Riedls Dax-Radar: Gefährlicher Krisenmix an den Weltbörsen
Weltweite Krisen, steigende Rohöl-Preise und Zinsen drücken den Dax. Adidas und SAP geben Lichtblicke.
Foto: imago images, Collage: Marcel ReyleDer Run auf Staatsanleihen nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober dauerte nur drei Tage. Die Renditen zehnjähriger amerikanischer Staatspapiere gingen dabei von 4,8 auf 4,5 Prozent nach unten, weil US-Bonds in der Regel als sicherer Hafen gelten und zugleich Hoffnungen aufkamen, die Notenbank Fed könnte angesichts der neuen Risiken mit weiteren Zinsstraffungen zurückhaltender sein. Den Aktienbörsen, die schon kurz zuvor wieder Tritt gefasst hatten, verhalf dies zu einer kleinen Zwischenerholung. Doch schneller als erwartet hat sich der Wind gedreht – und an den Märkten ist ein gefährlicher Krisenmix entstanden.
Vor allem hat sich die Hoffnung auf ein Ende der Zinserhöhungen in Luft aufgelöst. Die Radikalität des Konflikts im Nahen Osten birgt dabei gleich mehrere Risiken: Steigende Ölpreise, neue finanzielle Belastungen durch notwendige Unterstützungen der Amerikaner, geopolitische Reibungen für die internationale Staatenwelt, die durch den Krieg in der Ukraine und dem schwierigen Verhältnis westlicher Industrieländer zu China ohnehin angespannt ist.
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Dabei sind die aktuellen Inflationsraten – darauf hat gerade wieder die amerikanische Notenbank hingewiesen – nach wie vor weit von den angestrebten zwei Prozent entfernt. Auch wenn Fed-Chef Jerome Powell die Geldpolitik von der aktuellen Datenlage abhängig macht, hält er die Tür für weitere Zinserhöhungen offen. Dazu läuft die Bilanzreduzierung der Fed, mit der die Notenbank derzeit monatlich 95 Milliarden Dollar aus dem Markt nimmt.
Kein Wunder, dass für Anleihen der Pessimismus wächst. Das alte Verhältnis, bei dem die Fed strenger als die Erwartungen der Märkte war, hat sich umgekehrt: Obwohl Powell bei der nächsten Notenbanksitzung im November mit den Erhöhungen zum zweiten Mal hintereinander pausieren könnte, regiert unter Bondinvestoren die Angst: Mit bis zu 4,998 Prozent touchierte die zehnjährige US-Rendite, das wichtigste Barometer der weltweiten Kapitalmärkte, am 19. Oktober im späten Handel zum ersten Mal seit Juni 2007 praktisch wieder die Marke von fünf Prozent. Für zehnjährige Bundesanleihen, Benchmark der europäischen Bondmärkte, ging es am 19. Oktober im frühen Handel bis auf 2,957 Prozent nach oben.
Und so schnell dürfte die Stimmung der Investoren nicht drehen. Sorgen bereitet vor allem der Ölpreis. Der hat zwar in den ersten Tagen nach dem Hamas-Überfall kaum reagiert, ist aber seit 12. Oktober dann von 85 auf 94 Dollar für die Nordseesorte Brent gestiegen. Die Entspannung an den Ölmärkten, die von Ende September bis Anfang Oktober eingesetzt hatte, ist damit fast wieder komplett dahin. Bei einer Verschärfung der Krise im Nahen Osten könnten die Ölnotierungen, ähnlich wie im Herbst 2022, schnell in Richtung 100 Dollar klettern.
Adidas kommt, SAP läuft, Sartorius enttäuscht
Dabei kommen derzeit von den Unternehmen selbst durchaus Lichtblicke. Sportartikler Adidas etwa, der in den vergangenen Jahren wegen zäher Geschäfte in China, dem teuren Rückzug aus Russland sowie Problemen mit seinem ehemaligen Partner Kanye West schwer unter Druck geraten war, kann sich schrittweise von seinen finanziellen Altlasten lösen. Die operative Erholung kommt voran, die Prognosen werden ein Stück heraufgesetzt. Für die Aktie ist es nun wichtig, kurzfristig den Kursbereich 160 bis 170 Euro zu verteidigen. Wenn das in den nächsten Wochen gelingt, könnte es dann bis Jahresende in Richtung 200 Euro gehen.
Positive Nachrichten auch von Technikkonzern SAP, mit 146 Milliarden Euro Börsenwert schwerste Aktie im Dax. Die Wachstumsraten im Cloudgeschäft sind zweistellig, die Gewinnmargen nachhaltig. Dank eines wahrscheinlich guten Geschäfts im vierten Quartal könnte der Cloudumsatz in diesem Jahr um 22 bis 23 Prozent zulegen. Insgesamt, inklusive klassischem Softwaregeschäft, wäre in diesem Jahr dann ein organisches Wachstum von sechs bis acht Prozent realistisch.
Mit einem schnellen Kursanstieg honorieren die Märkte die guten Meldungen von SAP. Mehrmals schon seit Mai konnte die Aktie damit die wichtige Untergrenze um 120 Euro verteidigen; aktuell verläuft hier auch die 200-Tagelinie, die den Notierungen zusätzlichen Rückhalt gibt. SAP gehört zu den wenigen Aktien im Dax, bei denen die seit Herbst 2022 anhaltende Aufwärtsbewegung noch intakt ist.
