Management-Moment der Woche: KI als Jobkiller – braucht es noch Leute in der Verwaltung?
Das ist passiert
Die Lufthansa will bis 2030 4000 Stellen in der Verwaltung streichen: etwa in den Bereichen Finanzen, Personal und IT. Also den klassischen Funktionen in der Konzernzentrale. Das Unternehmen begründet den Stellenabbau selbst so: „Insbesondere die tiefgreifenden Umwälzungen durch Digitalisierung und der vermehrte Einsatz von künstlicher Intelligenz werden in vielen Bereichen und Prozessen für mehr Effizienz sorgen.“
Kann KI tatsächlich schon die Aufgaben von Controllern, Personalern, ITlern und Marketingexperten übernehmen, sie vielleicht sogar ersetzen? Sollten Unternehmen sich jetzt schon von ihnen trennen? Und wie halten sie diejenigen bei Laune, die sie nicht verlieren wollen?
Das können Sie daraus lernen
Zuallererst: Die Lufthansa ist mit ihren Plänen nicht allein. Forscher des ifo Instituts fanden vor wenigen Wochen heraus: 27,1 Prozent der Firmen gehen davon aus, dass es aufgrund von künstlicher Intelligenz in den kommenden fünf Jahren zum Abbau von Stellen kommen wird. In der Industrie und im Handel rechnen überdurchschnittlich viele Firmen damit.
1. KI kann das!
Die entscheidende Frage ist: Was kann KI denn heute schon tatsächlich übernehmen? Und sind Menschen in Bürojobs besonders gefährdet?
Forscher des Techkonzerns Microsoft haben kürzlich ausgewertet, welche Berufe sich am stärksten mit den Fähigkeiten von KI-basierten Sprachmodellen wie Microsoft Copilot überschneiden. Unter mehr als 800 analysierten Berufen hat die KI demnach den stärksten Einfluss auf den Job des Übersetzers. Zu den am stärksten betroffenen Berufen zählen aber auch Vertriebsmitarbeiter. Bei den Aufgaben von Marktforschern, Datenwissenschaftlern, Web-Entwicklern, Mitarbeitern im Kundensupport und der Öffentlichkeitsarbeit ist die Überschneidung mit KI ebenfalls hoch.
2. Wie viel Zentrale darf’s sein?
Virginia Sondergeld, Ökonomin bei der Jobplattform Indeed, beobachtet, dass Unternehmen gerade „vor allem Stellen streichen, die nicht unmittelbar Umsatz generieren“. Und das sind eben Jobs in der Zentrale: Während die Zahl der Stellenanzeigen über alle Jobprofile hinweg zuletzt um knapp zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen ist, fiel der Rückgang bei klassischen Bürojobs deutlich stärker aus: 14 Prozent in Buchhaltung und Recht, 19 Prozent im Marketing, fast 20 Prozent in der Softwareentwicklung und 25 Prozent im Personalwesen. All diese Entwicklungen beobachtet Ökonomin Sondergeld nun schon seit einigen Jahren.
Beraterinnen und Berater empfehlen ihren Kunden häufig in einer Krise, die Ausgaben in Vertrieb und Verwaltung zu drücken. Diese Verschlankungen ließen sich zuletzt bei einigen Dax-Konzernen beobachten.
Spannend ist nun allerdings: Wenn die Anzahl der Jobs in der Zentrale derzeit ohnehin sinkt, wird KI diesen Trend dann noch mal verstärken? Vera Lehmann geht davon aus. „Stück für Stück“ werde der Personalbedarf in Zentralfunktionen sinken. Lehmann berät ihre Kunden für Kienbaum unter anderem in Fragen der Unternehmensstruktur.
