Zukunft der Raumfahrt: „Wir brauchen eine atomare Nachrüstung in Europa“
Eine Falcon-Rakete startet mit militärischer Fracht von der Cape-Canaveral-Space-Force-Station in Cape Canaveral, Florida.
Foto: REUTERSWirtschaftsWoche: Herr Jarzombek. Sie waren unter Angela Merkel Raumfahrtbeauftragter der Bundesregierung. Seitdem ist der Abstand Europas und Deutschlands zu den USA und zu China hier eher gewachsen. Was muss die nächste Bundesregierung anpacken, damit sich das ändert?
Thomas Jarzombek: Was Europa braucht, ist erstens mehr Ambition und zweitens mehr Wettbewerb. Man schaue sich die bemannte Raumfahrt an: Die USA beherrschen sie, Russland beherrscht sie, China beherrscht sie, Indien beherrscht sie. Europa aber beherrscht sie nicht und hat noch nicht einmal die Ambition dazu. Das können wir uns auf Dauer nicht leisten. Der Weltraum wird künftig ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor sein.
Ist Privatisierung, wie es die USA vorgemacht haben, dabei der richtige Weg?
Wir sehen ja bei deutschen Raketen-Start-ups wie Isar Aerospace und Rocket Factory, welche Dynamik entsteht, wenn es Wettbewerb gibt. Das Gegenteil sehen wir beim europäischen Satelliteninternetprojekt Iris²: Das Projekt wird immer teurer und kommt schleppend voran. Die Entscheidung von Italiens Giorgia Meloni mit Elon Musks Starlink zu kooperieren, ist ein Resultat daraus und ein Misstrauensvotum gegenüber Iris².
Thomas Jarzombek
Foto: dpa Picture-AllianceAn Elon Musk kommt im All derzeit keiner vorbei. Allerdings radikalisiert er sich im Moment immer stärker, spielt seine Macht aus.
Schon zu Beginn des Ukrainekrieges haben wir gesehen, dass Elon Musk über Starlink entscheiden kann, ob die Drohnen von dem einen wie von dem anderen Land fliegen können oder nicht. Das heißt, er hat einen unheimlichen Einfluss aufs Kriegsgeschehen. Und da hat man seine politische Ambition noch gar nicht gekannt. Es ist nicht gut, wenn wir uns von einer Einzelperson, die vielleicht auch noch so erratisch agiert wie Musk, abhängig machen. Deshalb müssen wir aufholen. Deshalb müssen wir in Europa auch ein eigenes Satellitenkommunikationsnetz haben. Ich glaube, das deutsche Modell mit Mittelstand und Wettbewerb zeigt, wie man leistungsfähige Firmen hervorbringt – auch in der Raumfahrt.
Schauen wir uns die Bundeswehr an, deren Aufklärungssatelliten sind fast alle kaputt. Muss mehr Geld im Rüstungsbereich in Richtung europäische Raumfahrt fließen?
Davon bin ich überzeugt. Und das betrifft nicht nur den Weltraum, sondern auch Bereiche wie Drohnen und den Eurofighter. Von den 100 Milliarden Sondervermögen für die Bundeswehr fast alles jetzt an US-Unternehmen weiterzureichen, das finde ich ehrlich gesagt eine unterkomplexe Herangehensweise. Ich verstehe die Not, schnell zu Ergebnissen zu kommen. Da sind Komponenten aus dem Regal der Amerikaner einfacher zu bekommen, als selber Dinge zu entwickeln. Aber gerade bei für die Souveränität relevanten Technologien wie Drohnen und Raumfahrt muss man diese militärischen Budgets nutzen. Da gibt es zum Beispiel das Stichwort Responsive Space.
Was ist das?
In dem Moment, in dem meine Satelliten kompromittiert werden, gibt es hierzulande irrwitzige Ausfälle. Darum brauchen wir eine Schnellstartfähigkeit, bei der wir in 24 Stunden einen neuen Satelliten launchen können.
Und wie würden wir die bekommen?
