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  4. Strompreis : Darum wären die höheren Renditen für Netzbetreiber gut

Höhere Renditen für NetzbetreiberHurra, der Strom wird noch teurer!

Die Bundesnetzagentur will die Renditemöglichkeiten für Netzbetreiber erheblich verbessern. Richtig so – auch wenn das kurzfristig die Verbraucherpreise treibt. Denn ohne ein besseres Netz geht künftig nichts. Ein Kommentar.KOMMENTAR von Florian Güßgen 07.06.2023 - 13:30 Uhr

Ob in der Höhe oder im Boden: Hauptsache, das Netz wird verstärkt

Foto: imago images

Wie? E.On, der größte Verteilnetzbetreiber in Deutschland, hat doch gerade erst ein Jahresergebnis in Höhe von 8,1 Milliarden Euro (bereinigtes Ebitda) eingefahren, Prognose übertroffen. Und jetzt will Klaus Müller, Chef der Bundesnetzagentur, E.On und Hunderten anderen Netzbetreibern noch mehr Geld hinterherwerfen? Heute hat Müller vorgeschlagen, die Renditemöglichkeiten der Strom- und Gasnetzbetreiber, den Eigenkapitalzins, kräftig zu erhöhen: von derzeit 5,07 Prozent bei Neuinvestitionen auf 7,09 Prozent ab 2024

Für die Verbraucher macht das den Strom absehbar teurer. Ein durchschnittlicher Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 3500 Kilowattstunden dürfte so zehn bis 12 Euro mehr pro Jahr zahlen, hat die Nachrichtenagentur DPA herausgefunden. Geht’s noch oder geht’s bald nimmer, jetzt, in der Krisenzeit? Was reitet ausgerechnet Klaus Müller, der doch lange Deutschlands oberster Verbraucherschützer war, Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband? Verrät er hier seine ureigene Klientel?

Ohne ein neues Netz ist alles nichts

Nein, tut er nicht. Im Gegenteil. In diesem Fall muss es heißen: Hurra, der Strom wird noch teurer. Denn kurzfristig mögen sich die höheren Renditemöglichkeiten der Netzbetreiber in höheren Netzentgelten niederschlagen. Auch droht vielen Bürgern ein Jahrzehnt mit vielen zusätzlichen Baustellen und Presslufthammerlärm. Mittel- und vor allem langfristig aber ist der zügige und effektive Ausbau vor allem der Strom-Verteilnetze die Voraussetzung dafür, dass die Verbraucher in die Lage versetzt werden, neue Geräte, ob Wärmepumpen, Wallboxen oder auch Fotovoltaik-Anlagen auf ihren Dächern, effizient und vor allem kostensparend einzusetzen. Ohne ein runderneuertes, besseres Netz wird das alles nichts.

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Denn, man kann es drehen und wenden, wie man will: Stand heute hinkt das Stromverteilnetz den Ansprüchen der Energiewende weit hinterher. Im Krisenjahr 2022 hat sich alle Aufmerksamkeit auf die Stromerzeugung konzentriert. Wie können wir nur all das fehlende russische Gas ersetzen? Wo soll die Energie herkommen? Im Jahr 2023 stellen wir fest: Ups, wir müssen diese Energie ja auch irgendwie von A nach B kriegen, ohne die Netze zu überlasten. Und diese Netze sind auf der lokalen Ebene nicht nur erstaunlich blind, das heißt: so gut wie nicht digitalisiert. Sie sind auch nicht für die Lasten ausgerichtet, die sie nun zu tragen haben.

Um es konkret zu machen: Ein durchschnittlicher Haushalt, Eltern, zwei Kinder, hat jetzt einen Kapazitätsbedarf von etwa 4 Kilowatt. Es kommt die nötige Kapazität für die Wärmepumpe von 3 bis 16 Kilowatt dazu und die für die Wallbox, noch mal 11 bis 22 Kilowatt drauf. So sind wir bei einer Kapazitätsanforderung von Minimum 18 Kilowatt im Vergleich zu 4 Kilowatt zuvor. Rechnet man das auf einen Straßenzug hoch, kann man sich in etwa vorstellen, was bestehende, auf Standard-Lastprofile ausgerichtete Leitungen demnächst aushalten müssen.

Sorry, das packen die Leitungen nicht

Dass das Netz schon jetzt an seiner Belastungsgrenze ist, hat kürzlich das Pilotprojekt des Wohnungskonzerns Vonovia in Dortmund gezeigt. Rund 60 größere Wärmepumpen hat das Unternehmen dort anschließen lassen, um dann feststellen zu müssen, dass die Leitungen die Last nicht packen. Sorry, geht nicht.

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Das Motto muss also lauten: Digitalisiert, um die Lasten möglichst intelligent zu verteilen, etwa über dynamische Stromtarife, die im Tagesverlauf variieren. Und: Baut aus! Pläne für den vorausschauenden, regionalen Ausbau müssen die Netzbetreiber demnächst vorlegen. Das ist insofern neu, als dass die Betreiber von erwarteten künftigen Lasten – vorausschauend – ausgehen sollen, nicht mehr zurückblickend – wo hat’s denn gehapert? – planen.

Der Eigenkapitalzins, so kompliziert das Gebilde auch in der Zusammensetzung ist, begrenzt die Renditemöglichkeiten der Netzbetreiber. Die höheren Zinsen haben Investitionen zuletzt weniger attraktiv gemacht, weil es auch für die Betreiber teurer geworden ist, Geld zu beschaffen.

Müller tut gut daran, aufs Tempo zu drücken

Indem Klaus Müller und die Netzagentur den Renditedeckel nun anheben will – jetzt wird darüber erst einmal diskutiert, beschlossen wird bis Ende des Jahres –  erweitert sie die Profitchancen der Betreiber und schafft erhebliche Anreize für den Ausbau der Netze. Man mag sich retrospektiv fragen, welche Verantwortung die Betreiber eigentlich dafür tragen, dass der gegenwärtige Zustand der Ortsnetze so ist, wie er ist. Aber dennoch tut Müller gut daran, nun alle Möglichkeiten dafür zu schaffen, dass es mit dem Netzausbau in Deutschland möglichst schnell vorangeht. Die Vorsicht der Netzbetreiber war angesichts unsicherer Renditeaussichten bislang nachvollziehbar.

Jetzt muss nur noch die existenzielle Hürde überwunden werden, dass sich die Bürokratie in Deutschland nach wie vor als sehr zäh erweist, was Genehmigung betrifft – und dann, ja dann, kann’s losgehen. Zum Wohl der Verbraucher, die, wenn alles – irgendwann – in Deutschland gut läuft, den Verbrauch von Wärmepumpe und Wallbox perfekt über einen dynamischen Stromtarif an die günstigsten Produktionszeiten anpassen können, gleichzeitig ihren selbst gemachten Solarstrom verbrauchen – und außerdem ohnehin alle am schlauen deutschen Netz angeschlossen sind.

Es ist diese Aussicht, auf die man blicken sollte, wenn der Stromlieferant demnächst die höhere Rechnung schickt. Im nächsten Schritt, das ist auch klar, müssen die Betreiber liefern – ein besseres Netz.

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