1. Startseite
  2. Technologie
  3. Digitale Welt
  4. Die Datenflut macht den Menschen berechenbar und beherrschbar

Regieren nach ZahlenLeben wir bald als Datenprimaten im Großgehege?

Seine Daten machen den Menschen berechenbar und unabhängig vom politischen System beherrschbar. Die Explosion der Daten beflügelt Träume von einer Kommandowirtschaft 2.0. Davon dürften vor allem planmäßig agierende Staaten wie China profitieren.Adrian Lobe 12.10.2019 - 12:00 Uhr

Publizist Adrian Lobe über die drohende Planwirtschaft der Daten.

Foto: Getty Images, Illustration: Marcel Stahn & Beate Clever

Als Apple 1984 seinen Macintosh auf den Markt brachte, ließ der Konzern einen dystopischen Werbefilm produzieren: In dem Spot marschieren in graue Uniformen gekleidete Männer im Gleichschritt durch ein futuristisches Tunnelsystem in eine Halle, wo eine Big Brothereske Figur aus einem überdimensionierten Bildschirm spricht: „Wir haben zum ersten Mal in der Geschichte einen Garten reiner Ideologie geschaffen.“ Während der Große Bruder die „Vereinheitlichung der Gedanken“ proklamiert, rennt eine namenlose Heldin in die Versammlung und schleudert einen Vorschlaghammer in den Bildschirm. Der Clip endet mit dem Satz: „Sie werden sehen, warum 1984 nicht wie ‚1984‘ sein wird.“

Der legendäre Werbefilm, eine Anspielung an George Orwells Roman „1984“, ist so etwas wie die Ikonografie des Informationszeitalters, ein Neo-Noir-Film in der Tradition von „Metropolis“ und „Blade Runner“: düster, schaurig, abgründig. Das zentrale, in der kalifornischen Gegenkultur wurzelnde Motiv ist die Zerstörung von Totalitarismen (mit dem Hammerwurf symbolisch besiegelt), die Emanzipation von politischen Ideologien und – hier deutet sich bereits die Verschwisterung von politischen und wirtschaftlichen Zielen an – die Ermächtigung des Einzelnen durch den Personal Computer.

Wenn man sich den Werbespot mit dem zeitlichen Abstand von 35 Jahren nochmals ansieht, muss man feststellen, dass wir mit dem Siegeszug des Computers einer Überwachungskultur viel näher kommen als den Vorstellungen der Digital-Utopisten, die von einer Cyberagora nach dem Vorbild der griechischen Polis träumten: Die chinesische Staatsführung werkelt an einer computergestützten Diktatur, die mit der Einführung eines Sozialkreditsystems zementiert wird. Und in westlichen Industrienationen überwachen sich die Bürger selbst mit Smartphones, Fitnesstrackern oder Netzwerklautsprechern, als schicke Designergeräte camouflierte Wanzen, die, wie man mittlerweile weiß, ihre Nutzer abhören.

Vormarsch der Algorithmen

Die Daten-Macht muss geteilt werden!

Techkonzerne wie Apple, Amazon und Google ließen Mitarbeiter reihenweise Audiomitschnitte ihrer Nutzer auswerten – angeblich aus Gründen der Qualitätsverbesserung. Patientengespräche, Drogengeschäfte, sexuelle Kontakte – minutiös wurde das Leben der anderen protokolliert. Wenn man sich vor dem Hintergrund dieser Geschichten den Apple-Spot anschaut, wirkt dieser wie eine Farce, eine unfreiwillige Persiflage der eigenen Spionagepraktiken. Dieses Stasi-hafte Einbrechen von Überwachungstechniken in die Architektur des liberalen Verfassungsstaates, die mit einer Rhetorik des „Digital Wellbeing“ verklärt wird, ist bloß das Oberflächenphänomen einer zunehmenden Quantifizierung des Sozialen, die sich in den opaken Maschinenräumen der Techkonzerne abspielt.

Google registriert pro Tag 3,5 Milliarden Suchanfragen, Apple zählt die Schritte und den Herzschlag von 900 Millionen Nutzern auf der Welt, und Facebook vermisst die Gesichter von mehr als zwei Milliarden Menschen. Die digitalen Apparaturen erlauben ein Echtzeitmonitoring der Gesellschaft durchzuführen und den Puls der Menschen zu fühlen. Wonach wird gerade gesucht? Wo ist die Herzfrequenz tagsüber am höchsten? Wo wird im Durchschnitt besonders viel, wo besonders wenig geschlafen? Wo gehen die Nutzer besonders wenig? Eine so hochauflösende Sicht auf den Gesellschaftskörper hatte bislang weder ein Staat noch ein privater Akteur. Der Sozialstatistiker Adolphe Quetelet, der im 19. Jahrhundert durch Messreihen wie etwa Geburten- und Sterberaten ein Bild vom homme moyen abzuleiten versuchte, hätte von digitalen Erhebungstechniken nur träumen können.

Techkonzerne wissen alles: wo man wohnt, was man sucht, worüber man redet, welche Restaurants gerade voll sind, welche Produkte zur Stunde nachgefragt werden. Amazon hat 2014 ein Patent für ein Vorbestellsystem („anticipatory shipping“) angemeldet, bei dem Waren in jene Regionen verfrachtet werden, wo sie noch gar nicht bestellt wurden. Amazon weiß schon, was die Leute brauchen. Und wollen. Was die Planer in den Ostblockstaaten nicht schafften, könnte nun ausgerechnet dem Klassenfeind Amazon mit seinen prädiktiven Algorithmen gelingen. Welch Ironie und Dialektik der Geschichte!