Die können unsere Start-ups liefern, aber auch Ariane. Mit der M51 existiert ja bereits eine jederzeit sofort startfähige Feststoffrakete, mit der man das könnte. Also da besitzt Ariane schon die Technologien
Die M51 ist jene Trägerrakete, mit der Frankreich strategische Atombomben von seinen U-Booten starten kann.
Das steht dem kommerziellen Erfolg der Ariane sicher manchmal im Weg. Aber wir als Deutschland haben bei Ariane in den vergangenen Jahren ordentlich Geld auf den Tisch gelegt. Denkbar ist eine solche Lösung also.
Dazu müsste sich Deutschland aber auch stärker am französischen Atomwaffenprogramm beteiligen.
Es würde auf jeden Fall Sinn ergeben, wenn sich Deutschland hier mehr beteiligt. Ich teile die Meinung der Wirtschaftsweisen Veronika Grimm: Wir brauchen eine atomare Nachrüstung in Europa.
Gibt es in der CDU Diskussionsbereitschaft zu einer stärkeren Beteiligung am französischen Atomwaffenprogramm?
Das ist natürlich kein schönes Szenario. Aber wir steigen jetzt in die Ära Trump ein. Ich glaube, die Notwendigkeit, dass wir souveräner werden, dürfte in den nächsten Jahren wachsen. Und wenn man so eine Technologie schon hat, sollte man sie nicht verkümmern lassen.
Auch bei der bemannten Raumfahrt nimmt Deutschland sich eher zurück, überlässt anderen Nationen im ESA-Programm den Vortritt. Haben Sie eine Erklärung für diese Zurückhaltung?
Wahrscheinlich hängt das auch mit unserer Geschichte zusammen, dem Zweiten Weltkrieg und der V2-Rakete. Das war natürlich eine sehr dunkle Phase. Danach sind die ganzen Top-Experten und Top-Talente von den Alliierten abgezogen worden. Doch wenn man heute auf die Launcher-Start-ups schaut, das Cluster in Bayern, da sitzen nun eine Menge toller neuer Talente. Und da sind private Investoren. Es sind alle Ingredienzien vorhanden, um daraus was Gutes zu bauen.
Und die Gefahr, dass die Technologie bald in die USA abwandert: Wenn Unternehmen dort ihre Satelliten launchen wollen, müssen sie alle Spezifikationen offenlegen. Ist das in einer Ära Trump noch akzeptabel?
Ich fand das schon in der Vergangenheit schwierig und glaube, das ist etwas, das für die deutschen Launcher-Firmen spricht. Sie werden eine Menge kommerzielle Aufträge generieren und das ist natürlich ein großer Vorteil. Aber ganz ohne staatliche Aufträge wird es auch nicht gehen. Die müssen wir bereitstellen. Sonst ist die Gefahr groß, dass da plötzlich amerikanische Anteilseigner drinsitzen und diese Unternehmen auf einmal amerikanische sind.
Viele junge Raumfahrtunternehmen hoffen, dass die Verantwortlichkeit für Raumfahrt künftig im Kanzleramt sitzt und nicht mehr in einem der Ministerien. Ist das denkbar?
Ich würde erstmal sagen, eher nicht. Wir haben das ja beim Thema Digitalisierung vor sieben Jahren schon versucht und es hat nicht gut funktioniert. Ich schätze Dorothee Bär und glaube nicht, dass es an ihr gelegen hat. Am Ende lassen sich die einzelnen Bundesministerien einfach nicht so sehr davon beeindrucken, dass da noch irgendwer im Kanzleramt sitzt.
Also ist es womöglich sogar besser, wenn der oder die Raumfahrtbeauftragte einem Ministerium angeschlossen ist?
Ich finde ja. Von der Struktur her war das in Ordnung. Und es ist ja nicht so, dass die Luft- und Raumfahrt-Koordinatorin nur Koordinatorin des Ministeriums ist, sondern der gesamten Bundesregierung. Und ja, sicherlich kann auch an der einen oder anderen Stelle mal ein Machtwort aus dem Kanzleramt helfen. Dafür brauche ich aber keine eigene Raumfahrttruppe dort.
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