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Start-up-Szene Dringend gesucht: Techie (weiblich)

Die Gründerinnen Vivien Dollinger, Lisa-Marie Fassl und Naja von Schmude. Quelle: PR

In Start-ups, die an autonomen Autos, Robotern oder unzähligen Zeilen Code arbeiten, sind Gründerinnen besonders rar. Dabei birgt Diversität Vorteile im Wettbewerb – und im Start-up-Alltag.

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Vivien Dollingers Freude war riesig: Endlich las sie mal die Bewerbung einer Frau. Und dann auch noch um einen Job als Entwicklerin in ihrem Tech-Start-up ObjectBox. Alles andere als Alltag bei dem Unternehmen, das eine Datenbank für App-Entwickler betreibt. In der Firmengeschichte war es die erste und bislang einzige Bewerbung einer Frau um eine Tech-Stelle. Und ObjectBox gibt es immerhin schon seit 2015. Der anfänglichen Freude folgte allerdings eine Absage: Es war leider kein „Match“, sagt Mitgründerin Dollinger heute.

Der Bewerberinnenmangel bei ObjectBox steht stellvertretend für die stark männerdominierte Start-up-Welt. 2019 lag der Gründerinnenanteil in Deutschland laut KfW bei 36 Prozent. Gerade in Deeptech-Start-ups, also Unternehmen, die ihr Geschäft auf jahrelanger Forschung und komplexen Technologien aufbauen, wirken Frauen besonders selten mit. „In Studienrichtungen wie Naturwissenschaften, Ingenieurswissenschaften oder Maschinenbau sind Frauen stark unterrepräsentiert. Das limitiert das Potenzial an Deeptech-Gründerinnen enorm“, sagt etwa Lisa-Marie Fassl, Mitgründerin und Chefin der Female Founders, einem europäischen Netzwerk für Gründerinnen, zu dem auch ein eigener Accelerator gehört. Dass es für Frauen deutlich härter sei, in den digitalen Sektor hineinzukommen, sagte auch Helena Dalli, die EU-Kommissarin für Gleichstellung, jüngst bei einem Event, das die WirtschaftsWoche mitveranstaltete. Nur gut 16 Prozent der europäischen Spezialistinnen und Spezialisten für Informations- und Kommunikationstechnik seien weiblich.

Was auf dem Papier überhaupt nicht zeitgemäß aussieht, kann für Unternehmen schnell zur existenziellen Bedrohung werden: Die Unternehmensberatung McKinsey kam im vergangenen Jahr in einer Studie zu dem Ergebnis, dass Unternehmen mit hoher Gender-Diversität eine „signifikant größere Wahrscheinlichkeit“ haben, überdurchschnittlich profitabel zu sein. Und zwar um 25 Prozent. Umso gefährlicher wird es für eine Start-up-Szene, und damit für einen gesamten Standort, wenn sich bei der Vielfalt in den aufstrebenden und hochtechnologischen Jungunternehmen nicht mehr tut.

Viel mehr als nur Quote

Als Co-Gründerin kennt Vivien Dollinger die Vorzüge ihres gemischten Gründerteams vor allem aus dem Tagesgeschäft. Etwa bei der Kommunikation. Ihr sei besonders wichtig, dass jeder gehört werde. Gerade eher introvertierte Kollegen, die vielleicht viel lieber programmieren, als in Meetings Reden zu schwingen. Äußert sich jemand in Diskussionen nicht, wird bei ObjectBox nachgehakt: „Möchtest Du noch etwas dazu sagen?“ Dollinger glaubt, Frauen „achten häufiger darauf, dass nicht nur die lautesten Stimmen gehört werden.“ Das kommt auch bei den Männern im Team gut an.

