Comeback nach Schicksalsschlag: „Ich bin geradezu auf die Suche nach Problemen gegangen“
Kämpfte sich nach einem schweren Unfall zurück: Katharina Kreitz.
Foto: PrivatKatharina Kreitz gilt als Pionierin aus dem Windkanal. Die Idee ihres Start-ups Vectoflow, Strömungsmesssonden im 3D-Drucker individuell anzufertigen, überzeugte gleich nach der Gründung im Jahr 2015 einen Rennstahl aus der Formel 1. Mittlerweile gehören laut Firmenangaben Tesla, Toyota und Airbus zu den Kunden aus 80 Ländern. Ende 2023 schloss das Unternehmen, das die Münchner Luft- und Raumfahrtingenieurin mit zwei Mitstreitern gründete, eine erste Finanzierungsrunde über vier Millionen Euro ab. Beinahe aber hätte ein schwerer Unfall der Erfolgsgeschichte ein jähes Ende bereitet.
Kurz nach der Nominierung für den Deutschen Gründerpreis verunglückte Kreitz 2019 beim Skifahren schwer. Sie prallte mit einem Baum zusammen, ein Ast bohrte sich durch ihr linkes Auge ins Gehirn. Die Ärzte sagten ihr ein einjähriges Koma und schwerste Hirnschäden voraus. Doch kurz nach dem Unfall kehrte die Gründerin zurück.
WirtschaftsWoche: Frau Kreitz, Sie standen sechs Monate nach Ihrem schweren Skiunfall wieder im Büro. Trieb Sie die Angst, dass die Investoren abspringen?
Katharina Kreitz: Nein, ich wollte es tatsächlich so. Die Ärzte haben mich gefragt, ob ich eine Krankschreibung brauche. Aber ich dachte: Dann langweile ich mich ja zu Tode.
Trotzdem konnten Sie bestimmt nicht sofort durchstarten.
Auf keinen Fall. Ich bin nicht direkt volle Kanne von 8 bis 20 Uhr eingestiegen, sondern nach und nach.
Wie sah das zum Beispiel aus?
Ich war nie ein Langschläfer. Aber ich habe jeden Tag ohne Wecker ausgeschlafen und bin dann erst ins Büro gekommen. Ich habe auch erst nach und nach wieder Aufgaben übernommen. Rückblickend war das für meine Heilung tatsächlich auch ganz gut so.
Fiel es Ihnen dennoch schwer, nicht sofort wieder an die vorherige Top-Leistung anknüpfen zu können?
Es war tatsächlich schwierig. Ich arbeite da immer noch dran. Ich habe vor einigen Monaten ein Kind bekommen. Jetzt kann ich nicht mal eben Arbeit in den Abend verlegen, wenn ich den ganzen Tag Meetings habe. Ich musste mit mir kämpfen und akzeptieren, dass ich momentan nicht so performen kann wie sonst. Das ist wie nach dem Unfall oder wie, wenn man einen schweren Verlust erleidet oder eine lange Partnerschaft beendet: Man muss sich selber Zeit geben.
Die kann sich nicht jeder Beschäftigte leisten. Wie können Vorgesetzte bei einer Krise helfen?
Indem man zum Beispiel viel Arbeit gibt, wenn das eine gute Ablenkung ist. Aber eben die richtigen Aufgaben. Nicht „Denk dir mal eine kreative Strategie aus“, sondern vielleicht nervende Aufgaben, die aber erledigt werden müssen und leicht abzuarbeiten sind. So ist die betroffene Person beschäftigt und trägt etwas bei. Wir sind ja auch nicht die Wohlfahrt und können sagen: Nimm dir ein halbes Jahr frei, damit du wieder glücklich bist. Das geht vielleicht in manchen Firmen, aber in den meisten nicht.
Sollte man sich also in einer persönlichen Notlage dem Vorgesetzten anvertrauen?
Ja, denn sonst sehe ich nur, dass die Person nicht die Leistung bringt wie sonst und verstehe gar nicht, was dahinter steckt. Wenn ich aber weiß, dass jemand Schlimmes durchleidet, kann ich die Aufgaben anpassen.
Das setzt allerdings ein Vertrauensverhältnis voraus.
