Aktien-Rally: Der Wendepunkt im US-Aktienmarkt ist noch nicht erreicht
Börsenparkett der New York Stock Exchange.
Foto: REUTERSVor zwei Monaten schrieb ich an dieser Stelle, dass 2023 ein „Jahr der Wendepunkte“ sein werde. Und dass der Zeitpunkt sowie das Ausmaß dieser Wendepunkte für Inflation, Zinsen und Wachstum die Marktaussichten bestimmen würden.
Das Umfeld ist weiterhin von hoher Inflation, steigenden Zinsen und nachlassendem Wachstum gekennzeichnet. Doch gleichzeitig waren die Arbeitsmarkt- und Inflationsdaten in den vergangenen Wochen erfreulich. Das relativ warme Winterwetter in Europa stellt ein Glücksfall für die Energiewirtschaft dar und Chinas Aufhebung der strengen Corona-Restriktionen hat signifikante Auswirkungen für die Wachstumsaussichten in der Region. Kurzum: Einige Marktsegmente werden den Wendepunkt früher erreichen als andere. Das bedeutet, dass die Unterschiede in der Entwicklung der verschiedenen Regionen und Sektoren womöglich noch grösser sein werden als erwartet.
Ich bin daher der Ansicht, dass sich mehr Selektivität auszahlen wird. So sollte zum Beispiel der Wendepunkt beim chinesischen Wachstum im Zuge der Wiedereröffnung vor allem vorteilhaft für Schwellenländeraktien und Rohstoffe sowie exponierte europäische Konsum- und Industrieunternehmen sein.
Der Wendepunkt bei der Inflation half Investment-Grade- und Staatsanleihen in den USA und der Eurozone zu ihrem bisher besten Jahresstart im 21. Jahrhundert. Ich halte diese Anleihen selektiv weiterhin für attraktiv. Bei Hochzinsanleihen dagegen ist weiterhin Vorsicht geboten, da derzeitige Kreditaufschläge weder eine Wachstumsabschwächung (mit entsprechenden Ausfällen und Ratingabstufungen) noch Liquiditätsrisiken widerspiegeln. Bei der Duration würde ich noch nicht zu hoch gehen, denn historisch hat sich dies erst nachhaltig ausgezahlt, wenn man unmittelbar vor einem neuen Zinskürzungszyklus stand.
Wir stehen aber lediglich kurz vor dem Ende eines beziehungsweise des aktuellen Zinserhöhungszyklus und Kürzungen dürften erst zu einem späteren Zeitpunkt ein Thema werden. Daher empfehle ich weiterhin eine Mischung von kurzlaufenden Anleihen (wo auch etwas mehr Kreditrisiko beigemischt werden kann) mit noch fünf- bis acht Jahre laufenden widerstandsfähigen Anleihen hoher Bonität.
Auf der anderen Seite entwickelt sich der breite US-Aktienmarkt weiterhin schlechter als die meisten internationalen Aktienindizes (und Teile des Rentenmarkts). Der nachhaltige Wendepunkt ist hier meiner Meinung nach noch nicht erreicht und Vorsicht weiterhin angebracht. Mir ist bewusst, dass die USA in der Regel der Markt sind, den man übergewichten muss, wenn sich das weltweite Wachstum abschwächt. Dies, weil er ein wenig zyklischer Markt ist, Kostensenkungen hier am einfachsten sind und die Zentralbank ein doppeltes Mandat hat (und daher historisch gesehen die Zinsen schneller senkt, wenn es einen deflationären Abschwung gibt).
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Aber wir befinden uns nicht in normalen Zeiten. Wenn es sich um einen deflationären Schock handelte und die US-Bewertungen bereits attraktiv wären, sollte man die USA überproportional im Portfolio gewichten. Aber das ist nicht der Fall. Die immer noch angespannte Lage des US-Arbeitsmarkts bedeutet, dass sich die Federal Reserve weiterhin Sorgen macht bezüglich der Inflation, obwohl diese zuletzt nachgelassen hat. Die Bewertungen von US-Aktien spiegeln noch nicht den Gewinnrückgang wider, den ich für dieses Jahr erwarte, und der US-Leitindex handelt derzeit mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 18, das ist leicht über dem 10-Jahresdurchschnitt. Außerdem ist die Aktienrisikoprämie (Gewinnrendite des Aktienmarktes verglichen mit der Rendite am Anleihenmarkt) auf dem niedrigsten Stand seit der Finanzkrise und das Risiko-Rendite-Verhältnis bleibt daher für die breiten US-Indizes unvorteilhaft.
Das heißt nicht, dass es keine Anlagemöglichkeiten im US-Markt gibt. Selbst vergangenes Jahr, als der S&P 500 knapp 20 Prozent gefallen ist, hatten rund 30 Prozent der Unternehmen im Index eine positive Rendite abgeworfen. Es gilt nun aber, in einem weiterhin herausfordernden Umfeld deutlich selektiver zu sein. Ich bevorzuge die Sektoren Energie, Gesundheitswesen und Basiskonsumgüter. Die Wachstumserholung, die viele zyklische Bereiche des Marktes einpreisen, scheint meiner Meinung nach verfrüht.
Auch der neu zum Leben erwachte Technologiesektor ist nach wie vor nicht wirklich günstig und reflektiert noch nicht die zu erwartenden niedrigeren Wachstumsraten. Auch hier rate ich, selektiv vorzugehen und dabei Bereiche wie Halbleiter und Cybersecurity klar zu bevorzugen.
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