Aktivrente: „Unternehmen sollten Bereitschaft zeigen, Ältere zu beschäftigen“
WirtschaftsWoche: Herr Thode, Sie haben für die Bertelsmann Stiftung eine Untersuchung zur Aktivrente gemacht und herausgefunden, dass in Deutschland mehr 65- bis 69-Jährige erwerbstätig sein könnten. Momentan sind das nur 21 Prozent, in Schweden und Norwegen hingegen rund 30 Prozent. Zu wie viel mehr Beschäftigung wird die Aktivrente nach Ihren Analysen führen?
Eric Thode: Insgesamt umfasst die Gruppe derjenigen, die die Aktivrente nutzen könnten, 570.000 Menschen. Rechnet man in Köpfen, so kommt unsere Studie auf 50.000 Personen, in Vollzeitstellen gerechnet sind es 25.000 bis 30.000. Das sind insgesamt zehn Prozent mehr Arbeitsstunden, die da zusammenkommen. Das reicht zwar nicht, um den Fachkräftemangel zu beseitigen, aber es wäre eine bedeutsame Steigerung und würde den Unternehmen spürbar etwas bringen.
Wie müsste die Aktivrente aussehen, damit mehr Menschen davon Gebrauch machen?
Die Betroffenen müssten sie vor allen Dingen erst mal kennen. Nach unserer Untersuchung scheint die mangelhafte Kommunikation der wichtigste Hinderungsgrund zu sein. Schon über die heutige Rechtslage – dass seit 2023 der Zuverdienst nach Renteneintritt nicht auf die Rente angerechnet wird – sind die meisten Befragten, 62 Prozent, auch nach zwei Jahren Gültigkeit noch immer nicht richtig informiert. Nur 38 Prozent kennen die Regelung. Sicher kann man nicht mit Gewissheit sagen, dass eine Kommunikationskampagne hilft. Aber es ist eine Chance, und ohne diese bleibt die Aktivrente jedenfalls hinter ihren Möglichkeiten zurück.
Arbeitnehmer bekommen immer wieder von ihren Arbeitgebern zu hören, dass sie sie gerne behalten würden, aber arbeitsrechtliche Regeln die Nutzung der Aktivrente verhindern würden. Welche sind das und wieso genau?
Es gibt vor allem ein großes Problem. Wer bis zum Erreichen der Altersgrenze in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis beschäftigt war, darf nicht beim selben Arbeitgeber in ein befristetes Arbeitsverhältnis ohne Sachgrund wechseln. Das verbietet das sogenannte Anschlussverbot im Teilzeit- und Befristungsgesetz. Lässt der Arbeitgeber das trotzdem zu, kann sich der Beschäftigte in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis einklagen. Das lässt sich dann nicht so ohne Weiteres kündigen. Denn der Gesetzgeber sieht kein Ende vor für Beschäftigungsverhältnisse wegen Alters. Theoretisch gilt das Arbeitsverhältnis bis zum Tod des Mitarbeiters. Das Anschlussverbot soll womöglich im Rentenpaket aufgehoben werden.
Und es gibt keinen Ausweg?
Wenn sich alle Beteiligten einig sind, können sie eine Hinausschiebensvereinbarung abschließen. Man muss sich bewusst machen, dass es hierbei rechtliche Unsicherheiten gibt. Der Ausstiegszeitpunkt darf verschoben werden, aber es ist unklar, ob damit auch andere Arbeitsbedingungen, zum Beispiel die Arbeitszeit, verändert werden dürfen. Wer in Teilzeit wechseln will, kann das nicht rechtssicher tun. Der bürokratische Aufwand ist hoch und es wird für Arbeitgeber riskant, wenn Fehler passieren.
Welche Vorbehalte haben Unternehmen ansonsten gegen die Aktivrente? Über 60 Jahre wird doch auch niemand mehr zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen – und das seit vielen Jahren. Die Vorurteile, dass Ältere zu teuer sind, schlecht zu führen oder unflexibel seien, halten sich hartnäckig.
Richtig, dabei ist etwa empirisch widerlegt, dass Ältere häufiger krank sind. Es muss aufseiten der Unternehmen endlich eine größere Bereitschaft entstehen, Ältere zu beschäftigen. Arbeitgeber machen sich zu wenig Gedanken, wie es mit Älteren weitergehen könnte. So kommt es auch, dass sich Betroffene nicht mehr erwünscht fühlen und den Eindruck haben, dass sie sich bitteschön in die Rente auf Nimmerwiedersehen verabschieden sollen.
Denken Sie, dass sich das nach so langer Zeit ändert?
Es wird Zeit, dass überhaupt mal all die Fragen aufgeworfen werden. Arbeitgeber sind im Soll, mehr Wertschätzung für Ältere aufzubringen, das Arbeitsklima zu verbessern und sich als Arbeitsumfeld attraktiv zu halten. Man könnte ab dem 55. Lebensjahr Perspektivgespräche mit jedem Einzelnen einführen, um langfristig alles vorzubereiten.
In den Branchen, in denen der Fachkräftemangel deutlich zu spüren ist, hat sich bereits etwas geändert. In Teilen der Baubranche ist die Bereitschaft, auf Ältere zuzugehen, groß. Die Autobahn GmbH des Bundes beispielsweise sucht Projektleiter mit großem Erfahrungswissen für Tiefbauprojekte. Sie geht auf Leute zu und fragt, ob sie Zeit dranhängen und auch Jüngere anlernen wollen. Ähnliches beobachten wir bei kleineren Betrieben in der Metallverarbeitung.
Hinweis: Dieser Artikel wurde erstmals am 25. November publiziert. Aufgrund des Leserinteresses zeigen wir ihn erneut.
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