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Ausbildungsmarkt Azubis kommen besser durch die Krise

Exklusiv
Für Azubis hat sich der Arbeitsmarkt nicht so gravierend geändert, sie gelten als Investition in die Zukunft. Quelle: dpa

Vor allem junge Leute, glaubten Experten bislang, leiden unter der Coronakrise. Nun zeigt sich: Der Ausbildungsmarkt bricht nicht so stark ein wie der restliche Arbeitsmarkt. Warum dieses Jahr viele Last-Minute-Azubis hervorbringen könnte.

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Viele Unternehmen versuchen in der Coronakrise Personalkosten zu sparen. Eine Befragung in Deutschland zeigte zum Beispiel, dass jedes zweite Unternehmen Einschnitte plant. Eine Gruppe von Beschäftigten ist davon jedoch weniger betroffen: die Azubis. Wie eine Auswertung des Jobdienstleisters Indeed zeigt, brach die Zahl der ausgeschriebenen Ausbildungsstellen seit März deutlich weniger ein als die der Jobs insgesamt. Demnach gingen die Stellenausschreibungen insgesamt um 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurück, die der Ausbildungsplätze aber nur um 6 Prozent.

Annina Hering, Arbeitsmarktökonomin bei Indeed, hat die Zahlen von März bis Anfang Juli 2020 bei Indeed ausgewertet. Sie deutet sie so: „Das Ausbildungsjahr beginnt immer im Spätsommer. Unternehmen können die Einstellung von Azubis anders als bei anderen Mitarbeitern nicht um zwei oder drei Monate aufschieben.“ Hinzu komme, dass Azubis schon vor der Coronakrise in manchen Branchen schwer zu finden waren. Was aber, wenn es in drei Jahren wieder gut läuft, man aber keine eigenen Fachkräfte ausgebildet hat? „Wenn ich in die Zukunft investieren möchte, sollte ich nicht ein Jahr aussetzen, sonst fehlen in drei Jahren die Fachkräfte“, sagt Hering.

Coronabedingt haben manche Branchen größeren Bedarf an Azubis als andere. Während Gastronomie und Hotelwesen einen starken Rückgang verzeichnen, gibt es in diesem Jahr 97 Prozent mehr Ausschreibungen für Augenoptiker, 46 Prozent mehr für Hörakustiker, 14 Prozent mehr für Pflegefachpersonen und 3 Prozent mehr bei Versicherungen. Vor allem der Zuwachs bei Augenoptikern und Hörgeräteakustikern erstaunt. Doch Annina Hering hat auch hierfür eine Erklärung. „Das sind zwei Bereiche, die in den vergangenen Jahren besonders große Probleme hatten, Ausbildungsstellen zu besetzen. Die Betriebe haben die Krise als Chance genutzt: Als der Markt verhalten war, haben sie all ihre Stellen ausgeschrieben – um vielleicht auch den einen oder anderen Azubi abzugreifen.“

Nicht erst seit der Pandemie herrscht in der Pflege Personalnotstand. Besonders begehrt sind die Jobs jedoch nicht, wie auch eine aktuelle Studie des Bundesfamilienministeriums zeigt. Die Arbeitsbedingungen gelten als hart, die Bezahlung ist oft schlecht. Derzeit gibt es 14 Prozent mehr ausgeschriebene Azubistellen als im Vorjahr - und seit Beginn des Lockdowns ist die Zahl durchweg höher als im Vorjahreszeitraum. Der neue Ausbildungsberuf Pflegefachfrau/-mann führt die Ausbildungsberufe Altenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege sowie Gesundheits- und Kinderkrankenpflege zusammen und ermöglicht den Azubis, sich erst im Laufe der Ausbildung für eine Spezialisierung zu entscheiden. Wer sich im Bereich Pflege bewirbt, dürfte also auch als Last-Minute-Kandidat noch beste Chancen haben und muss sich nicht sofort festlegen.

Aufholen nach dem Lockdown

Andere Branchen hat die Krise direkt getroffen, sie haben viele Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt oder entlassen – etwa die Gastronomie und Hotelbranche. Hier wurden auch deutlich weniger Azubistellen angeboten. Seit Mitte März gab es 35 Prozent weniger Ausbildungsstellen für Köche und Köchinnen, 44 Prozent weniger für angehende Hotelfachleute.

Ob hieraus ein Trend wird oder ob auch diese Betriebe im kommenden Jahr wieder mehr ausbilden, wird sich laut Annina Hering erst noch zeigen. „Im Herbst werden wir sehen, welche Auswirkungen die Coronakrise mittelfristig auf den Ausbildungsmarkt hat. Dann beginnen die Unternehmen traditionell, die Stellen für das kommende Jahr auszuschreiben.“ Sollte es in drei Jahren den Restaurants und Hotels wieder besser gehen, könne sich dann die krisenbedingte Zurückhaltung bei der Ausbildung negativ auswirken: „Langfristig gesehen ist das ein Problem für die Branche. In drei bis vier Jahren wird es da Engpässe geben“, glaubt Hering.

Mit der Entwicklung haben offenbar auch die jungen Leute nicht gerechnet, die dieses Jahr eine Ausbildung anfangen wollten. Bei Beginn des Lockdowns brach die Zahl ihrer Suchanfragen zunächst um 21 Prozent ein. Jetzt beginnt das Aufholen: Im Juni haben im Vergleich zu 2019 weniger junge Frauen und Männer einen Ausbildungsvertrag unterschrieben. Das zeigt, dass die Suche nach dem passenden Match zwischen Azubis und Betrieben noch in vollem Gange ist. Mehr junge Leute als im Vorjahreszeitraum sind den Daten von Indeed zufolge jetzt im Netz unterwegs, um eine Azubistelle zu suchen. Mehrere virtuelle Azubi-Messen sind noch für diesen Juli und August geplant, verrät außerdem die Plattform Planet Beruf. Schulabgänger, die sich in letzter Minute bewerben, sind womöglich schon am 1. September Auszubildende.

Beispiele, wie sich das Angebot von Azubistellen in der Coronakrise entwickelt hat

Corona-Krise und Ausbildungsplätze: Pflegefachpersonen
Corona-Krise und Ausbildungsplätze: Hotelfachleute
Corona-Krise und Ausbildungsplätze: Hörakustiker*innen
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