Stephans Spitzen: Von wegen „postfaktisch“! Realität ist gefragt
Ist aus der Politik der Sachlichkeit eine Politik geworden, die nur noch die Ängste und Sorgen der Deutschen beruhigen soll?
Foto: REUTERSWir leben in postfaktischen Zeiten, meinte Angela Merkel jüngst. Soll heißen: „Die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sie folgen allein den Gefühlen.“
Nun würde ich mir nie anmaßen, einen Generalverdacht in Bezug auf „die Menschen“ auszusprechen, das kommt nur einer Bundeskanzlerin zu. Diese nun ist zutiefst davon überzeugt, dass es vor allem darum gehe, den Bürgern da draußen die Welt mit unendlicher Geduld, nämlich „definitiv nicht zum ersten Mal, aber vielleicht noch einmal nachdrücklicher“ zu erklären. Zum Beispiel „Richtung, Ziel und Grundüberzeugung unserer Flüchtlingspolitik“.
Denn wenn 82 Prozent der Befragten einer Umfrage zufolge eine Korrektur dieser Politik wünschen, meint die Kanzlerin, müssen sie doch irgendetwas nicht verstanden haben, oder?
In einer repräsentativen Umfrage der Max Grundig Klinik wurden 1000 Manager zu sechzehn klassischen Ängsten befragt. Das Ergebnis: Ängste sind bei erfolgreichen Führungskräften nicht geringer ausgeprägt als bei der breiten Masse. Die einzelnen Angsttypen sind in den Personengruppen aber zum Teil sehr unterschiedlich verbreitet. Während Manager mehr mit Sorgen zu kämpfen haben, die den Verlust des beruflichen und wirtschaftlichen Status betreffen, sind die persönlichen Ängste beim Durchschnittsdeutschen meist stärker ausgeprägt.
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Foto: FotoliaNaturkatastrophen
Aus vorangegangenen Studien ist bekannt, dass persönliche Ängste in der jüngeren Vergangenheit gegenüber abstrakten Ängsten etwa vor Flüchtlingsströmen oder Terroranschlägen abgenommen haben. Dies wird auch in der aktuellen Befragung bestätigt. Vor Naturkatastrophen fürchtet sich fast die Hälfte der Bundesbürger (48 Prozent). Auch Manager und Managerinnen sind in Bezug auf diese Angst nicht viel härter im Nehmen: Nur drei Prozent weniger fürchten sich vor Flutwellen, Lawinen, Erdbeben und vergleichbaren natürlich entstandenen Veränderungen des Lebensraums. Damit ist diese abstrakte Angst größer als jede einzelne persönliche Angst.
Foto: dpaVerlust des Vermögens
Den Verlust des hart erarbeiteten Vermögens fürchten fast genauso viele Manager und Managerinnen, nämlich 42 Prozent. Im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt sind das sieben Prozent mehr, die sich um ihre finanzielle Sicherheit sorgen. „Verlustängste sind bei den Leistungsträgern in der Wirtschaft weit verbreitet“, erklärt Professor Curt Diehm, Ärztlicher Direktor der Max Grundig Klinik, der die Befragung in Auftrag gegeben hat.
Foto: dpaSteigende Lebensunterhaltungskosten
Etwas überraschend: Mit 41 Prozent folgt bei Führungskräften die Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten. Im Vergleich zum Rest der Bevölkerung, bei denen sich 56 Prozent vor höheren Kosten fürchten, ist die Angst unter den Managern aber weniger verbreitet. Studienleiter Diehm geht davon aus, dass Inflation und Währungsreform des vergangenen Jahrhunderts bei der deutschen Bevölkerung zu traumatischen Erfahrungen geführt haben.
Foto: dpaZum Pflegefall werden
Auch der Gedanke, auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen zu sein, flößt vielen Führungskräften Angst ein. 41 Prozent von ihnen gaben an, sich davor im Alter zu fürchten. Im Vergleich zum Durchschnittsbürger ein geringerer Anteil: In dieser Personengruppe fürchtet sich über die Hälfte (53 Prozent) davor, zum Pflegefall zu werden. Unter den persönlichen Ängsten ist diese Furcht bei den Führungskräften die am stärksten ausgeprägte.