Diese offene Kommunikation ist fester Teil der Unternehmenskultur, seit Dollinger an einem zweiwöchigen Workshop in den USA zu „Female Leadership“ teilgenommen hat – Coachings in Kommunikation und Auftreten inklusive. Bei solchen Workshops herrscht eine „ganz andere Gruppendynamik“ berichtet die Gründerin. Sie hat das Gefühl, dass Frauen untereinander offener sind.
Im Gründerteam sind die Aufgaben übrigens klar verteilt. Beinahe klassisch: Zwar hat Dollinger einen technischen Hintergrund. Doch das „Mastermind“ hinter ObjectBox sei ihr Mitgründer und Mann Markus Junginger – der Techie. Dollinger übernimmt das Geschäftliche.

Tatsächlich finden sich in der Deeptech-Szene unter den diversen Gründerteams viele solcher Konstruktionen: Während die männlichen Gründer häufig an der Universität forschen, stoßen Mitgründerinnen mit einem BWL-Hintergrund dazu und komplettieren in vielen Fällen das gemischte Gründerteam. Das klingt zwar nach alten Stereotypen. Doch die Diversität kann hier tatsächlich Ideen und Forschungsprojekte aus der Versenkung heben. Womöglich würden sich die Techies nie entschließen zu gründen. Auch ohne die unternehmerische Sicht von Vivien Dollinger hätte es Objectbox als Unternehmen nicht gegeben.

Dass sie mit ihrem Werdegang eine Ausnahme in der Deeptech- und Start-up-Szene ist, weiß auch Naja von Schmude. Und sie findet es „wahnsinnig schade“. Die studierte Informatikerin gründete mit zwei Männern Peregrine Technologies. Die KI-basierte Software soll den Verkehr sicherer machen. Vor allem wenn in einigen Jahren selbstfahrende Autos auf die Straßen kommen. Von Schmude und ihre Mitgründer stammen aus der Forschung, kennen sich teilweise aus der Uni. Klingt klassisch. Doch im Management ist bei Peregrine einiges anders als beim Rest. Von Schmude, die bei Bosch an Robotik und Technik für autonome Fahrzeuge arbeitete, ist die Technikchefin. Ihre Mitgründer hingegen haben als Geschäftsführer und Produktchef nicht mehr ganz so viel mit der Technologie zu tun wie sie. Und die verhältnismäßig gute Frauenquote im Unternehmen (5 von 14) begründet die Unternehmerin auch mit ihrem Auftritt als Techie vom Dienst. So sehe das Unternehmen nicht nach „klassischer Männer-Firma“ aus.

„Wo sind die Vorbilder?“

Dass sie im Beruf etwas Technisches wie Informatik machen möchte, war von Schmude schon in der Oberstufe klar. Unter anderem weil es ihr so vorgelebt wurde: Ihre Mutter arbeitete in verschiedenen Positionen in der IT-Branche. Sie zeigte ihr, dass Frauen in dem Bereich Karriere machen können.

An ähnliche Beispiele muss auch Angelika Gifford gedacht haben, als sie bei dem Event „Europe 2021“ fragte: „Wo sind die Vorbilder?“ Wir müssten traditionelle Denkweisen in der IT-Branche aufbrechen, so Facebooks Chefin fürs Geschäft in Zentraleuropa. Wann immer sie mit jungen Frauen an einer Universität oder sogar noch an der Schule spreche, erzählt Gifford, hätten diese ein klares Bild von ITlerinnen und ITlern im Kopf: „Sie hocken nur in der Wohnung, essen Pizza und schreiben den ganzen Tag lang Code.“ Dabei stecke so viel mehr in den technischen Berufen.

Doch gerade die so richtig erfolgreichen Gründer-Vorbilder seien heute noch die „selbstbewussten Männer mit starkem finanziellen Background und einem aus allen Nähten platzenden Terminkalender“, sagt auch Lisa-Marie Fassl von den Female Founders. Das sei für die meisten Frauen, die womöglich gerne gründen würden, kein erstrebenswerter „Lifestyle“.

