Facebook und X: „Wir könnten die Gamification von Fake News erleben“
Während Deutschland zwischen den Jahren schon aufgeregt über Elon Musks Aufruf zur AfD-Wahl streitet, wirken diese beiden Herren noch ganz idyllisch: Die Kanzlerkandidaten Olaf Scholz und Friedrich Merz, gemeinsam unter dem Baum, lachend, innig und in rotem Weihnachtspulli. Ein perfektes Bild, natürlich Fake, natürlich Satire, aber täuschend echt.
Es gibt andere Beispiele. Wer der neuen Künstlichen Intelligenz (KI) Grok von Elon Musk befiehlt: Zeige mir Olaf Scholz mit einer AfD-Armbinde, bekommt genau das. Markus Söder mit einer MAGA-Kappe? Kein Problem. Annalena Baerbock auf einer linksradikalen Demo: Los geht’s. Die Verhetzung, die Täuschung sind nur noch wenige Klicks entfernt. Im Gegensatz zu Konkurrenten wie ChatGPT folgt Grok kaum ethischen Leitplanken und besitzt trotzdem enorme Rechenleistung. Die KI zeigt, was immer ein User sich ausdenkt und lädt auch gleich zum Teilen auf X ein. Gerade im Wahlkampf, so macht es den Eindruck, sollte man im Internet also besser nichts mehr glauben. Zumal Meta-Gründer Mark Zuckerberg gerade beginnt, unabhängigen Faktencheck-Organisationen in den USA den Stecker zu ziehen. Und X-Chef Elon Musk den politischen Weg in den Rechtsextremismus eingeschlagen hat.
Auch Expertinnen sehen große Veränderungen auf die Sozialen Netzwerke zurollen. “Generative KI vereinfacht die Erstellung von falschen Inhalten wesentlich und macht daher eine Schwämme an Desinformationen in den Sozialen Medien wahrscheinlicher“, sagt Viorela Dan von der Universität Innsbruck, die seit Jahren als Expertin zum Thema Desinformation forscht.
In einer neuen, bisher unveröffentlichten Studie beschreibt die Wissenschaftlerin, wie einfach Menschen sich online blenden lassen. Demnach komme es weniger auf die Qualität, als auf die Masse gefälschter Videos an, erklärt sie. „Wir haben herausgefunden, dass gefälschte Videos, die einen Sex-, Korruptions- oder Vorurteilsskandal suggerieren - nicht aber reine Textfälschungen - einem unschuldigen Politiker erheblichen Reputationsschaden zufügten, unabhängig davon ob die zugrunde liegende Technik 'cheap' oder 'deep' war“, heißt es in der Studie.
Übersetzt heißt das: Selbst offensichtliche Fake-Videos können die Debatte maßgeblich beeinflussen.
Denn, wenn sie in der Masse auftreten, entsteht eine Art Chor-Effekt: Wenn man einen Fake nur immer und immer wieder sieht, bleibt das Gefühl hängen, irgendetwas stimme nicht. Zumal die Quellen für die Inhalte oft Freundinnen und Familie sind - etwa über Whatsapp.
Bitter dabei: Die Studie von Dan zeigt, dass journalistische Faktenchecks den Reputationsschaden von Fake-Bildern und Videos erheblich vermindern oder sogar beseitigen können. Genau jene Faktenchecks also, auf die Mark Zuckerberg jetzt verzichten will.
Generell, so sagt auch Dan, tragen Plattformen wie Facebook und X eine Hauptverantwortung für die Verbreitung von Falschinhalten. Der Fehler liegt sozusagen im System, welches virale Bilder und Videos deutlich stärker belohnt als Fakten. Dabei sind die wirtschaftlichen Schäden, die Falschinformationen verursachen weltweit immens.
Dazu kommt das spielerische Element von KI, weil es eben Spaß macht, per einfachem Kommando möglich knallige falsche Bilder zu erschaffen und zu teilen. „Wir könnten so etwas wie die Gamification der Verbreitung von Fake News erleben“, sagt Forscherin Dan im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. Das macht sich nicht nur bei Privatpersonen, sondern auch in de Medienindustrie bemerkbar, wo die Erstellung von künstlichen Inhalten mittlerweile zum Alltag gehört.
Gleichzeitig driften Plattformen wie X dank klarer politischer Präferenzen ihrer Macher immer weiter nach rechts. Das Gespräch zwischen Elon Musk und AfD-Politikerin Alice Weidel (AfD) am Donnerstag ist der beste Beweis dafür. Gesellt sich dazu dann noch eine Schwemme an neuen Falschinhalten und das Ende unabhängiger Faktencheckprogramme, werden sich die Plattformen wohl schon bald gänzlich in realitätsfremde Echokammern verwandelt haben.
Lesen Sie auch: Ich war Faktenchecker und das denke ich über Mark Zuckerberg