Foto: dpaSchlaflosigkeit
Eine Angst teilen Manager und der Durchschnitt der Bundesbürger gleichermaßen: schlaflose Nächte. So gaben 38 Prozent der befragten Führungskräfte und 41 Prozent der Otto-Normalverbraucher an, sich davor zu fürchten. Dass diese Sorge nicht unbegründet ist, erklärt Professor Diehm: „Ich weiß aus meiner medizinischen Praxis, wie schlecht viele Führungskräfte oft schlafen. Das ist äußerst bedenklich und auf den fordernden Arbeitsstil mit permanenter Erreichbarkeit zurück zu führen. Schlaflosigkeit, nicht nur bei Managern, hat sich schleichend zu einer Volkskrankheit entwickelt, deren Folgen noch gar nicht absehbar sind.“
Foto: WirtschaftsWocheSinkender Lebensstandard im Alter
Auffällig ist, dass unter Führungskräften in besonderem Maße Ängste verbreitet sind, die eine Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Situation betreffen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass 36 Prozent von ihnen die Sorge plagt, mit einem sinkenden Lebensstandard im Alter fertig werden zu müssen.
Foto: dpaSchlechte Entwicklung der Kinder
Bei den persönlichen Ängsten jenseits der wirtschaftlichen Fragestellungen sticht der hohe Wert auf die Frage nach der Angst, dass Kinder sich nicht gut entwickeln könnten, heraus. 35 Prozent der Führungskräfte teilen diese Sorge. Hier ist der Anteil fünf Prozent höher als beim Durchschnittsbürger. Die Versorgungssicherheit der Kinder scheint bei Managern demnach einen höheren Stellenwert als beim Rest der Bevölkerung zu genießen.
Foto: dpaMisserfolg im Beruf
Im oberen Bereich der prägnantesten Ängste rangiert die Sorge, im Beruf zu versagen. 34 Prozent der Manager und Managerinnen bejahten die Frage nach dieser Angst. Beim Otto-Normalbürger ist diese mit gerade einmal 21 Prozent deutlich weniger ausgeprägt. Der Grund liegt auf der Hand: Wer viel hat, hat auch viel zu verlieren. „Dies ist der Preis des Aufstiegs. Der Druck im Management ist groß, viele Führungskräfte sind sich bewusst, dass ein Leistungsabfall zum Karriereknick führen würde“, erklärt Studienleiter Diehm.
Foto: FotoliaTod
Unter den persönlichen Ängsten nimmt der Tod bei beiden untersuchten Gruppen einen ähnlich hohen Stellenwert ein. So fürchten sich 33 Prozent der Manager und 34 Prozent der Durchschnittsbürger vor der Endlichkeit des Lebens.
Foto: dpaVerlust des Arbeitsplatzes
Nach der Todesangst folgt bei vielen Führungskräften (31 Prozent) die Furcht davor, den Arbeitsplatz zu verlieren. Diese Sorge ist beim deutschen Durchschnitt allerdings mit 34 Prozent noch etwas größer.
Foto: FotoliaAltwerden
Die Angst vor dem Altern ist etwas weniger ausgeprägt als materielle Sorgen. Für 31 Prozent der Umfrageteilnehmer, die eine Führungsposition inne haben, stellt das Altern einen Grund zur Unruhe dar. Beim Rest der Bevölkerung ist diese Angst mit einem Anteil von 27 Prozent sogar noch weniger prägnant.
Foto: dpaEinsamkeit
Auch vor Einsamkeit haben nur 27 Prozent der Führungskräfte Angst. Auch dieses Ergebnis zeugt von einem materialistisch orientierten Weltbild der Manager und Managerinnen. Bei den Otto-Normalbürgern fürchten sich vier Prozent mehr vor dem Alleinsein.
Foto: dpaAbhängigkeit von Medikamenten oder Alkohol
Eine Sucht fürchten 24 Prozent der Führungskräfte - und damit mehr als der Durchschnitt. Hier geben nur 17 Prozent an, Angst davor zu haben, von Medikamenten oder Alkohol abhängig zu werden.
Foto: FotoliaVerlassen werden durch den Partner
Von dem Partner sitzen gelassen zu werden - davor haben 17 Prozent der befragten Manager und Managerinnen Angst. In der breiten Bevölkerung fürchten sich mit 19 Prozent leicht mehr vor einer Trennung.
Foto: dpaDemütigungen
Ob es daran liegt, dass Führungskräfte die schwersten Jahre hinter sich gelassen haben und sich in ihrer Führungsposition unangreifbar fühlen? Darauf gibt die Studie keine Antwort. Fest steht aber, dass die Angst vor Demütigungen nicht besonders verbreitet ist. Nur 14 Prozent gaben an, sich vor Kränkung und Herabwürdigung zu fürchten.
