleister und Geschäftspartner bedeute der Abschluss Planungssicherheit.

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Als Wolf und ihr Team in Duisburg antraten, waren die Kassen leer. Über ein sogenanntes Cashpooling-System waren alle Einnahmen zunächst an die britische Muttergesellschaft geflossen und wurden anschließend innerhalb des Konzernverbunds verteilt. Als die Mutter im September Insolvenz anmeldete, rutschten daher sofort auch die Tochtergesellschaften in die Zahlungsunfähigkeit. Trotzdem gelang es Wolf, die Produktion in Duisburg aufrechtzuerhalten. „Durch eine gemeinsame Kraftanstrengung von Management, Belegschaft und Gläubigern konnten die Lieferfähigkeit und das Vertrauen der Kunden jederzeit gewahrt werden“, sagt Wolf.

Comeback der Marke „Sachtleben“

Nun muss noch das Bundeskartellamt dem Deal zustimmen. Anschließend kann der neue Investor loslegen: ICIG ist nach eigenen Angaben eine weltweit agierende Industriegruppe mit Fokus auf mittelständische Chemie- und Pharmaunternehmen. Insgesamt erzielte das Unternehmen zuletzt mehr als 3 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigte rund 6000 Mitarbeiter. Das Unternehmen sitzt in Luxemburg. Seit der Gründung 2005 wächst ICIG durch Übernahmen und kauft insbesondere Nischenspezialisten zu. Bei Venator dürfte die Gruppe in einer guten Verhandlungsposition gewesen sein. Andere Bieter gab es dem Vernehmen nach nicht, ein Scheitern hätte hohe Rückbaukosten ausgelöst – und damit für zusätzliche Schäden gesorgt.

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Der neue Eigentümer bringe „eine klare strategische Vision für den Standort mit“, heißt es nun bei Venator. Neben dem Erhalt der bestehenden Strukturen sei auch eine weitere Entwicklung des Chemiestandortes vorgesehen. Zudem strebt der Investor an, die Produktion mit traditionsreichen Marken wie Sachtolith oder Blanc Fixem auszubauen.

Chemie in der Krise, Investoren schlagen zu

Die deutsche Chemieindustrie steckt seit geraumer Zeit in der Krise. „2025 war für unsere Branche erneut sehr schwierig und der Blick nach vorn wird nicht rosiger“, sagte Markus Steilemann, Präsident des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), Ende vergangenen Jahres. Die Produktionsanlagen der drittgrößten deutschen Industriebranche nach dem Auto- und Maschinenbau seien nur 70 Prozent ausgelastet – „ein historischer Tiefpunkt und weit entfernt von Rentabilität“. Jedes zweite Unternehmen habe zu wenig Aufträge.

Ein zentraler Grund für die Misere ist eine schwache Weltkonjunktur und eine stark wachsende Chemieindustrie in China, die die deutsche Produktion auf dem Weltmarkt preislich unterbietet. Auch der Standort Deutschland ist eine Belastung für die Unternehmen an sich, vor allem aufgrund hoher Energiepreise und in Zukunft steigender Kosten für CO2-Zertifikate. Der Grundstoffhersteller Ineos klagt darüber, ebenso wie andere.

2025 war für unsere Branche erneut sehr schwierig und der Blick nach vorn wird nicht rosiger
Markus Steilemann
Präsident des Verbands der Chemischen Industrie

Weil zunehmend sogenannte Steamcracker für die Grundstoffproduktion schließen oder kurz vor einer Schließung stehen, befürchtet die Branche einen Dominoeffekt: Fallen einzelne Anlagen weg, brechen die Synergien an Verbundstandorten wie in Marl oder Leuna zusammen. Viele Firmen reagieren mit Stellenabbau. So kündigte der Spezialchemiehersteller Wacker Chemie im Dezember an, 1500 Stellen abzubauen.

Aufgrund der strukturellen Krise wittern Investoren die Chance auf günstige Zukäufe: Kurz vor der Ankündigung der ICIG, das Duisburger Venator-Werk zu übernehmen, wurden zwei weitere Übernahmen in der deutschen Chemiebranche bekannt: Der saudische Chemiekonzern Sabic verkauft seine Werke in Europa an die Münchner Industrieholding Aequita und den ebenfalls aus München stammenden Finanzinvestor Mutares. Mutares will nun auch die französische Tochter von Venator übernehmen. Zuvor hatte Aequita bereits einen Teil des europäischen Geschäfts von LyondellBasell gekauft. Beide wollen im Bereich Chemieindustrie weiter expandieren.

Neben deutschen Venator-Gesellschaften hatten zuletzt bereits die Chemieunternehmen Vynova Wilhelmshaven, Arsol Aromatics und Domo Chemicals Insolvenz angemeldet. Welche Perspektiven es für diese Unternehmen gibt, wird sich zeigen. Vor allem bei Domo, der größten Chemieunternehmensgruppe in Sachsen-Anhalt, ist die Lage allerdings heikel.

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So musste die Produktion der deutschen Standorte von Domo Chemicals vor wenigen Tagen in einen Notbetrieb versetzt werden. Zuvor waren Verhandlungen mit den Gläubigern über einen kurzfristigen Kredit – ein sogenanntes Massedarlehen – gescheitert.

Notbetrieb bei Domo Chemicals

Ohne die finanziellen Mittel zur Finanzierung des Geschäftsbetriebs sah sich der vorläufige Insolvenzverwalter Lucas Flöther gezwungen, den Betrieb in Leuna stillzulegen. Die Folgen für die Anlage und deren Verwertung ließen sich noch nicht abschätzen. „Wir unterstützen die Geschäftsführung dabei, die Anlagen sicher herunterzufahren. Ob sie sich dann ohne Schäden irgendwann wieder anfahren und weiter nutzen lassen, ist die große Frage“, so Flöther. „Für die Anlagen und den Chemiestandort, aber auch für die Gläubiger wäre das jedenfalls eine Katastrophe.“

In Duisburg wurde eine solche „Katastrophe“ nun abgewendet. Doch die Szenarien und Notfallpläne waren bereits vorbereitet: So hätte ein Scheitern der Investorensuche immense Rückbaukosten für das Areal ausgelöst. Auf dem 800.000 Quadratmeter großen Gelände lagern Chemikalien-Tanks, Reaktoren, zahllose Leitungen. Entsprechend teuer wären Abriss und Entsorgung geworden. Insolvenzverwalterin Wolf rechnete mit Gesamtkosten von mehr als 150 Millionen Euro. Dieser Betrag hätte wohl überwiegend von der Stadt Duisburg übernommen werden müssen, da Venator selbst kaum noch über verwertbares Vermögen verfügte.

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