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NEETs-PhänomenWie bekommen wir junge Menschen ohne Bildung in den Arbeitsmarkt?

Angesichts des Arbeitskräftemangels können wir es uns nicht mehr leisten, dass Millionen junge Menschen dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt fernbleiben. Was jetzt getan werden muss. Ein Gastbeitrag.Guido Paar 14.08.2023 - 09:42 Uhr

Mehr als eine Million junger Menschen im Alter zwischen 15 und 29 Jahren können als sogenannte NEETs klassifiziert werden.

Foto: Getty Images

In Deutschland stellt sich zunehmend die Frage, was aus den sogenannten NEETs (Not in Education, Employment or Training) werden soll – jenen jungen Menschen zwischen 15 und 29 Jahren, die weder in der Ausbildung sind, noch studieren oder arbeiten. Wer die Fakten nüchtern analysiert, kommt schnell zu dem Schluss, dass hier etwas passieren muss – um ihre Leistungsbereitschaft zu fördern und die Fachkräftelücke nachhaltig zu schließen.

Im Dezember 2022 lebten in Deutschland laut Destatis rund 13,5 Millionen junge Menschen im Alter zwischen 15 und 29 Jahren. Von ihnen waren laut OECD 8,8 Prozent als NEETs klassifiziert. Das bedeutet, dass rund 1,2 Millionen Jugendliche und junge Erwachsene nicht in schulischer oder beruflicher Bildung, einem Studium oder einer Beschäftigung involviert waren.

Hiervon waren etwa zwei Drittel inaktiv, also nicht einmal bemüht, eine Beschäftigung oder Bildung zu erlangen. Andere Studien sprechen sogar von weit über 2 Millionen NEETs. Sie rechnen Menschen mit ein, die in Migrationsprozessen (fest-)stecken.

Zur Person
Guido Paar ist Friseurunternehmer, Trainer und Mitglied im Vorstand des Verbands Intercoiffure Deutschland.

Ein zweites besorgniserregendes Signal ist die wachsende Fachkräftelücke, und auch die Hilfskräftelücke. Das Institut der deutschen Wirtschaft berichtete im Dezember 2022, dass in Deutschland 533.000 Fachkräfte fehlen. Wie viele Hilfskräfte fehlen, erschließt sich jedem, der einmal auf die verzweifelt klingenden Aushänge in Gaststätten und Geschäften geschaut hat. Angesichts der hohen Anzahl von NEETs könnte diese Lücke potenziell geschlossen werden, wenn diese jungen Menschen praktikabel und effektiv in den Arbeitsmarkt integriert würden.

Balance zwischen Absicherung und Arbeitsanreizen

Es wäre einseitig, alle NEETs pauschal als leistungsunwillig abzustempeln. Neben individuellen Gründen können auch strukturelle Probleme, mangelnde Bildungschancen oder psychische und gesundheitliche Probleme dazu führen, dass junge Menschen den Einstieg in den Arbeitsmarkt verpassen. Aber auch die Frage der Leistungsbereitschaft in der Gesellschaft muss thematisiert werden.

Die Generationen auf dem Arbeitsmarkt
Die Baby-Boomer (1946 - 1964) sind die älteste Generation auf dem Arbeitsmarkt. Diese Jahrgänge verzeichneten die höchste Geburtenrate, daher rührt auch der Name.
Die Jahrgänge der Generation X (1965 - 1979) haben einiges miterlebt: Wirtschaftskrisen, Techniksprünge, Arbeitslosigkeit, Umweltkatastrophen. Sie gilt als eine, die vor allem Wert auf ein gutes Einkommen und einen sicheren Arbeitsplatz legt.
Die Generation Y, auch Millennials genannt, wurde zwischen 1980 und 1995 geboren. Sie sind die erste Jahrgangskohorte, die als Digital Natives gelten.
Sie treten seit einigen Jahren in den Arbeitsmarkt ein: die Generation Z, geboren von 1996 bis 2010. Sie sind von klein auf mit dem Internet aufgewachsen, digitale Medien haben ihr Leben von Beginn an geprägt.

Staatliche Unterstützungs- und Sozialleistungen können dazu führen, dass sich zahlreiche Menschen nicht um eine Beschäftigung bemühen. Die Balance zwischen sozialer Absicherung und Anreizen zur Integration in den Arbeitsmarkt muss gefunden werden. Wir holen Menschen aus anderen Ländern nach Deutschland und versuchen mit ihnen kläglich, die Lücke der Fachkräfte und die ähnlich große Lücke der Hilfskräfte zu reduzieren, etwa, indem wir sie bei der Ernte einsetzen. Nur, weil sich in unserem eigenen Land junge Menschen entscheiden, lieber nichts zu tun?

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Es gibt auf den Märkten viele Ideen, Menschen in Berufe zu bringen, ohne dass sie eine klassische Ausbildung durchlaufen, zum Beispiel durch spezielle Umschulungen. Doch die Umsetzung solcher innovativen Bildungsinitiativen und alternativen Ausbildungswege stoßen oft auf bürokratische Hürden und Finanzierungsprobleme, trotz der gut gefüllten Töpfe für Weiterbildung. Die Politik muss schneller und flexibler reagieren, um solche alternativen Bildungswege zu unterstützen und finanzielle Unterstützung bereitzustellen. Investitionen in Bildung, Mentoring-Programme und gezielte Unterstützung für benachteiligte Jugendliche könnten dazu beitragen, die Zahl der NEETs langfristig zu reduzieren und gleichzeitig die Lücken im Arbeitsangebot zu schließen. Der Markt hat viele Ideen.

Leistungsträger nicht vernachlässigen

Dabei ist es ist ebenso wichtig, die Situation derjenigen zu berücksichtigen, die bereits einen Beitrag zur Gesellschaft leisten – die Leistungsträger. Eine Politik, die die Leistungsbereitschaft fördert und belohnt, statt belastet und bremst, ist entscheidend für eine dynamische und wettbewerbsfähige Wirtschaft. Dies könnte Anreize für Fachkräfte und Betriebe schaffen, in Deutschland zu bleiben oder zurückzukehren, anstatt anderswo nach besseren Möglichkeiten zu suchen.

Arbeitsbedingungen weiter bequemer zu gestalten und Gehälter weiter zu erhöhen, ist nur dann akzeptabel, wenn genauso klar ist, dass in der verbleibenden Arbeitszeit Leistung erwartet werden darf und erbracht werden muss.

Dieses Thema erfordert eine offene und sachliche Diskussion, um innovative Lösungen zu finden, die das Potenzial junger Menschen in Deutschland bestmöglich nutzen und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit des Landes stärken. Und: Es erfordert Tempo.

Lesen Sie auch: „Wir brauchen die Bereitschaft, sich für ausländische Fachkräfte zu öffnen“

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