Foto: FotoliaFlugangst
Vor dem Fliegen fürchten sich deutlich weniger Manager und Managerinnen (11 Prozent) als die breite Bevölkerung. Mit einem Anteil von 17 Prozent ist sie unter den Otto-Normalbürgern ausgeprägter. Unter Führungskräften ist es die am wenigsten verbreitete Angst.
Foto: FotoliaSo tönt es schon seit langem. Man muss den Menschen etwas immer noch besser erklären (nicht etwa, sich selbst korrigieren). Man muss sie abholen, wo sie stehen (sich also auf ein ziemlich tiefes Niveau herunterbeugen). Kurz: Es braucht mehr Gefühl und Wellenschlag.
Ach, das Bemühen von Politikern um die Gefühlsmenschen da draußen in unserem Land ist rührend und mitleiderregend zugleich. Seit Jahrzehnten glauben Politiker, sich nicht an den Verstand, sondern an die Herzen „unserer Menschen“ wenden zu müssen, deren „Ängste und Sorgen“ man ernst zu nehmen habe. Thilo Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ hielten besorgte Politiker vor allem deshalb für schädlich, weil der Mann mit buchhalterischer Sorgfalt „kalte“ Zahlen und „nackte“ Fakten servierte. Der Erkenntnis, dass das Buch sich womöglich genau deshalb hundertausendfach verkaufte, wich die politische Klasse weiträumig aus.
Ich bezweifle, dass „die Menschen“ von Politikern vor allem erwarten, gefühlsecht bedient zu werden. Unzweifelhaft aber glaubt das die politische und meinungshabende Elite. Innenminister Thomas de Maizière hat das einmal in sympathischer Wahrhaftigkeit ausgeplaudert. Nach der Absage eines Fußballspiels in Hannover wegen einer Terrorwarnung wollte er die Entscheidung nicht näher begründen, denn „ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.“
Ja, klar: nackte Fakten und kalte Zahlen, bloße Sachverhalte, ja: die ganze dumme Wahrheit verunsichern. Was wäre etwa, wenn wir wüssten, wie viele Menschen aus aller Herren Länder nach der Grenzöffnung im September 2015 eingereist und bis heute nicht registriert worden sind? Könnte uns das womöglich verunsichern? Also reden wir besser nicht drüber?
Beschwichtigen und Beschönigen liegt an der Wurzel des Vertrauensverlusts, der sich nicht nur in den vergangenen Landtagswahlen ausdrückt. Gefühlsschwangere Politik, gewürzt mit allerlei Durchhalteparolen, macht misstrauisch. Sie nährt den Verdacht, dass Politiker nur dann ehrlich sind, wenn sie das Wahlvolk als „Pack“ und „Pöbel“ beschimpfen, gerne auch als ressentimentgeladene Ossis, die „Fremde“ hassen, obwohl sie doch gar keine kennen.
Dieses Argument hat sich übrigens auch in den Qualitätsmedien durchgesetzt: Weltoffene Wessis gegen die Dumpfdeutschen in Dunkeldeutschland, die sich vor etwas ängstigen, das sie noch nie gesehen haben. Das ist schon putzig: Muss ich Hitler und seine Nazis kennen, um sie nicht zu mögen? Muss ich vollverschleierte Frauen beim Spaghettiessen gesehen haben, um diese Kleidermode abzulehnen? Und ist es „Angst“ und „Fremdenhass“, wenn jemand allzu viel Rücksichtnahme auf eine unzivile, ja Zivilität zerstörende Ideologie wie den fanatischen Islam ganz und gar nicht „weltoffen“ finden mag?
Überhaupt, die Sache mit der Angst: Ist sie nicht gerade in Deutschland schon lange ein probates Mittel, um den Bürger an die Kandare zu nehmen? Natürlich nur dann, wenn es die „richtige“ Angst ist. Angst vor der Havarie eines Atomkraftwerks in Deutschland nach einer Erdbebenkatastrophe in Japan etwa ist ernst zu nehmen, obzwar die Wahrscheinlichkeit eines Tsunamis hierzulande gegen Null tendiert. Mag sein, dass Angela Merkel 2011 nicht ihrem Gefühl gefolgt ist, als sie das Land kopflos in ein kostspieliges Experiment namens „Energiewende“ steuerte – aber sie kalkulierte am Vorabend einer wichtigen Landtagswahl (die dennoch verloren ging) mit dem vermuteten Gefühl der Wähler. Auch die Warnung vor einer „Klimakatastrophe“ spielt mit der German Angst und dem endemischen Schuldgefühl, auf Kosten anderer oder gar des ganzen Globus zu leben.