Lehmann weiß: Wie viele Mitarbeiter in der Zentrale arbeiten, unterscheidet sich je nach Branche stark: „Im Handel liegen die Kosten für die Zentrale unter dem Schnitt, die Organisationen sind in der Regel sehr schlank, das Geld wird auf der Fläche, also in den Filialen, verdient. Außerdem sind die Margen im Vergleich recht niedrig, die Firmen können sich keinen Wasserkopf leisten.“ In Dienstleistungsfirmen wie Kanzleien, Beratungen und IT-Dienstleistern liege der Anteil bedeutend höher. Und auch Pharma- und Gesundheitsfirmen, bei denen die Margen meist besser ausfallen als etwa im Handel, leisteten sich in der Regel mehr Zentralfunktionen, so Lehmann.
3. Nicht zu voreilig
Vera Lehmann empfiehlt ihren Kundinnen und Kunden, möglichst schnell zu analysieren, wo KI Aufgaben übernehmen kann. „KI-Agenten brauchen keinen Urlaub, sind nie krank, übernehmen ihre Aufgaben rund um die Uhr – die Potenziale sind in vielen administrativen Jobs riesig.“ Und doch rät Lehmann bei möglichen Stellenstreichungen zur Vorsicht: „Zu Beginn sollten Firmen gründlich analysieren, in welchen ihrer Funktionen das Potenzial am größten ist – und vor allem, ob ausreichend gute Daten in strukturierter Form vorliegen, damit die Automatisierung überhaupt funktioniert.“
Es werde, so Lehmann, in vielen Unternehmen nicht funktionieren, „dass KI von heute auf morgen die Tätigkeiten übernimmt, die vorher noch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgeführt haben – solange grundlegende Rahmenbedingungen wie KI-Ethik, Mitbestimmung und klare Regeln im Umgang mit der Technologie im Unternehmen fehlen.“. Vorher müssten Menschen die Daten strukturieren, die KI-Agenten programmieren, sie trainieren, sobald sich Gesetze und Regularien ändern.
4. Den Ton treffen
Die Kommunikation der Lufthansa rund um den Effizienzkurs dürfte auch darauf abzielen, Aktionärinnen und Aktionäre milde zu stimmen. Immerhin verfängt die Botschaft, dass sich ein Konzern effizienter, schlanker, digitaler aufstellen wolle, in der Regel am Kapitalmarkt.
Allerdings drängt sich die Frage auf, wie die Kommunikation auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wirkt, die weiterhin in der Zentrale arbeiten. Deren direkte Kollegen womöglich ihre bisherigen Jobs verlieren. Lehmann sieht hier Führungskräfte und Personalabteilung in der Pflicht: „Sie müssen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Entwicklungsperspektive aufzeigen und nachvollziehbar darlegen, warum sie noch gebraucht werden, wie wichtig technologische Kompetenzen sein werden.“ Denn: „Die KI geht nicht für uns ins Meeting, führt keine emotionalen Gespräche, trifft mitunter keine strategischen Entscheidungen.“
5. Jobprofile anpassen
Ökonomin Virginia Sondergeld beobachtet bereits, dass Unternehmen den Zuschnitt ihrer Jobs stärker auf den Einsatz von künstlicher Intelligenz ausrichten: „Je mehr KI-Kompetenz ich mitbringe, desto gefragter bin ich – auch in klassischen Bürojobs“, sagt sie. Im Personalwesen und im Marketing, wo die Zahl der Stellenanzeigen seit Jahren fällt, steigt zumindest die Anzahl an Jobausschreibungen deutlich, die künstliche Intelligenz erwähnen.
Umso wichtiger ist es also, dass Unternehmen ihre bestehenden Mitarbeiter weiterbilden. „Damit sie mit der KI arbeiten, nicht gegen sie“, wie Sondergeld es formuliert. Die Ökonomin hat eine Stelle entdeckt, die die aktuelle Entwicklung am Arbeitsmarkt gut widerspiegelt: Eine Firma sucht einen „Senior Project Manager HR“, mit dem Schwerpunkt auf KI. Teil der Aufgabe: „Du identifizierst Optimierungsbedarfe mit Fokus auf KI und Machine Learning.“ Für Sondergeld zeigt das: „Personaler, die gefragt sind, kennen sich mit KI aus und wissen, wo ihre Arbeitgeber Prozesse optimieren können.“ Oder sogar Personal einsparen können.