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Knauß kontertDie Illusionen der Bertelsmann-Schüler-Studie

Mal wieder lässt sich die Bildungsrepublik von der Bertelsmann-Stiftung durchschütteln. Die eigentlichen Probleme und ihre Konsequenzen für Unis und Unternehmen spielen in der alarmistischen Studie aber keine Rolle.Ferdinand Knauß 16.07.2017 - 09:29 Uhr

Unterricht in einer Grundschule

Foto: dpa

Dass Studien der Bertelsmann-Stiftung die Politik in Deutschland, vor allem die Bildungspolitik, bewegen können, ist bekannt. Gemeinsam mit der OECD und deren PISA-Tests haben die Gütersloher in der Öffentlichkeit den Weg bereitet für die Bildungsreformen der jüngeren Zeit: Kompetenzorientierung und „Employability“ statt humboldtschem Bildungsideal, Massenakademisierung und „kein Kind zurücklassen“ statt Auslese und Gymnasialempfehlung.

Nicht zu vergessen G8, die Verkürzung des Gymnasiums auf acht Jahre, die mittlerweile in den meisten Bundesländern wieder zurückgenommen wird.

Jetzt hat die Stiftung wieder für Aufsehen gesorgt. Eine in ihrem Auftrag erstellte Studie verkündet: Im Jahre 2030 werden 43.000 Lehrer fehlen, weil die Schülerzahlen deutlich höher sein werden, als die Kultusministerkonferenz erwartet. Etwa 28.100 zusätzliche Schulklassen seien nötig. Während zwischen 2000 und 2015 fast 1800 Grundschulen geschlossen wurden, werden, so die Autoren Klaus Klemm und Dirk Zorn, die Schulträger im Jahr 2030 für neue Gebäude und Personal etwa 4,7 Milliarden Euro mehr ausgeben müssen als im laufenden Jahr.

Foto: WirtschaftsWoche
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In seltener Einmütigkeit reagieren sowohl der als konservativ geltende Lehrerverband (DL) als auch die Gewerkschaft VBE. „Die Konsequenz kann nur heißen, alle auf den bisherigen Annahmen basierenden Streichungen von Lehrerstellen in einzelnen Bundesländern sofort zu stoppen und durch zusätzliche Investitionen in den Bildungsbereich dafür zu sorgen, dass steigende Schülerzahlen nicht wieder wie in den 80er- und 90er-Jahren zu Verschlechterungen bei der Bildungsqualität, etwa steigenden Klassengrößen, führen“, sagt DL-Präsident Heinz-Peter Meidinger. „Die Situation des Lehrermangels wurde von der Politik viel zu lange schöngeredet“, klagt VBE-Chef Udo Beckmann und fordert nun eine „Lehrerausbildungsoffensive".

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Dabei sei die Bertelsmann-Prognose noch „eher optimistisch“, so Beckmann. Denn sie gehe „von gleichbleibenden Klassengrößen und der Fortführung des Ein-Lehrer-Prinzips aus“. Damit nähert sich Beckmann einer Bildungsproblematik, die die Bertelsmänner gar nicht ansprechen - und er selbst nur in dem Euphemismus „Schule verändert sich“ verklausuliert.

Ein sehr großer Teil der Schüler in vielen und womöglich demnächst fast allen Schulen wird einen so genannten Migrationshintergrund haben - selbst wenn die künftige Zuwanderung weniger hoch als in den beiden vergangenen Jahren sein sollte. Diese Kinder wird man nicht auf dieselbe Art und Weise und – realistisch betrachtet – auch nicht auf demselben Niveau unterrichten können, wie im althergebrachten Schulbetrieb. Das zeigen schon die bisherigen Erfahrungen.

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In einer Stellungnahme des VBE heißt es: „Zugleich wachsen die Erziehungsaufgaben.“ Auch das ist euphemistisch. Lehrer sind schon jetzt in vielen, nicht nur so genannten Brennpunktschulen, weniger mit Bildung als eher mit Sozialpädagogik befasst.

Zeitgleich mit der Zunahme von Kindern ohne deutsche Muttersprache kehrten sich die Bildungssysteme aller deutschen Bundesländer seit einigen Jahren mit tatkräftiger Unterstützung der Bertelsmann-Stiftung von der Wissensvermittlung ab, um sie durch eine vermeintlich dem Arbeitsmarkt zugute kommende „Kompetenzorientierung“ zu ersetzen. Die jungen Menschen sollen alles können, was das Arbeits- und Alltagsleben angeblich erfordert, und nichts mehr wissen müssen. Das Wissen veralte schließlich ohnehin im Eiltempo und der aktuelle Stand sei mit ein paar Mausklicks nachlesbar.

Die Ausbildungsbetriebe und Universitäten klagen schon jetzt über eklatante Schwächen bei grundlegenden Fähigkeiten in Mathematik und Kenntnissen der Naturwissenschaften. Von Rechtschreibung gar nicht zu reden. Und althergebrachte humboldtsche Bildungsinhalte, etwa Literatur oder Geschichte betreffend, sind ohnehin auf dem Rückzug.

Solche qualitativen Aspekte des Bildungssystems spielen – wie bei Bertelsmann üblich – auch in der aktuellen Studie keine Rolle. Für die Studienautoren gibt es nur Schüler- und Lehrerzahlen. Amorphe Menschenmengen, die die Politik zu managen habe.

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Der Niveauverlust in allen Schul- und Hochschulformen, der hinter dem Schleier einer galoppierenden Noteninflation stattfindet, dürfte sich also fortsetzen und vielleicht sogar beschleunigen. Das ist keine Frage der Intelligenz der künftigen Schüler und der Fähigkeiten der Lehrer. Kein noch so gut ausgebildeter und engagierter Lehrer kann mehreren Kindern pro Klasse aus bildungsfernen und nicht deutsch sprechenden Herkunftsfamilien gleichzeitig deutsch beibringen, sie „erziehen“ und Bildungsinhalte auf einem hergebrachten Niveau vermitteln. Man wird die Ansprüche zurücknehmen (müssen). In der Schulpraxis geschieht das längst.

Viele Eltern der von Bertelsmann prognostizierten Schulkinder leben derzeit gar nicht in Deutschland. Die Gütersloher Autoren rechnen aber fest damit, dass sie kommen. Ihre Vorausberechnungen der Zuwanderung beruhen, das ging in der Berichterstattung völlig unter, genauso auf Zukunftsschätzungen wie die der Kultusministerkonferenz, die angeblich zu gering sind.

Die demografische Zukunft der Wohnbevölkerung kann aufgrund der trägen Veränderung durchschnittlicher Geburtenraten relativ gut vorausberechnet werden. Diese Entwicklung ist auch nicht kurzfristig durch Politik zu beeinflussen, wie deutsche Familienpolitiker in der jüngeren Vergangenheit immer wieder feststellen mussten.

Anderes gilt für die Einwanderung. Sie ist kein unpolitisches Schicksal. Jeder Staat kann, wenn der politische Wille dazu vorhanden ist, Zuwanderung begrenzen, weitgehend  unterbinden oder durch Anreize und Hürden bestimmte (zum Beispiel gebildete) Einwanderer auswählen. Zumindest sieht man dies jenseits der deutschen Grenzen in vernünftig regierten Einwanderungsländern so.

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