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  4. Trumps Zölle gefährden hier das Herz der weltweiten Textilwirtschaft

Neue Golden-Victory-Textilfabrik in Vietnam Foto: LiveEO/Up42/Airbus

Wirtschaft von oben #320 – KleindungsproduktionAus diesen Fabriken kommen Ihre T-Shirts. Trump gefällt das nicht

Die Textilindustrie in Vietnam, Kambodscha und Bangladesch ist zuletzt stark gewachsen, verschafft dort vielen Menschen Einkommen und Stabilität. Satellitenbilder zeigen, wie US-Zölle das zerstören würden. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.Nele Antonia Höfler 03.05.2025 - 14:13 Uhr

Es ist Mittwoch, der 9. April, 16 Uhr. Ho Duc Phoc, der stellvertretende Premierminister Vietnams, trifft im Washingtoner Finanzministerium ein. 45 Minuten gewährt ihm US-Finanzminister Scott Bessent. Nicht viel Zeit, um abzuwenden, was das Land Vietnam ins Elend zu stürzen droht. Wenige Tage zuvor hatte Donald Trump der Welt abseits der US-Grenzen Zölle in bislang ungekannter Größe auferlegt. Basierend auf dem Handelsdefizit mit den USA. Das Ergebnis: Am härtesten trifft es die Ärmsten. Auf Waren aus Bangladesch werden künftig 37 Prozent fällig, Vietnam muss mit 46 Prozent rechnen, am schwersten erwischt es Kambodscha mit 49 Prozent.

Besonders betroffen: die Textilindustrie. Ein Blick aufs Etikett verrät: Egal ob Adidas, Nike, Levi’s, H&M, Lululemon oder Ikea – die angesagten europäischen und amerikanischen Händler lassen große Teile ihrer Produktlinien von Auftragsarbeitern in Süd- und Südostasien herstellen. Die mitunter prekären Bedingungen, unter denen Näherinnen und Näher die Kleidung für den Westen produzieren, stehen immer wieder in der Kritik.

Gleichzeitig ist die Bekleidungsindustrie in den Ländern jedoch einer der wenigen Arbeitgeber, der insbesondere Frauen ein regelmäßiges Einkommen ermöglicht. Seit Trumps Ankündigungen ist die Angst in den Fabriken groß: Machen die amerikanischen Einfuhrbedingungen diese Sicherheit zunichte?

Anders als China drohen Vietnam, Bangladesch und Kambodscha den USA nicht mit Gegenschlägen – das können sich die Länder schlicht nicht leisten. Viel zu abhängig ist ihr Jobmarkt vom Export. Stattdessen versuchen sie es mit Offerten. So wie Vietnams Vizepremier, der dem US-Finanzminister bei dem Treffen laut BBC anbot, sämtliche Zölle auf US-Waren abzuschaffen. Bangladeschs Regierungschef Muhammad Yunus unterbreitete Trump per Brief den Vorschlag, sein Land würde künftig mehr Baumwolle, Weizen, Mais und Sojabohnen aus den USA kaufen. Der kambodschanische Ministerpräsident Hun Manet verkündete, die Zölle auf US-Waren zahlreicher Produktgruppen massiv senken zu wollen, und schickte hochrangige Beamte für Verhandlungen in die USA.

Zwar hat Trump die Einführung der Zölle weltweit für 90 Tage ausgesetzt. Doch die laufen bald ab. Sollten die Zölle wie angekündigt kommen, droht ein Einbruch der Textilexporte und in der Folge die gesamte Wirtschaft der Länder in Schieflage zu geraten. Hersteller prüfen schon, ob sie ihre Produktion in Länder wie Ägypten verlagern sollen, wo Trump mit zehn Prozent eher geringe Zollstrafen angekündigt hat. Die Industrie hatte in den drei asiatischen Staaten zuletzt massiv expandiert. Aus dem All lassen sich in Vietnam, Kambodscha und Bangladesch überall neue Textilfabriken erkennen.