Chinas Sozialkreditsystem

„Wir sind hier alle vom Hocker gefallen“

von Jörn Petring

Der chinesische Milliardär und Alibaba-Gründer Jack Ma ist von der Idee beseelt, dass man mit Big-Data-Analysen die Planungsfehler der Vergangenheit korrigieren und eine Planwirtschaft 2.0 ins Werk setzen könne. Der Zugang zu diversen Datensätzen erlaube es, die „unsichtbare Hand“ des Markts zu finden, ist Ma überzeugt. „Im Zeitalter der Daten ist es so, als hätten wir ein Röntgengerät und eine Computertomografie-Maschine für die Weltwirtschaft.“ Alibaba könnte mit den Daten seiner 500 Millionen Kunden den Prozess der Preisbildung simulieren. Wer interessiert sich für welches Produkt? Wer plant die Anschaffung eines Autos? In welcher Region steigt die Nachfrage nach Immobilien? Mit mathematischen Modellen ließe sich die Angebots- und Nachfragemenge analog zum Markt im Computer berechnen und eine Art künstlichet Preisbildungsmechanismus entwickeln.

Es gab in der Wirtschaftsgeschichte bereits einige Experimente mit der computergestützten Planung von Ökonomien wie das 1971 von Stafford Beer in Chile unter Präsident Salvador Allende eingeführte Project Cybersyn, bei dem die Fabriken des Landes mit einem Großrechner im Wirtschaftsministerium verbunden wurden. Das Experiment wurde nach dem Militärputsch 1973 und dem Siegeszug der Chicago Boys jäh beendet. Die Explosion der Daten und Fortschritte der KI beflügeln die Träume einer Kommandowirtschaft 2.0 jedoch neu. Das Interessante an der Entwicklung ist nicht, dass Planwirtschaftsmodelle aus der sozialistischen Mottenkiste hervorgeholt werden, sondern dass mit der totalen Vorhersagbarkeit und Berechenbarkeit von Individuen und Gruppen eine neue politische Steuerungsform möglich wird, die mit autoritären Vorstellungen verschaltet werden kann.

Der chinesische Suchmaschinenriese Baidu hat einen Algorithmus entwickelt, der anhand von Sucheingaben bis zu zwei Stunden im Voraus vorhersagen kann, wo sich eine Menschenansammlung („kritische Masse“) bilden wird – eine Art algorithmische Crowd-Kontrolle. Wo gärt und wo rumort es? Wo bahnt sich eine Protestkundgebung an?

Soeben erschienen: „Speichern und Strafen. Die Gesellschaft im Datengefängnis“, Verlag C.H. Beck, 16,95 Euro.

Foto: Presse

Die Sozialingenieure denken Politik von der Kybernetik her: Es geht darum, Störungen zu vermeiden und das System im Gleichgewicht zu halten. Der Mensch wird nicht mehr beherrscht, sondern berechnet und – das ist die dialektische Pointe – in seiner Berechenbarkeit total beherrschbar. Dabei scheint es, als würden planmäßig agierende Staaten wie China von der Digitalisierung überproportional profitieren, weil ihre Institutionen Daten viel schneller verarbeiten können als die demokratischer Systeme und weil die autoritative Wertezuteilung (David Easton) viel effizienter funktioniert. Man könnte daher argumentieren, dass die binäre Grundstruktur der Digitaltechnik die Problemlösungskapazität und Codes von Autokratien tendenziell stabilisiert – was in bemerkenswertem Widerspruch zur Systemtheorie steht, die ja davon ausgeht, dass sich autoritäre Systeme nicht an ihre systemische Umwelt anpassen können und irgendwann kollabieren. Es ist ja viel leichter, eine Gesellschaft über mathematische Ordnungsrelationen (etwa durch Scores) zu normen als durch Repressionen.

Aber auch unter dem Datenregime der GAFA (Google, Amazon, Facebook, Apple) findet eine Vermassung, Konfektionierung und Objektivierung von Subjekten statt, die wir als solche nicht wahrnehmen, weil wir von den digitalen Dienern ständig als Individuum angesprochen werden. Das aber ist bloß ein Simulakrum, eine Finte politischer Simulationen, in denen wir ohnehin schon vorab berechnet werden und alles determiniert ist. Die Datenuniform von der Stange, die man im Netz übergestülpt bekommt, ist letztlich überall gleich – wie auch die Macht- und Herrschaftstechnik der datifizierten Steuerung.

Die Frage ist, ob sich der Wettbewerb der politischen und wirtschaftlichen Systeme – Demokratie versus Autokratie, Planwirtschaft versus Marktwirtschaft – dereinst in den Daten auflöst. Ob man als Datenprimat in einem „behavioristischen Großgehege“ (Harald Welzer) oder als total überwachter Bürger in einem Datengefängnis in China lebt, könnte am Endpunkt dieser Systemkonvergenz kaum noch einen Unterschied machen. Es bleibt zu hoffen, dass die Apple-Werbung Fiktion bleibt – und Freiheit auch in einer Welt der Daten überlebt.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick