Umfragen zum Brexit: Befürworter des Brexits liegen klar vorn
USA
Die US-Regierung will Großbritannien als elementaren Teil der EU behalten. US-Präsident Barack Obama stellte das bei seinem Besuch im Mai in London unmissverständlich klar. Er deutete auch an, dass ein US-Handelsabkommen mit Großbritannien nicht auf der Prioritätenliste steht. „Wir müssen uns um den großen Block kümmern", sagte Obama. Damit nahm er eine klare Position ein, schlug aber auch vielen Briten vor den Kopf. Konservative Kreise in den USA freuen sich dagegen schon auf eine Zusammenarbeit mit einem Premierminister Boris Johnson. Großbritannien könne im Falle eines Brexits belastende EU-Regulierungen über Bord werfen und hätte seine Grenzen wieder stärker unter Kontrolle, sagte Nile Gardiner von der konservativen Heritage Foundation.
Foto: APChina
Trotz einer Delle beim Wirtschaftswachstum hat die weiter aufstrebende Volksrepublik kein Interesse an einem Brexit. Chinesische Investoren nutzen London als Einfallstor in die EU, dafür schlugen sie in den vergangenen Jahren kontinuierlich Pflöcke ein. So kaufte etwa die staatliche Industrial and Commercial Bank of China erst vor kurzem einen riesigen Goldtresor in London mit einem Fassungsvermögen von 2000 Tonnen auf. Die Kooperation mit Großbritannien ist eng, das britische Finanzministerium gibt als einziges außerhalb Chinas Anleihen in Yuan aus. Ein Ausscheiden Großbritanniens und damit ein möglicher Bedeutungsverlust der Londoner City könnte diese Kooperation langfristig in Frage stellen.
Arabische Länder
Die Scheichs haben Unsummen von Geld in britischen Investments liegen. Sie sind an großen Banken ebenso beteiligt wie an Ölfirmen oder Immobilien. Zur Diskussion stehen Beteiligungen an Großprojekten zur Verbesserung der maroden britischen Infrastruktur, etwa bei Flughäfen oder Schienenverbindungen. Politik spielt dabei keine große Rolle, es geht ausschließlich ums Geld verdienen. Für die Briten ist das Risiko und Chance zugleich. Sollte sich für die Entwicklung der Milliarden-Investments der Araber ein Brexit als günstig herausstellen, könnte noch mehr Geld fließen. Genauso schnell würden sie ihre Petro-Dollars aber wohl verlagern, wäre das Gegenteil der Fall. Andererseits wären etwa Waffendeals der großen britischen Rüstungskonzerne wie Rolls Royce oder BAE ohne EU-Regelwerk einfacher.
Russland
Präsident Wladimir Putin ist der einzige Staatsmann eines größeren Landes, der Großbritannien einen Brexit anrät. Gerätselt wird, wie gut dieser Rat gemeint ist. Beide Staaten verbindet eine Hassliebe. Großbritannien ist wirtschaftlich aufs Engste mit Russland verbunden, wenn nicht auf das Riesenreich angewiesen. Viele Oligarchen halten Unsummen in Londons Banken, repräsentative Immobilien in London sind in russischem Besitz, die Ölkonzerne BP und Rosneft arbeiten eng zusammen. Die Zusammenarbeit könnte in der Tat ohne EU leichter werden, wenngleich eher nicht zum Vorteil der Briten. Andererseits sind die politischen Beziehungen belastet, spätestens seit dem mysteriösen Tod des einstigen russischen Spions Alexander Litvinenko in London.
Japan
Die japanischen Autobauer sind ein enorm wichtiger Wirtschaftsfaktor für Großbritannien. Die britische Autoindustrie hat sich zuletzt stark erholt, ist zum Musterknaben für die beabsichtige britische Kehrtwende zurück zur Industrienation geworden. Nissan ist der mit Abstand größte Autobauer in Großbritannien, auch Toyota und Honda unterhalten große Werke. 57 Prozent der britischen Autoexporte gehen in die EU-Länder. Nissan-Chef Carlos Ghosn hatte bereits vielsagend angedeutet: „Wenn es Änderungen gibt, müssen wir unsere Strategie überdenken.“ Die Drohungen wurden jedoch zuletzt leiser, ein schnelles Deinvestment in Großbritannien steht wohl nicht mehr im Raum.
Gut eine Woche vor dem EU-Referendum in Großbritannien liegen zwei neuen Umfragen zufolge die Befürworter eines Brexits mit bis zu sieben Prozentpunkten vorn. In einer Meinungsumfrage des Instituts YouGov für die Zeitung „The Times“, die am Dienstag veröffentlicht wurde, sprachen sich 46 Prozent der Befragten für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union aus. Die Brexit-Gegner des „Remain“-Lagers („Bleiben“) kamen demnach auf 39 Prozent, 11 Prozent der Befragten waren noch unentschlossen.
Eine Umfrage des Instituts ICM im Auftrag der Zeitung „The Guardian“ kam zu dem Ergebnis, dass die „Leave“-Kampagne („Rausgehen“) mit 53 zu 47 Prozent führe. Das Lager der unentschlossenen Befragten wurde dabei nicht berücksichtigt. Das Referendum findet am 23. Juni statt.
Britische Gewerkschaftsführer zeigten sich besorgt über die Aussicht eines möglichen Brexits. In einem im Boulevardblatt „Daily Mirror“ veröffentlichten Brief warben sie für den Verbleib Großbritanniens in der EU. Die Kampagne wurde von Labour-Chef Jeremy Corbyn unterstützt. Der Brexit wäre „für arbeitende Menschen ein Desaster“, hieß in dem Schreiben. Es drohten Entlassungen, niedrigere Löhne und Exportrückgänge.
In einer Meinungsumfrage des US-Instituts Pew Research waren 52 Prozent der befragten Briten dafür, dass es dem Land - wie anderen Nationen auch - erlaubt werden müsse, sich um die eigenen Probleme zu kümmern. Rund 54 Prozent der Umfrageteilnehmer waren der Ansicht, dass Großbritannien seine eigenen Interessen verfolgen sollte, selbst wenn Verbündete klar dagegen seien. Unabhängig vom Ausgang des Referendums forderten 65 Prozent der Befragten, einige EU-Befugnisse sollten wieder der britischen Regierung übertragen werden.
Die Redaktion der beliebten Boulevardzeitung „The Sun“ sprach sich am Dienstag in einem Kommentar auf der Titelseite für einen EU-Austritt aus. Die Briten sollten sich „vom diktatorischen Brüssel befreien“, hieß es. Der Brexit-Befürworter Nigel Farage freute sich über die Unterstützung. Er sei „überglücklich“, sagte der Chef der rechtspopulistischen UKIP-Partei. Auch das Boulevardblatt „Daily Express“ forderte seine Leser auf, für den Brexit zu stimmen.
Brexit-Sorgen belasten Euro und britisches Pfund
Die Ergebnisse und der damit drohende Ausstieg von Großbritannien aus der Europäischen Union hat infolgedessen den Eurokurs und das britische Pfund belastet. Die europäische Gemeinschaftswährung fiel unter die Marke von 1,12 US-Dollar und wurde am späten Nachmittag mit 1,1191 Dollar gehandelt. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs auf 1,1225 (Montag: 1,1268) US-Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,8909 (0,8875) Euro.
Das bevorstehende Brexit-Referendum treibt die Anleger damit zunehmend in den Dollar. Ein Austritt hätte laut Experten jedoch für die gesamte EU Folgen. „Anlegern drohen nach einem Brexit Jahre der Unsicherheit“, sagte der Deutschland-Chefstratege Martin Lück vom Vermögensverwalter Blackrock. „Investoren fragen sich dann, wie es mit Europa weitergeht.“ Kapitalströme würden dann aus Europa vor allem in die USA umgelenkt. Dies würde den Dollar zum Euro und zum Pfund weiter stützen.