Ob sich das so schnell ändern wird, ist mehr als fraglich. Fassl argumentiert ebenfalls mit der Sozialisierung: „Auch heute noch werden meist die klassischen Rollenbilder vorgelebt.“ Während Jungen viel besser rechnen, forschen, entdecken und tüfteln können, sollen Mädchen lieber brav und adrett sein. „Solche Unterscheidungen haben einen starken Einfluss auf die spätere Karriereplanung.“ Nur 21,7 Prozent der Studierenden in der Informatik waren vor drei Jahren weiblich, zeigt der Female-Founders-Monitor vom Bundesverband deutscher Start-ups und Google for Start-ups. Seit 1999 ist der Anteil um weniger als fünf Prozentpunkte gestiegen.

Weibliches Kapital

Selbst mit mehr Gründerinnen, Forscherinnen und Mitarbeiterinnen ist es nicht getan. In Gesprächen mit Investoren hat etwa Gründerin von Schmude schnell gemerkt, dass auch die Welt der Investoren und Risikokapitalgeber sehr männlich und sehr weiß sei. Die Teams der noch recht kleinen, deutschen Deeptech-Fonds, die die Kapitalgeber auf ihren Webseiten präsentieren, sind von Männern mit Hemdkragen dominiert.



Da fällt Marie Wennergren schnell auf. Sie ist Partnerin beim Berliner VC-Fonds Fly Ventures, der in hochtechnologische und forschungsintensive Unternehmen investiert. Wennergren und ihre männlichen Kollegen bei Fly geben sich gezielt auf die Suche nach diversen Gründerteams. Im Deeptech kein einfaches Vorhaben: Fly Ventures spricht branchentypisch mit deutlich weniger Gründerinnen als mit Gründern. Das sei ein Problem bei der Suche nach den besten Investments-Cases, sagt Wennergren.

Doch ein noch größeres Problem sei für sie die fehlende Diversität im Team der Risikokapitalgeber: Vorwiegend weiße, von Männern geführte Fonds mit mangelnder Bereitschaft, das Team divers aufzustellen, „investieren ihr Geld häufig in die gleiche gesellschaftliche Gruppe, der sie auch angehören“, sagt die Investorin. Innovationen drohen so auf der Stecke zu bleiben.

Wennergren steht in engem Austausch mit anderen Investorinnen in Deutschland. Als sie zu Fly Ventures kam, organisierte sie Treffen mit anderen Investorinnen aus Berlin. Jeden zweiten Monat. Die Gruppe wuchs von anfangs zehn Investorinnen auf knapp 70. Zwar sind die Treffen coronabedingt gerade nicht möglich. Doch Wennergren beobachtete bei den Treffen gleich mehrere Entwicklungen: Für Risikokapitalgeber sei es wichtiger geworden, Investorinnen ins Team zu holen. Trotzdem hat sie erst „sehr wenige“ Kolleginnen, es gebe noch viel zu tun. Aber immerhin: „Das deutsche Venture-Capital-Ökosystem ist aufgewacht“, sagt Wennergren.

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Diese Entwicklung wird Female-Founders-Gründerin Fassl sicher freuen: Sie beschreibt die Wahrnehmung der Investoren als „häufig verzerrt“. Zielorientierte Frauen würden schnell als verbissen gelten. Männer hingegen als ehrgeizig. Und das ist bekanntlich eine deutlich bessere Voraussetzung für die Unternehmensgründung.

Mehr zum Thema: Deutschland soll ein starkes Gründerland werden. Wir wollen alle Ebenen aktivieren, um kraftvoll eine neue Gründerzeit in ganz Deutschland auszurufen. Den Startpunkt setzt ein digitales Event am 25. Februar.
Die neue WiWo-Titelgeschichte: Die neuen Gründer sind Deutschlands letzte Chance. Jetzt müssen nur noch Politik und Geldgeber mitspielen – sonst droht ihre Abwanderung.

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