Gut möglich, dass dieses Spiel von einer kritischen Masse Menschen mittlerweile durchschaut wird: Der moralische Appell funktioniert nur noch begrenzt. Nicht eine „Flüchtlingskrise“ treibt manch einem den Schweiß auf die Stirn, nicht „Fremdenhass“ macht wütend, sondern der Verlust staatlicher Kontrolle angesichts illegaler Migration.
War das alles alternativlos? Natürlich nicht.
Das aber unterstellt Angela Merkel auch diesmal wieder, in einer Rede, die doch eigentlich „ich habe verstanden“ signalisieren sollte. Sie würde gern die Zeit „um viele, viele Jahre zurückspulen“, sagt sie, „um mich mit der ganzen Bundesregierung und allen Verantwortungsträgern besser vorbereiten zu können auf die Situation, die uns dann im Spätsommer 2015 eher unvorbereitet traf.“ ( Wie das hätte aussehen können, beschreibt anschaulich Ralph Bollmann, FAS vom 25. September 2016)
Die Verantwortung, suggeriert sie, lag auf vielen Schultern. Das mag insofern richtig sein, als sie wie eine Getriebene dem Willkommenstaumel in den Medien nachgab und noch Mitte September 2015 Warnungen vor den Folgen einer unkontrollierten Einwanderung in den Wind schlug. Doch dass „uns“ die Situation „eher unvorbereitet“ traf, ist hoffentlich eine barmherzige Lüge. Denn das wäre wirklich schockierend.
Dass das Dublin-Verfahren nicht funktioniert, weil es die Erstaufnahmeländer an der Peripherie überlastet, ist schon länger bekannt. Dass die Destabilisierung Libyens keine gute Idee und der hierzulande begeistert begrüßte „arabische Frühling“ eine Illusion war, ebenfalls. Vor allem aber: Die UNHCR hatte längst Alarm geschlagen. Die Hilfsorganisation der UNO brauchte dringend Geld für die Lager in den Nachbarländern, in denen beinahe 4 Millionen syrische Flüchtlinge versorgt werden mussten.
Zu den Pushfaktoren aber kamen mit der Gefühlspolitik Merkels, die sich nicht weiter als „Eiskönigin“ titulieren lassen mochte, die Pullfaktoren. In einer großartigen, ja: atemberaubenden Reportage für Cicero schildert der Schweizer Autor und Fotograf Rudolph Jula, wie die Grenzöffnung am 4. September bei jungen Syrern im syrischen Grenzgebiet ankam, wo er sich just zu diesem Zeitpunkt aufhielt. Sie fühlten sich von der Bundeskanzlerin eingeladen („absolutely“) und brachen allein deshalb sofort auf in Richtung auf das gelobte Land. „Indem die Kanzlerin eine Entscheidung fällte, ohne deren Konsequenzen zu tragen oder auch nur einzugestehen, dass es welche gab, löste sich der politisch essenzielle Zusammenhang zwischen dem Tragen von Verantwortung und der Übernahme von Verantwortung auf.“ (Rudolph Jula, Der vierte September. In: Cicero. Magazin für politische Kultur, September 2016). Ihre jüngste Rede unterstreicht diesen Befund.
Wir leben in postfaktischen Zeiten? Nein. Sicher gibt es Menschen, die sich der „Informationsflut“ in der digitalen Welt nur dadurch erwehren zu können glauben, dass sie gleich gar nichts mehr wissen wollen. Doch es sind just die vielfältigen Möglichkeiten, sich abseits der eingeführten Informationskanäle zu orientieren, die zur Entmachtung des Konsenskartells der politischen und Meinungseliten geführt haben. Nicht nur die Politik, auch die traditionellen Medien erleben einen Vertrauensverlust, der insbesondere den nicht öffentlich finanzierten Medien an die Substanz geht.
Ich weiß, es ist ein völlig unrealistischer Vorschlag, aber ich denke, es ist an der Zeit, die Illusion des „Postfaktischen“ zu beenden und es mit Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit zu versuchen. Wer fängt an?