WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Start-up-Szene So ziehen Gründer weitere Gründer nach

Ein Pfeil weist den Weg - zumindest auf dieser Konferenz in Berlin. Die Hauptstadt ist das bekannteste Biotop für Gründer. Aber keinesfalls das einzige in Deutschland. Quelle: dpa

Start-ups schaffen nicht nur Arbeitsplätze, sie bilden auch die Gründer von morgen aus – und stärken damit die Wirtschaft gleich doppelt. Doch nicht immer läuft das ganz reibungslos.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Acht Jahre hat Max Bauermeister auf seine Chance gewartet: in der Personalabteilung beim US-amerikanischen Gutscheinanbieter Groupon, als Managementberater in Berlin und schließlich als Personalchef beim Versicherungs-Start-up Wefox. „Ich wusste seit meiner Kindheit, dass ich irgendwann gründen werde“, sagt Bauermeister im Rückblick. Heute bearbeitet er mit seinem Berliner Start-up Twinwin Fragen, die ihn all die Jahre verfolgt haben.

„Das Thema Arbeitsrecht ist sehr komplex, wie ich bei Wefox erlebt habe“, sagt der 35-Jährige. Formvorgaben, Fristen, mögliche Tücken in Vertragsklauseln: Mit Twinwin wollen der Wirtschaftspsychologe und die Rechtsanwältin Eleni Arvaniti schnell und einfach Antworten liefern, zum monatlichen Abo-Preis. Noch stehen sie damit ganz am Anfang: Vor fast anderthalb Jahren gestartet, ist Bauermeister heute wieder nur für zehn Mitarbeiter verantwortlich – bei Wefox waren es noch mehr als 150. Eine prägende Erfahrung, wie er heute sagt: „Erstmal ins Angestelltenverhältnis zu gehen, war Absicht – um mir ein paar Dinge abzuschauen.“

Gerade die ersten Monate bei Wefox in Zürich haben bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen: „Wir haben damals oft auf der Couch im Büro geschlafen, da habe ich die klassische Anfangsphase beim Start-up intensiv miterlebt“, sagt der Gründer, der inzwischen bereits seine zweite Firma aufbaut.

Aus Eins mach Hundert

Mitmachen, lernen, nachmachen: Dass frühe Mitarbeiter von erfolgreichen Start-ups irgendwann selbst gründen, kommt laut Investor Alan Poensgen häufig vor. „Es macht einen riesigen Unterschied, wenn man einmal erfolgreiche Gründer erlebt hat – und gesehen hat, dass es funktioniert“, sagt der Berliner Partner des Risikokapitalgebers Antler. In einer Analyse fand der Investor heraus, dass allein aus zehn europäischen Start-ups mit einer Milliardenbewertung – darunter etwa der Gebrauchtwagenhändler Auto1 – mehr als 850 neue Unternehmen entstanden sind. Und damit mehr als 20.000 neue Arbeitsplätze.

So schaffen Start-ups nicht nur selbst Stellen, sondern bilden wiederum die Gründer von morgen aus. Erfolgreiche Nachwuchsfirmen in der Wachstumsphase, vor allem die sogenannten Einhörner mit Milliardenbewertungen, seien eine gute Schule für aufstrebende Gründer, zeigt sich der Investor überzeugt. „Dort werden gerade viele künftige Gründer ausgebildet.“ Doch solche Keimzellen entstehen längst nicht überall.

Außerhalb von Berlin tut sich wenig

Sie häufen sich in bestimmten Kreisen, wie Antler beobachtet. Als starke Multiplikatoren, die inzwischen aus ihrem Start-up-Status herausgewachsen sind, nennt der Investor den Online-Modehändler Zalando und die Firmenschmiede Rocket Internet – beide aus der Start-up-Hauptstadt Berlin und mit jeweils mehr als 200 Ablegern. „Außerhalb von Berlin tut sich noch wenig“, sagt auch der Investor Poensgen. Selbst in Großstädten wie Hamburg sei der Multiplikator-Effekt deutlich schwächer. Als Vorbild gerade im technischen Bereich nennt er das Netzwerk, das rund um die Technische Universität (TU) München und ihre Gründungsförderung UnternehmerTUM entsteht. So ging auch Deutschlands erstes sogenanntes Decacorn Celonis mit einer Bewertung von mehr als zehn Milliarden Dollar aus der Münchener Uni hervor.