Es birgt natürlich eine gewisse Gefahr. Eine Freundin von mir hatte Depressionen. Sie vertraute sich ihrem Vorgesetzten an und wurde kurze Zeit später gekündigt. Ich verstehe deshalb, wenn Arbeitnehmer Angst haben. Man muss ja nicht ins Detail gehen. Aber wenn ich gar nichts sage, sieht mein Arbeitgeber halt nur die schlechten Leistungen.
Wie können Chefs noch helfen?
Wenn es der Job erlaubt, kann es helfen, flexibler zu arbeiten – so wie in meinem Fall. Entweder zeitlich oder auch, was den Ort angeht. Wenn jemand sagt: Ich habe einen Onkel in Italien mit einer guten Internetverbindung – dann spricht für mich nichts dagegen, mal drei Wochen Homeoffice im Ausland zu erlauben, wenn es demjenigen hilft.
Oft weiß man als Kollege nicht so genau, wie man sich nach einem Schicksalsschlag den Betroffenen gegenüber verhalten soll. Was fanden Sie bei Ihrer Rückkehr ins Büro wichtig?
Ich persönlich finde es hilfreich, wenn man selbst eine kleine Erfahrung preisgibt und damit zeigt „Du bist nicht allein“. Das muss nicht eins zu eins vergleichbar sein. Aber wenn man selbst von einer schweren Zeit im Leben erzählt, sich nur ein bisschen öffnet, hilft das Betroffenen, sich gesehen zu fühlen.
Gerade nach traumatischen Erlebnissen gibt es sicherlich Rückfälle, obwohl es anfangs scheinbar super läuft. Wie war das bei Ihnen?
Ich hatte kein Trauma, jedenfalls kein wissentliches. Denn ich habe überhaupt keine Erinnerung an den Unfall. Aber wenn man hört „Sie haben einen irreversiblen Schaden im Hirn“ stellt man sich schon die Frage: Was genau kann ich denn jetzt nicht mehr? Ich bin geradezu auf die Suche nach Problemen gegangen und habe bei alltäglichen Schwierigkeiten gedacht: Das ist es jetzt.
Das Selbstvertrauen ist erschüttert.
Genau. Ich erinnere mich besonders an einen Zwischenfall. Ich saß in einem Mietwagen, der anders gestartet wurde als gewohnt. Ich habe das Auto zehn Minuten lang nicht angekriegt und war kurz davor auszusteigen. Da muss man sich zusammenreißen und verstehen: Das ist ein normales Problem und hat nichts mit meinem Unfall zu tun.
Dieses neue Selbstverständnis braucht aber vermutlich Zeit.
Mir fällt immer noch auf jedem Foto auf, dass mein eines Auge durch die Verletzung und Operationen anders aussieht. Damit muss ich mich abfinden und ich bin hier sicher noch nicht am Ende. Andererseits habe ich nichts gesehen, was ich früher wirklich besser konnte als heute. Ich habe eher witzigerweise etwas, was ich ganz gute finde.
Was denn?
Ich habe früher bei Filmen sehr schnell geweint. Jetzt vergieße ich keine Tränen mehr – es sei denn, es passiert etwas wirklich Schlimmes in meinem Leben. Das kann sehr hilfreich sein, wenn ich mit meinem Mann streite. (lacht)
Sind Sie eine andere Chefin als vor dem Unfall?
Viele Leute fragen, ob ich anders führe. Tatsächlich hat sich daran eher nichts geändert.
Und organisatorisch?
Tatsächlich habe ich nach dem Unfall angefangen, deutlich mehr aufzuschreiben und Informationen, die in meinem Kopf gespeichert waren für andere festzuhalten. Es muss ja auch weiterlaufen, wenn ich mal nicht da bin. Das ist auch ein viel schöneres Gefühl, wenn ich mal im Urlaub bin.
Wie gerade in Ihren ersten Ferien mit Baby. Profitieren Sie jetzt von den Veränderungen nach Ihrem Unfall?
Absolut. Klar könnte man von Machtverlust sprechen, wenn plötzlich ein Praktikant mehr über ein technisches Detail weiß als ich. Das ist vielleicht peinlich – aber normal, wenn eine Firma wächst. Ich sehe es positiv und habe ein deutlich entspannteres Leben.
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