Jan Ullrich, Boris Becker: Wie gefallenen Stars die Rückkehr in die Geschäftswelt gelingt
Der Fahrradtrip mit Jan Ullrich im Posthotel Taube kostet 5.100 Euro aufwärts. Drei Tage Radfahren mit der Legende, inklusive Mechaniker, Erfrischungen, Übernachtungen, Essen und Spa. Klamotten, Trinkflaschen, Kappen – alles bestickt und bedruckt mit und fürs „Team Jan Ullrich“.
Die Nähe zum einzigen deutschen Gewinner der Tour de France fasziniert Menschen – trotz seiner Doping-Vergehen. In Bars hängen nur halb scherzhaft gemeinte Sprüche wie „Ulle war sauber“. Diese Faszination macht Ullrich, der tief gefallene Radstar vergangener Jahrzehnte, zu Geld. Das Paket im Hotel Taube im österreichischen Montafon ist ausgebucht.
Karriere nach dem Knast
Ullrich ist zurück, runter von den Drogen und von den Lügen. Erst 2023 sagte er den Satz, nach 17 Jahren: „Ich habe gedopt.“ In seinem bisherigen, chaotischen Leben nach dem Profidasein entging Ullrich nur knapp einer Haftstrafe. Andere nicht.
- Thomas Middelhoff, einst gefeierter Chef von Bertelsmann und dem untergegangenen Handelskonzern Arcandor, grenzenlos in seinem Luxus und seiner Hybris, wurde 2014 wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.
- Robert Hoyzer, als Bundesliga-Schiedsrichter zwar keine Hauptfigur auf dem Platz, geriet ins gleißende Licht der Öffentlichkeit als Hauptfigur im größten Wettskandal des deutschen Fußballs 2005. Wegen Beihilfe zum Betrug wurde er zu einer Freiheitsstrafe von knapp zweieinhalb Jahren verurteilt.
- Boris Becker, der ehemalige Tennisprofi, von Teilen der deutschen Öffentlichkeit und vom Boulevard ähnlich hochgejubelt wie Jan Ullrich, stürzte ebenfalls tief, saß in London wegen Insolvenzvergehen im Gefängnis. Jetzt vermarktet er in Interviews, Talkshows, Lesungen sein Buch „Inside“ über diese Zeit des Niedergangs und des Wiederaufstehens.
Sie alle haben einen Ausweg gefunden, zurück auf Los. Wie aber geht das, ehrliche Läuterung? Wie gelingt die Rückkehr in die Geschäftswelt? Wie nutzt man eine zweite Chance?
„Wir machen Fehler, entschuldigen uns, bekommen vielleicht eine zweite Chance“, sagt Lance Armstrong, früher Ullrichs ärgster Widersacher, heute Freund, in der Doku „Being Jan Ullrich“. Es gebe „nur eine Person, die dir alles vermasseln kannst. Das bist du selbst.“
Es klingt, als habe Armstrong mit Profis darüber gesprochen. Profis wie Katharina Neumann, Chefärztin der Suchtklinik im bayerischen Bad Brückenau, in der auch Jan Ullrich einst behandelt wurde. Das Wichtigste, um zur Erkenntnis und Einsicht zu gelangen, krank zu sein, sagt sie, sei „Ehrlichkeit gegenüber sich selbst“. Gleichzeitig aber auch das Schwierigste, „weil wir ganz großartig darin sind, Entschuldigungen und Ausflüchte zu finden“.
So machte es auch Ullrich lange Zeit. Verdrängen, bloß nicht eingestehen, gescheitert zu sein, hilfsbedürftig. „Wenn du von klein auf antrainiert bekommst: kämpfen, niemals aufgeben. Dann ist es unglaublich schwer, nach Hilfe zu fragen“, sagte Ullrich in einem NDR-Podcast. „Ich habe immer gesagt, das schaffe ich schon. Ich habe die Tour de France gewonnen, bin Olympiasieger und Weltmeister. Ich schaffe das alleine.“
Egal, ob jemand ständig alkoholisiert sei, lalle, offenherziger – oder aggressiver – sei als gewöhnlich. Oder Kokain konsumiere und sich großartig fühle, einen schweren Autounfall verursache, handgreiflich werde, wie Ullrich, Straftaten begehe und ins Gefängnis müsse wie Becker, Hoyzer und Middelhoff: Es brauche, so Neumann, die Erkenntnis und intrinsische Motivation: Ich möchte so nicht weiterleben. Wenn ich mich jetzt nicht zusammenreiße, passiert das. Eine Konsequenz, die man verhindern will. „Der eine möchte seine Frau nicht verlieren, der nächste seinen Führerschein.“
Ohne Eigenmotivation und drohende Konsequenzen werde die Abkehr schwierig. „Manche kommen nur, weil ihnen ansonsten der Geldhahn zugedreht wird, von Mama, Papa, Ehefrau“, sagt Neumann. Ein Patient von ihr habe 15 Entgiftungen durchgemacht, ehe er abstinent war.
Thomas Middelhoff hat in den vergangenen 15 Jahren immer wieder erzählt, wie ihn die Zeit im Knast geerdet habe, wie er eigenes Fehlverhalten und seine Wirkung in der Öffentlichkeit reflektiert habe. Vor drei Jahren sagte er im WiWo-Interview, ein mögliches Reaktionsmuster könne ja sein: Ich bin nicht schuld, sondern alle anderen. „Wenn man das so aufarbeiten will, ist die Wahrscheinlichkeit für einen Neustart gering. Das führt eher in die Alkoholabhängigkeit.“
Vorsichtiges Zurücktasten – privat und beruflich
Wer sich bei Partnern, Familienangehörigen oder Menschen, die man verletzt hat, entschuldigen wolle, sagt Psychiaterin Neumann, sollte nicht zuerst mit seinen eigenen Problemen argumentieren. Sondern anerkennen, was man der anderen Person mit seinem Verhalten angetan habe. Etwa sagen: Ich kann mir vorstellen, wie schlimm das für dich gewesen sein muss, wie dich das belastet hat. Kein flapsiger Satz, sondern eine ehrliche Überlegung, laut ausgesprochen, wie man sich konkret bessern und anders verhalten will.
Von Einsicht, Bedauern, Reue raten Verteidiger im Gerichtssaal schon mal ab. Markus Braun, Ex-Chef des untergegangenen Zahlungsdienstleisters Wirecard, ein anderer einmal hochgejubelter Manager, lässt davon jedenfalls nichts durchblicken.
Anders als Braun hat Boris Becker das Gröbste überstanden. Gerade war er Gast des TV-Formats „Markus Lanz“. Er sei sich seiner Schuld heute bewusst, sagte er in der Sendung. Er zeige nicht mit dem Finger auf andere, „ich zeige mit dem Finger auf mich.“ Becker arbeitet weiter als TV-Experte, macht Werbung. Die Marke, sein Gesicht zieht. Frühere Weggefährten klopften wieder an, erzählte er dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“, wollten ihn auf ein Bier oder zum Golf einladen. Durchaus anstrengend finde er das. „Neue Werbepartner, neue Aufträge, Erfolge, ich muss aufpassen, dass ich da bei mir bleibe.“
Der frühere Bundesliga-Schiedsrichter Hoyzer arbeitete nach seiner Haftstrafe zunächst im Vertrieb einer Videoplattform, dann als Funktionär im Berliner Amateurfußball. Seit einigen Jahren macht er wieder Karriere, im Vertrieb der Preisvergleichsplattform Idealo. In den vergangenen zwei Jahren wurde er, seinem Linkedin-Profil zufolge, dreimal befördert.