Auch rund um den schwedischen Zahlungsdienstleister Klarna sind laut Antler bereits 130 neue Firmen entstanden, darunter die Finanz-App Anyfin oder der Spezialist für Einkaufsfinanzierung Modifi. Viele Fäden laufen auch bei weniger bekannten Nachwuchsfirmen zusammen – zum Beispiel beim 2014 gegründeten Münchener Sensorik-Start-up Konux. Unter den früheren Mitarbeitern findet sich etwa Michael Wax, Mitgründer und Chef von Forto, einem Frachtdienst, der gerade den Status eines Einhorns errungen hat. Oder der Geschäftsführer der Münchener Datenanalysefirma Climedo Health, Sascha Ritz.

Was die ehemaligen Start-up-Mitarbeiter oft selbst erfolgreich macht: ihre Neugier auf neue Geschäftsideen, ein gewisser Hang zum Risiko und letztlich Erfahrung. „Man startet mit günstigeren Voraussetzungen: mit einem Netzwerk und damit auch direkt einem einfacheren Zugang zu Investoren“, sagt Poensgen. Denn auch die Risikokapitalgeber hätten erkannt, dass frühere Start-up-Mitarbeiter bei eigenen Gründungen eine höhere Erfolgsquote haben. Und damit als Investment auch einen lukrativen Exit versprechen. Ein Selbstläufer ist die Sache aber nicht.

Kultur der Keimzellen

Unter bestimmten Voraussetzungen gedeihen solche Keimzellen besonders gut. Entscheidend ist die Einstellung der Gründungsteams: Wollen sie überhaupt Multiplikatoren sein? Und was tun sie dafür, wenn auch unbewusst? „In den Start-ups, die ein Schwungrad in Gang setzen, sind es meist nicht die Gründer allein, die die Dinge vorantreiben“, beobachtet der Investor. Es gebe eine starke zweite und dritte Reihe an Mitarbeitern, so Poensgen: „Die greifen sich bestimmte Herausforderungen, bekämpfen sie alleine und unabhängig und übernehmen damit schnell viel Verantwortung.“

Viel zu fordern, zu fördern, und dann auch loszulassen: Das zeichnet die Multiplikatoren aus. Eine Eigenschaft, die der Investor beispielsweise im Managementteam des Online-Möbelhändlers Westwing stark verankert sieht: „Die Kultur bei Westwing beispielsweise ist davon geprägt, gute Leute zum Gründen zu ermutigen und sie dann auch ziehen zu lassen“, sagt Poensgen. „Solche Unternehmen gewinnen Talente für sich, die risikobereit sind, aber erstmal Erfahrungen sammeln wollen.“ Aus dem Westwing-Umfeld entstanden sind beispielsweise Start-ups wie der Autoabo-Anbieter Finn oder auch der Online-Broker Scalable Capital, der inzwischen mit 1,4 Milliarden Dollar bewertet wird. Firmenchef und Mitgründer Erik Podzuweit war bei Westwing Co-CEO für Deutschland, bevor er 2014 mit dem digitalen Vermögensverwalter startete.

Jeder Wechsel lässt allerdings eine Lücke entstehen. So lief es auch bei Wefox mit Max Bauermeister. Gründer Julian Teicke holte ihn 2015 aus seinem Beraterjob ins Team: „Ich hatte Lust auf die Rolle nach der Zeit in der Personalabteilung bei Groupon“, sagt Bauermeister im Rückblick. „Und Julian wusste, dass ich die Erfahrung hatte, um im Wachstum Strukturen aufzubauen.“ Drei Jahre lang begleitete er die internationale Expansion, setzte ein Programm für Mitarbeiterbeteiligungen auf. Dann war er das erste Mal selbst als Gründer an der Reihe.



