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Katastrophen und die Konjunktur Bitte keine Wirtschaftshysterie!

Eine FFP2-Atemschutzmaske liegt auf einem Tisch. Das Coronavirus beunruhigt die Menschen - doch die Konjunktur wird dadurch wohl nicht nachhaltig einbrechen. Quelle: dpa

Die Ausbreitung des Coronavirus wird Chinas Wachstum bremsen – doch wie berechtigt ist die Angst vor einem ökonomischen Absturz? Ein Blick auf die wirtschaftlichen Auswirkungen von Katastrophen der letzten Jahrzehnte.

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Dieses Geschäft ist erstmal futsch. Umgerechnet rund 149 Milliarden Dollar hatten chinesische Konsumenten 2019 während des chinesischen Neujahrsfestes ausgegeben. In diesem Jahr dürften Einzelhändler, Gastronomen und Hoteliers nur einen Bruchteil davon in ihren Kassen finden – die Ausbreitung des neuen Coronavirus hat im Reich der Mitte das öffentliche Leben stellenweise lahmgelegt. Ganze Städte sind abgeriegelt, der Flug- und Bahnverkehr ist eingeschränkt.

Für die ohnehin schwächelnde chinesische Wirtschaft kommt die Epidemie zur Unzeit. Analysten schätzen, dass das Wachstum im ersten Quartal 2020 wegen der Produktionsausfälle und Reisebeschränkungen spürbar nachlässt. Auch Hongkong, Thailand, Vietnam, Singapur und die Philippinen, wo der Tourismus aus China eine ökonomisch große Rolle spielt, dürften in Mitleidenschaft gezogen werden. In Hongkong etwa macht der Tourismus elf Prozent des BIP aus.

Trotzdem sollte niemand nun den Rezessionspropheten und Konjunkturapokalyptikern folgen. Die Erfahrung zeigt: Naturkatastrophen und Epidemien führen in der Regel nicht zum Absturz einer Volkswirtschaft, so schicksalhaft sie für die Betroffenen auch sein mögen. Der Coronavirus-Ausbruch dürfte ein „einschneidendes, aber kurzlebiges Ereignis sein, ähnlich wie SARS 2003“, schreiben die Ökonomen von Oxford Economics. Das Virus sei zwar „ein Abwärtsrisiko“ für die aktuellen Wachstumsprognosen, dies gelte insbesondere für das erste und möglicherweise das zweite Quartal, falls der Ausbruch länger andauere. Aber „darüber hinaus sollten die Auswirkungen allmählich nachlassen“.

Auch die Volkswirte der Commerzbank rechnen in einer aktuellen Analyse „derzeit nicht damit, dass es zu gravierenden und anhaltenden ökonomischen Folgen kommt“. Bei derartigen Schocks würden „Einbrüche nach Beruhigung der Lage normalerweise rasch wieder gut gemacht.“

Blicken wir also zurück. Welche ökonomischen Folgen hatten große Katastrophen und Epidemien in den vergangenen 20 Jahren?

Nach dem Ausbruch der – im Vergleich zum neuartigen Coronavirus deutlich gefährlicheren – Infektionskrankheit SARS ging das chinesische Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal 2003 um zwei Prozentpunkte zurück. Allerdings auf einen Wert, von dem andere Staaten selbst in normalen Zeiten nur träumen können: 9,1 Prozent. Am stärksten betroffen waren Konsum und Reiseverkehr. Die industrielle Wertschöpfung kletterte im Mai 2003 nur noch um 13,7 Prozent nach 17,5 Prozent zu Jahresbeginn. Doch schon im Sommer hatte sich die Lage normalisiert; die Investitionen und Immobilienmärkte hatten sich ohnehin robust präsentiert. Der Luftverkehr in der Region Asien/Pazifik lag wegen SARS im Mai 2003 rund ein Drittel unter dem Vorjahresniveau, doch danach „erholte sich der Luftverkehr rasch und lag wenige Monate später wieder auf dem Vorkrisenniveau“, schreiben die Commerzbank-Analysten.

Die Hochwasserkatastrophe in Sachsen 2002 führte am Ende sogar zu einem höheren Wachstum, zeigen ökonometrischen Zeitreihenmodelle. „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass diese Naturkatastrophe per saldo positive Wachstumseffekte hatte“, heißt es in einem vom ifo Institut herausgegebenen Working Paper der Ökonomen Michael Berlemann und Gerit Vogt. Demnach lag das sächsische BIP durch den Wiederaufbau schätzungsweise um 0,6 Prozentpunkte (2002), 1,8 Prozentpunkte (2003) und 0,5 Prozentpunkte (2004) höher.

Selbst der apokalyptische Tsunami in Thailand und Indonesien am 26. Dezember 2004, der eine Spur der Verwüstung entlang der Küsten zog, verursachte keine Rezession in der Region. Er führte makroökonomisch nur zu einer temporären Wachstumsdelle. Das thailändische Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank im darauffolgenden Jahr um gut einen Prozentpunkt auf (immer noch ordentliche) 3,44 Prozent. 2006 wuchs die Wirtschaftsleistung dann bereits wieder auf knapp fünf Prozent, auch weil – so makaber es angesichts von 230.000 Todesopfern klingen mag – der Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur ein Konjunkturprogramm für die Bauwirtschaft war.

Etwas stärker, wenn auch ebenso zeitlich begrenzt, waren die volkswirtschaftlichen Folgen der Reaktorkatastrophe von Fukushima im März 2011. Wegen massiver Produktionsausfälle in der Automobilindustrie brachen die Fahrzeugexporte um 10,6 Prozent ein. Auch die Ausfuhren im Elektronikbereich (Halbleiter, Bauteile) sanken deutlich, in Richtung Asien etwa um drei Prozent. Zugleich musste Japan infolge der wegfallenden Kraftwerke die Energieimporte hochfahren, etwa bei Öl und Flüssiggas. Die Folge: Erstmals seit 31 Jahren verzeichnete Japan ein Handelsbilanzdefizit. Das BIP, das 2010 noch um 4,2 Prozent zugelegt hatte, schrumpfte 2011 um 0,12 Prozent. Doch es war nur eine kurze Rezession: Ein Jahr später wuchs die japanische Wirtschaft wieder um 1,5 Prozent.

Es gibt allerdings einen möglichen – und nachhaltigen – Kollateralschaden der Coronavirus-Krise, die bislang kaum jemand auf dem Schirm hat: Die Verbreitung des Virus könnte US-Präsident Donald Trump in seinem Anti-Globalisierungskurs bestärken und ihn vermeintliche Gesundheitsrisiken durch die weltweite Vernetzung zum Anlass nehmen lassen, neue protektionistische Hürden zu errichten.

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