Bilder: LiveEO/Google Earth/Maxar, LiveEO/Up42/Airbus

Darunter sind auch neue Produktionshallen der Noman Group aus Bangladesch. Gegründet 1968, produzierte das Unternehmen anfangs Moskitonetze. Heute gibt es kaum eine Art Textil, die die Gruppe nicht fertigt. Am Rande der Industriestadt Gazipur nähen Angestellte Bettdecken, Vorhänge, Bettbezüge, Jeans, Strickwaren, Handtücher.

Um die Produktpalette zu erweitern, hat das Unternehmen zahlreiche neue Fabrikgebäude gebaut. Darin wird gesponnen, gewebt, verarbeitet, gewaschen, gefärbt, bedruckt und genäht. Sind die Kleidungsstücke fertig, gehen sie ins Ausland – vor allem in die USA und nach Europa. Dort landen dem Unternehmen nach bei Ikea, Target, Otto, Nike, Zara, Mango, Uniqlo und Hema.

Bilder: LiveEO/Google Earth/Maxar, LiveEO/Google Earth/Airbus, LiveEO/Up42/Airbus

Auch Top Textile, eine der größten Strickereien in Nordvietnam, baut zurzeit die Produktion aus. Auf einem 31 Hektar großen Gelände im Rang Dong Textile Industrial Park entsteht ein neues Fabrikgelände. Erste Anlagen sind in Betrieb. Vollständig einsatzbereit soll die Fabrik im Jahresverlauf sein. Dann sollen hier 1800 Mitarbeiter 120 Millionen Meter Stoff pro Jahr verarbeiten.

Es waren auch die Spannung zwischen China und den USA, die der Branche in Vietnam, Kambodscha und Bangladesch zuletzt einen Schub gab. Viele Unternehmen verlagerten ihre Produktion vorsorglich aus der Volksrepublik. Marken wie Nike, Levi’s, Abercrombie & Fitch und Lululemon meldeten zuletzt eine deutlich geringere Abhängigkeit von China. Stattdessen produzieren sie mehr im Süden und Südosten Asiens.

Bilder: LiveEO/Google Earth/Maxar, LiveEO/Up42/Airbus

In Kambodscha ist zuletzt eine große neue Bekleidungsfabrik im Norden der Provinz Takeo entstanden. Bauherr ist das Unternehmen Phoenix Fashion, dahinter steckt eine chinesische Firma. Auf Satellitenbildern lässt sich etwa verfolgen, wie eine Blechhalle wächst. Erste Umrisse sind 2021 zu sehen, noch während Trumps erster Amtszeit, kurz nachdem der Handelskonflikt mit China erstmals eskaliert war. Die chinesischen Produzenten scheinen in Kambodscha einen Ausweg gesucht und vorerst gefunden zu haben. Nun drohen Trumps Zölle, die Unternehmen auch hier einzuholen.

Lose-lose-Situation

Auch für US-Verbraucher dürfte die Entwicklung negative Folgen haben. Die Vereinigten Staaten importieren 97 Prozent der dort verkauften Kleidung und Schuhe – vorwiegend aus Asien. Experten gehen davon aus, dass die Händler auf die Zölle mit Preiserhöhungen reagieren. Nach Berechnungen der Großbank UBS müssten die Preise allein wegen der Zölle gegen Vietnam um zehn bis zwölf Prozent steigen.

Vollständig an die Kunden weitergeben können die Marken die Preiserhöhungen aber nicht. Auch die Gewinnspanne wird daher leiden: „Die Gewinnmargen, die sowieso schon im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegen, werden sinken“, warnt Thomas Hundt, Südasien-Experte der Außenwirtschaftsagentur GTAI. „Es ist zu befürchten, dass der zusätzliche Kostendruck an die Arbeitskräfte in der Branche weitergegeben wird.“ Langfristig könne der Rückgang der Nachfrage Jobs kosten, wodurch die Armut in den Ländern wieder zunehme.

