Gespräch auf X: Die AfD dürfte trotz Weidels Blamage von dem Gespräch profitieren
Elon Musk sprach live in einem X-Talk mit Alice Weidel
Foto: REUTERSUm 20.15 Uhr weiß Alice Weidel auch nicht mehr weiter. „I don’t know what to continue“, sagt die AfD-Chefin, sie danke Elon Musk deshalb für seine „perfekten letzten Worte“ und das „wundervolle“ Gespräch. Hoffentlich fänden es die Leute hilfreich, verabschiedet sich Musk. Hilfreich?
75 Minuten haben sich Alice Weidel und der Milliardär, Multiunternehmer und Donald-Trump-Berater am Donnerstagabend auf Musks Plattform X (früher Twitter) unterhalten. Der Austausch sollte der bisherige Höhepunkt von Musks Unterstützung für die in Teilen rechtsextreme Partei vor der Bundestagswahl am 23. Februar sein.
„Nur die AfD kann Deutschland retten“, hatte er am 20. Dezember 2024 auf X gepostet, es folgte ein umstrittener Gastbeitrag in der „Welt“, Verunglimpfungen unter anderem von Kanzler Olaf Scholz und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Am Donnerstag nun der Twitter-Talk – in dem sich Weidel selbst zwar blamierte. Aber von dem sie wohl trotzdem profitieren wird.
Über Tage hatte Musk das Gespräch mit der „führenden Kandidatin“ für Deutschland beworben. Doch die ehemalige Goldman-Sachs-Managerin und AfD-Chefin wirkt nicht nur sprachlich bemerkenswert unvorbereitet. Als Musk sie etwa gleich zu Beginn bittet, sich und ihre Partei vorzustellen, stolpert Weidel durch ihre Kritik: von Angela Merkel zur Ampel-Koalition, vom Gendern in der Schule zur Energiepolitik, die auf Wind- und Solarkraft setzt. Die Zustände seien „unbelievable“, schimpft Weidel – doch schon nach dreieinhalb Minuten unterbricht sie Musk.
Er sei ja ein „großer Fan“ von Solarenergie, merkt der Unternehmer an. Im AfD-Wahlprogramm wird hingegen „Umweltschutz statt Wind- und Solarausbau“ gefordert. Aber an Inhalten ist Musk offensichtlich nicht interessiert. Unbelievable? Es kommt noch schlimmer.
Geschichtsrevisionismus als Live-Stream
Als Musk Weidel auf die Vorwürfe des Rechtsextremismus anspricht, freut sie sich freilich über die Vorlage. Hitler sei Sozialist, ja Kommunist gewesen, erklärt sie, also das Gegenteil von rechts. Die AfD sei deshalb wiederum das Gegenteil von Hitler. Geschichtsrevisionismus als Live-Stream.
Komplett blank steht Weidel beim Thema Israel da. Da müsse sie Musk nun enttäuschen, da habe sie auch keine Lösung parat, erklärt die AfD-Chefin auf seine Frage hin. Musk versucht es noch einmal. Ob sie zum Existenzrecht Israels stehe? „Ach so“, sagt Weidel erleichtert, „yes“. Und sowieso könne nur die AfD die Juden in Deutschland schützen. Musk hat die Antwort, die er mit seinen rund 212 Millionen Followern teilen kann.
Das sieht der Zentralrat der Juden in Deutschland und das American Jewish Committee Berlin (AJC) allerdings anders. Die AfD gefährde die Demokratie, sie sei eine „völkisch-rechtsextreme“, „antiwestliche“ Partei mit einer „ganz offensichtlichen antisemitischen Ideologie“, warnten sie vor den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen im vergangenen September.
Weidel ist sichtlich erleichtert, als sie dran ist mit Fragen an Musk. Zum Mars, zum Universum und ob es einen Gott gibt. Musk redet, Weidel staunt: „Wow.“
Es ist kein Austausch auf Augenhöhe, aber darum ging es selbstverständlich auch nicht – sondern um eine Inszenierung von vermeintlicher Harmlosigkeit, während Grenzen getestet und Geschichte verdreht wird. Nichts Empörendes sei vorgeschlagen worden, bilanziert Musk, nur „common sense“. Weidel sei „eine sehr vernünftige Person“, er spreche sich deutlich für eine Wahl der AfD aus, nur sie könne Deutschland retten: „End of Story.“
Zwar hörten in den 75 Minuten nur um die 200.000 Nutzer auf X zu, zwar wurde Weidels Auftritt auf der Plattform vielfach als „Gestammel“ bezeichnet, doch Musk und Weidel haben das Ziel ihres Gesprächs erreicht: dass ihre Story damit eben noch nicht zu Ende ist.
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