Karriereleiter: 5 Rhetorik-Kniffe lernen – ausgerechnet von Karl Lauterbach
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach öffnet in Talkshows seinen rhetorischen Werkzeugkoffer.
Foto: imago imagesWird Deutschland bald zum Kifferparadies? Um seine Pläne zur Liberalisierung der Cannabis-Politik zu erläutern und zu rechtfertigen, tingelt Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach in diesen Tagen durch die Talkshows im linearen und gestreamten Programm. Und öffnet dabei seinen rhetorischen Werkzeugkoffer. Einiges davon ist durchaus nachahmenswert.
1. Die Gegenseite loben, um sich selbst zu stärken
„Ich schätze Ihre Arbeit sehr…“ Wer so etwas hört, sollte sich besser festen Halt suchen. Denn: Wenn Sie in Diskussionen darlegen, wie sehr und warum Sie Ihre Kontrahenten, deren Arbeit und deren Expertise schätzen, zeigen Sie,
a. dass Sie es dank Ihres eigenen starken Argumentationskonstrukts nicht nötig haben, die anderen als schwache Gesprächspartner zu diskreditieren,
machen Sie
b. die Gegenseite dank des verabreichten Zuckerbrots resilienter gegen die dann folgenden Peitschenschläge,
und ebnen Sie
c. den Weg für einen umso überzeugenderen Konter: Dadurch dass Sie die generelle Kompetenz der Gegenseite anerkennen und sogar unterstreichen, wirkt es umso glaubwürdiger, und sind Sie deshalb rhetorisch umso schlagkräftiger, wenn Sie im zur Diskussion stehenden Punkt vehement widersprechen. Lauterbach ist darin rhetorisch sehr stark. Ich möchte schon von „lauterbachen“ sprechen, wenn der Gesundheitsminister (wie zu Suchtexperte Rainer Thomasius) sagt: „Ich schätze Ihre Arbeit sehr und ich glaube, dass Sie sehr engagiert sind, aber…“
So. Auf diese Weise kann Lauterbach und könnten in vergleichbaren Fällen auch Sie Ihrem Gegenüber 100-prozentige Ahnungslosigkeit vorhalten (bei allem Respekt, den Sie ja schon bekundet haben). Lauterbach weiter: „…Sie rutschen dann in die Räuberpistole, jetzt komme das amerikanische System hierhin. Das ist nicht geplant.“ Bäng! Der andere Experte ist also nach Ansicht Lauterbachs völlig falsch informiert. Das sitzt. Aber war glaubwürdig, weil respektvoll eingeflogen. Und: Kein Hauch von Arroganz zu spüren. Wegen des netten Vorspiels.
Gerade den dominanten Gesprächspartnern unter uns, die dazu neigen, die Gegenseite schnell mal abzubügeln, sei diese Form empfohlen: Zeigen Sie vorab, dass Sie in der Sache hart sind, weil Ihr Gegenüber dem Ihrer Erfahrung nach gewachsen ist. Kompliment!
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2. Die rhetorischen Kniffe der anderen feinsäuberlich aufdecken
Sie fühlen sich in Diskussionen abgewürgt, werden ständig unterbrochen und mit Argumenten vollgeballert, ohne dass sich jemand mit Ihren wirklich auseinandersetzen möchte? Lauterbach schätzt als Wissenschaftler offenbar auch den geduldigen, gelassenen Austausch von Standpunkten. Und vor allem: Er macht das deutlich. Das könnten Sie auch mal tun.
Bei Markus Lanz am 27. April hat Karl Lauterbach bei einer Cannabis-Diskussion klar aufgezeigt, was er davon hält, verbal in die Enge getrieben zu werden. Zu der Kritik daran, Leuten zwischen 18 und 25 den legalen Zugang zu Cannabis zu ermöglichen, sagte der Minister: „All dies könnte ich auch in geringerem Maße über Alkohol sagen.“
Lanz: „Aber Alkohol, das ist kein Argument, Herr Lauterbach. Sorry.“
Lauterbach: „Ja, ich will es aber trotzdem-“
Lanz unterbricht: „Nur weil alle saufen, müssen ja nicht alle kiffen, ne? Also, das ist kein Thema.“
Lauterbach: „Bevor ich das Argument überhaupt bringe, wird schon gesagt: Es gibt hier kein Argument. (…) Das ist rhetorisch eine Minderleistung. (…) Alkohol ist immer ein Zellgift. Wenn ich so argumentiere, dann kann ich auch sagen: Wenn Alkohol ein Zellgift ist, warum ist das denn dann überhaupt erlaubt?(…)“
Lanz: „Ja, ist ja auch eine gute Frage.“
Lauterbach: „Und wenn es eine gute Frage ist, dann war es auch ein gutes Argument.“
Zackbumm. Obenauf. Mit einem Augenzwinkern, aber in der Sache bestimmt.
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Nächstes Beispiel – zur Gegenargument-Tirade. Sie entkräften gerade einen Vorwurf, da werden Sie mit dem nächsten Anwurf unterbrochen.
Lauterbach deckt das auf: „Immer wenn ich ein Argument bringe, mit dem ich versuche, das gebrachte Argument zu entkräften, kommt ein neues Beispiel und dann soll ich dazu argumentieren. Ich möchte mich mal daran abarbeiten.“ Gefolgt von Lob (siehe Punkt 1): „Das ist ja ein guter Punkt.“
Was machen Sie mit einem solchen rhetorischen Kniff deutlich? Antwort: Dass Sie sich inhaltlich gerne messen lassen wollen, aber nicht durch dazwischen geworfene Argumente aus dem Konzept gebracht werden möchten. Bleiben Sie ruhig und erläutern Sie eins nach dem anderen. Egal, wie aufgeregt die Gegenseite austeilt.