Dabei haben sich die Bedingungen vor Ort in den letzten Jahren teilweise verbessert. Für westliche Verbraucher wurde Nachhaltigkeit  immer mehr zum Kaufkriterium – dazu zählt nicht nur Umwelt-, sondern auch Sozialverträglichkeit. Das hat inzwischen auch asiatische Hersteller erreicht, erste Fortschritte lassen sich auch auf Satellitenbildern erkennen.

Bilder: LiveEO/Google Earth/Maxar, LiveEO/Google Earth/Airbus, LiveEO/Up42/Airbus

Nike etwa hat sich zum Ziel gesetzt, seine Treibhausgasemissionen bis 2030 um 63 Prozent zu reduzieren. Dafür muss die gesamte Lieferkette mitziehen. So unterstützt der Sneakerhersteller seine Fertiger bei der Umstellung auf erneuerbare Energien. Das scheint beim wichtigen Lieferanten Golden Victory gelungen.

Satellitenbilder zeigen auf dem Dach einer Fabrik in der Provinz Nam Định flächendeckend Solarmodule. Der Textilhersteller kann so laut eigenen Angaben seinen CO₂-Ausstoß um 4200 Tonnen im Jahr reduzieren.

Bilder: LiveEO/Google Earth/Airbus, LiveEO/Up42/Airbus

In Kambodscha machte vor wenigen Wochen eine neue Textilfabrik der Firma Marvel Garment Schlagzeilen. Sie gehört zum lokalen Zweig des führenden chinesischen Kleidungsherstellers Shenzhou International Group. Das Ungewöhnliche: Neben Unterkünften für Mitarbeiter verfügt sie auch über einen betriebseigenen Kindergarten. Bei der Eröffnung am westlichen Rand der Hauptstadt Phnom Penh verkündete der Premierminister, die Regierung habe sich zum Ziel gesetzt, in Fabriken mit über 100 Mitarbeitern Kindergartenstätten einzurichten.

Nhơn Hội A Industrial Park, Bình Định, Vietnam

28.03.2025: Hier will die H&M-Tochter Syre Group eine Fabrik zum Recycling von Textilien bauen.

Bild: LiveEO/Google Earth/Airbus

Die H&M-Tochter Syre hat derweil Anfang des Jahres angekündigt, in der vietnamesischen Wirtschaftszone Nhon Hoi eine Textil-Recycling-Fabrik zu bauen. 250.000 Tonnen gebrauchtes Polyester will sie hier pro Jahr zu neuem Bekleidungsmaterial aufbereiten. Kosten: bis zu einer Milliarde US-Dollar. An den Plänen hält das Unternehmen weiter fest – obwohl unsicher ist, ob und in welchem Maßstab die Industrie in dem Land noch eine Zukunft hat.

Klar ist schon jetzt: Zölle werden die Kleidungsproduktion nicht in die USA verlagern. Lag die Zahl der in der Textilindustrie Beschäftigten in den USA im Januar 2015 noch bei 139.000, sank sie bis Januar dieses Jahres laut dem Bureau of Labor Statistics auf nur noch 85.000. Damit lässt sich lediglich ein einstelliger Prozentsatz der lokalen Verbrauchernachfrage bedienen. Die Wiederbelebung der US-Bekleidungswirtschaft würde Jahre dauern und viel Geld kosten. Dazu kommt: In den USA produzierte Kleidung wäre für Konsumenten wahrscheinlich viel zu teuer.

„Sie werden auf keinen Fall in die USA zurückkehren“, ist sich auch Casey Barnett, Präsident der US-Handelskammer in Kambodscha, sicher. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Amerikaner stundenlang an einer Jogginghose nähen wollen“, sagte er in einem Interview.

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Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.

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