Bauermeister wechselte zum Personalsoftwareanbieter Kenjo, wo er ab 2018 den Vertrieb aufbaute. Doch der Kontakt zum früheren Chef blieb: Denn der Wefox-Gründer und Geschäftsführer Teicke schob das junge Unternehmen finanziell mit an. „Mit Kenjo, damals noch OrgOS, saßen wir im Coworking-Space neben diversen Firmen, in die Julian auch investiert war“, erinnert sich Bauermeister. „Als ich die Firma mit hochgezogen habe, war er auch die ganze Zeit involviert.“

Wer die eigenen Mitarbeiter als Unternehmer fördert, geht einerseits ein Risiko ein. Andererseits bringe der Ansatz auch Vorteile etwa im Wettbewerb um Talente. „Aus Sicht der Gründer ergibt das Sinn“, sagt Investor Poensgen. „Es tut zwar weh, wenn die Leute irgendwann gehen. Aber sonst bekommen sie die Talente gar nicht erst an Bord, die sie für den Aufbau ihrer Firma dringend brauchen.“

Macht der Mentoren

Bei Wefox etwa ist Coaching für Mitarbeiter fest verankert. Davon profitierte auch Bauermeister. „Ich hatte immer Mentoren und Coaches“, sagt der Legaltech-Gründer. Auch jetzt bei Twinwin hält er den Kontakt zu Florian Eismann, dem früheren Marketing- und Produktchef von Wefox – was sich als nützlich erweist. „Einen Sparringspartner zu haben, der immer ein offenes Ohr hat, bringt extrem viel.“

Noch sind solche Netzwerke allerdings stark konzentriert. Einerseits auf bestimmte Branchen: aus Zahlungsdiensten werden Finanz-Apps oder Handelsfinanzierer, aus Online-Shops für Möbel werden Plattformen für Autoabos. Oder es bleibt zumindest die Zielgruppe gleich: So gründete die ehemalige Marketingchefin des Online-Sexshops Amorelie, Lia Grünhage, mit Avery ein Start-up, das sich an Frauen mit Kinderwunsch richtet. „Weil Gründer häufig bei Themen bleiben, zu denen sie eine Affinität haben, sind diese Kreise oft sehr einseitig“, sagt Antler-Partner Poensgen. Derzeit entstünden sie vor allem im Fintechbereich und anderen Branchen aus dem Geschäft mit Privatkunden, weniger dagegen in der Industrie oder in technischen Bereichen.

Um mehr Erfolgsgeschichten zu schreiben, kommt es jedoch auf Netzwerke an, gibt sich der Investor überzeugt. Austausch auch über Stadt- und Branchengrenzen hinweg sieht er als wichtigen Hebel. Gerade um die Hemmschwelle bei der Start-up-Gründung weiter zu senken. Denn Vorbilder und Erfahrungswerte allein reichen nicht, um die ersten Schritte erfolgreich anzugehen. „Vor der großen Hürde, passende Mitgründer zu finden, stehen die Start-up-Mitarbeiter genauso“, sagt Poensgen. „Denn sie müssen erstmal jemandem begegnen, der gerade zu der Zeit auch gründen will.“

Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


 Was heute wichtig ist, lesen Sie hier


Für Bauermeister hing auch das von seinen Wefox-Kontakten ab. Der Twinwin-Gründer fand seine Mitgründerin Eleni Arvaniti unter den Bekannten des ehemaligen Managementteams: „Ich hatte schon an der Idee und einer ersten Präsentation gearbeitet, aber mir fehlte noch jemand mit Jura-Hintergrund“, erzählt der 35-Jährige im Rückblick. „Florian Eismann hat uns dann vorgestellt.“ Der Mitgründer von Wefox hat inzwischen auch in Twinwin investiert. Damit kann Bauermeister erneut ein Team aufbauen – und wenn es nach ihm und seinem Kindheitstraum geht, nicht zum letzten Mal: „Selbst beim Monopolyspielen hatte ich viel mehr Spaß daran, Sachen aufzubauen, als sie später zu verwalten.“

Mehr zum Thema: Weniger Formulare und Wartezeit: Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet wirbt mit dem Versprechen eines bürokratiefreien Jahres um Gründer. Das Konzept stammt vom NRW-Koalitionspartner FDP. Die Bilanz? Durchwachsen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%