In einer allgemeinen Schwankungsphase des Marktes sollte sich SAP erst einmal weiterhin zwischen 120 und 130 Euro halten. Ein nachhaltiges Überschreiten der 130er-Marke wäre ein starkes Kaufsignal – auf diesem Niveau lagen 2020 und 2021 wichtige Hochpunkte. Ein Rutsch unter 120 Euro dagegen wäre ein negatives Signal, das eigentlich nicht zum vorgelegten guten Jahresausblick passen würde.
Eine herbe Enttäuschung gab es abermals bei Labor- und Pharmazulieferer Sartorius. In den ersten neun Monaten brach der Nettogewinn um 45 Prozent auf 274 Millionen Euro ein. Die Erholung des Biopharmamarktes kommt nicht wie geplant voran, vor allem in China ist die Nachfrage ungewöhnlich schwach. Angesichts der kurz- bis mittelfristig trüben Aussichten hilft es der Aktie wenig, dass Sartorius an seinen langfristigen Zielen festhält.
Sartorius ist mit seiner schwachen Entwicklung derzeit nicht allein. Im Dax hat die Aktie des Biotechzulieferers Qiagen schon Anfang September mit dem Absacken unter die 40-Euro-Marke ein Verkaufssignal gegeben. Ob die Quartalszahlen von Qiagen, die für den 30. Oktober angesetzt sind, die Stimmung aufhellen können, bleibt abzuwarten. Breit aufgestellte Unternehmen der Branche wie die Schweizer Beteiligungsgesellschaft BB Biotech entwickeln sich seit Monaten enttäuschend an der Börse, der weltweit wichtige Branchenindex Nyse Arca Biotech hat gefährlich nach unten gedreht; beides signalisiert nichts Gutes.
Coronagewinner angeschlagen
Besonders auffällig ist, dass alle ehemaligen Coronagewinner – zu denen Sartorius und Qiagen ebenfalls gehören – kurstechnisch angeschlagen sind: Das gilt für die Impfstoffprotagonisten Biontech, Curevac oder Moderna genauso wie für den größten Coronagewinner überhaupt, den US-Biopharmakonzern Pfizer. Überdurchschnittlich stark unter den weltweiten Pharmaaktien ist derzeit ausgerechnet die Schweizer Novartis, die in Sachen Coronageschäfte sehr zurückhaltend war.
Fazit für den Dax: Bei seiner Zwischenerholung kam der Dax wie befürchtet nur bis in den Bereich um 15.500 Punkte voran und drehte hier wieder nach unten ab. Das ist ein negatives Szenario, das mit dem jüngsten Rutsch unter die Marke von 15.000 bestätigt wird.
Dem Dax gelingt es derzeit nicht mehr, die vielfältigen Belastungen wegzustecken: die weiter drückenden Inflationsgefahren und Preissteigerungen, die restriktiven Maßnahmen der Notenbanken, das Risiko der wackligen Konjunktur, sowie möglichen Folgen der geopolitischen Konflikte.
Nur neun Dax-Aktien oberhalb der 200-Tagelinie
Nur noch bei neun der 40 Dax-Aktien (vice versa sind 78 Prozent angeschlagen) verlaufen die aktuellen Notierungen noch oberhalb der 200-Tagelinie. Neben SAP und Adidas sind das:
- die Versicherer Allianz, Münchener und Hannover Rück, die angesichts wachsender allgemeiner Risiken von der Nachfrage nach Absicherung profitieren;
- Konsumchemiker Beiersdorf, seit Jahrzehnten defensiver Klassiker mit stabilem Geschäft und stocksolider Bilanz;
- Waffenhersteller Rheinmetall, der angesichts der weltweiten Aufrüstung deutlich zweistellige Wachstumsraten erzielt;
- Zement- und Baustoffkonzern HeidelbergMaterials, der von der staatlich angeschobenen Nachfrage nach Infrastrukturprojekten profitiert und sich in einer vielversprechenden Transformation in Richtung Nachhaltigkeit befindet;
- sowie Kunststoffchemiker Covestro, der in Übernahmegesprächen mit dem Öl- und Energiekonzern Adnoc aus Abu Dhabi steht.
Der Dax selbst hat nach klassischer Interpretation von April bis September 2023 eine obere Wendeformation abgeschlossen und im September mit einem Rutsch unter die wichtige Zone bei 15.500 Punkten mit einem Verkaufssignal bestätigt. Theoretisch könnte das nächste Ziel damit im Bereich um 14.700 liegen, dem Niveau des Tiefs vom März 2023. Ob sich hier dann eine Gelegenheit zum antizyklischen Einstieg ergibt, ist angesichts des mehrschichtigen Krisenmix eine heikle Frage; im Zweifel dürfte bis auf weiteres eher Vorsicht angebracht sein. Entscheidend wird dabei sein, ob die Anleihemärkte bis dahin tief genug gesunken sind, um im Zuge einer Erholung dann auch bei den Zinsen wieder grünes Licht zu geben.
Dass derzeit selbst die Aktie der Deutschen Börse AG, die im dritten Quartal abermals gut verdient hat, die Prognosen heraufsetzt und normalerweise in wackligen Zeiten für Werterhalt steht, zuletzt auf das tiefste Niveau seit neun Monaten abgerutscht ist, stimmt nicht gerade optimistisch.
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