Mein Rat: Nicht überziehen und zu viel auf der Meta-Ebene darüber reden, wie geredet wird. Sonst wirken Sie schnell wie ein Lehrmeister oder eine Lehrmeisterin jenseits Ihrer eigentlichen Expertise. Lauterbach hat das in besagter Sendung vielleicht selbst gemerkt, als Lanz plötzlich einwarf: „Wir verlieren uns hier die ganze Zeit in der Semantik, weil die anderen Argumente so furchtbar dünn sind, habe ich den Eindruck.“
Lauterbach grinst: „Nein, das ist...“
Lanz unterbricht: „Doch doch! Das ist übrigens auch ein sehr interessanter rhetorischer Kniff. Habe ich selten gehört so. Kann man mal versuchen.“
Lauterbach (bezieht sich auf Lanz´ Einschätzung zur geringen Belastbarkeit der anderen Argumente): „Das ist sicherlich nicht der Eindruck des Zuschauers, der mir hier wichtiger ist als die Einschätzung des Moderators.“
Ganz beiläufig leistet sich Lauterbach hier noch einen sehr heiklen Anlauf:
3. Das Publikum zum Solidaritätsbekenntnis auffordern
Lauterbach wagt den Versuch, einen Keil zwischen die hunderttausenden von Zuschauenden und den Moderator zu treiben. Das traut sich am besten nur, wer sich seiner inhaltlichen Darbietung sehr sicher ist. Denn so muss sich das Publikum entscheiden, auf welcher Seite es steht. Sagt es „Lauterbach“, hat der Minister es durch ein klares Bekenntnis wohl auch die nächsten Minuten auf der eigenen Seite, denn wer ändert schon gerne ständig seine einmal getroffenen Bekenntnisse von Solidarität? Motto: Einmal Fan, immer Fan. Risiko: Denkt das Publikum aber „Lanz“, dann will es auch danach dem Moderator die Stange halten. Und immerhin ist Lanz der Gastgeber.
Bitten Sie das Publikum nur dann um ein Bekenntnis, wenn Sie spüren, dass es auf Ihrer Seite ist. Entweder, weil Sie die Reaktionen deuten. Oder weil Sie einfach einen genialen Lauf haben. Nur dann. Denn: Stellen Sie sich vor, Sie bitten um einen Beistandsapplaus und es ertönt aus einer Ecke nur ein trockenes Hüsteln.
Aber wenn es gut geht, haben Sie womöglich für einige Zeit eine treue Fangemeinde.
Ihr Standpunkt hat handfeste Nachteile? Dann vergleichen Sie die eigene Position unbedingt immer wieder mit den noch größeren Nachteilen, die drohen, wenn man Ihnen nicht folgt.
In der Diskussion um die Cannabis-Liberalisierung lautet das Dilemma typischerweise:
„Sie wollen auch schon 18-Jährigen den Konsum von Cannabis erlauben. Dabei weiß doch jeder, dass das Gehirn in diesem Alter noch nicht ausentwickelt ist und Drogen deshalb besonders schädlich wirken.“
So gesehen liegt auf der Hand, dass die Erlaubnis für Teenager abwegig wäre. Wer es dennoch durchzieht, zeigt auf den ersten Blick scheinbar, dass ihm die Gesundheit der jungen Leute nicht so wichtig ist. Doch Lauterbach zieht es auch rhetorisch durch. Auf dieses Problem angesprochen, antwortet er immer wieder so oder ähnlich: „Ich würde Cannabis am liebsten nicht legalisieren. Aber es führt kein Weg daran vorbei. (der Gesundheitsminister als Opfer des Dilemmas). Weil ich gerade die ganz jungen Leute schützen möchte, die durch besonders starkes Cannabis mit gefährlichen Beimengungen vom Dealer besonders gefährdet sind, kann ich doch nicht sagen: Ich erlaube den Konsum ab 25 und die 18-Jährigen müssen weiter zu den Typen am Kottbusser Tor gehen.“ (Das Opfer emanzipiert sich vom Dilemma.)
Ganz zu Ende gedacht ist das Lauterbach-Konstrukt an dieser Stelle aber dennoch nicht. Gefragt, warum er es denn dann nicht auch unter 18 Jahren erlauben möchte, wo doch noch Jüngere ebenfalls konsumieren und umso gefährdeter seien, sagt er bislang mitunter sinngemäß, dass das natürlich nicht in Frage käme und da eine Grenze erreicht sei. Aber warum und wieso denn das plötzlich?
Würde Herr Lauterbach mich fragen, ich würde ihm raten, darauf zu verweisen, dass bei Minderjährigen die Eltern eine Aufsichtspflicht hätten, um den Konsum komplett zu unterbinden, und es daher nicht angemessen sei, sich von staatlicher Seite mit dem Konsum abzufinden und in gleicher Weise Alternativangebote zu machen wie bei Erwachsenen.
Dilemma benennen und mit Schlimmerem vergleichen. Das passt ganz oft:
Beispiel Kinder-Werbe-Verbot für Süßigkeiten entmündige die Eltern. Prinzip „Alternative ist schlimmer“: Heute können die Eltern ihre Kinder vor der Beeinflussung im Alltag nicht schützen. Das entmündigt sie noch stärker.
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5. Das „Geschwätz von gestern“ elegant abräumen – mit Blick in die Zukunft
Seit Corona wissen wir: Naturwissenschaftler haben ein sachliches wie rhetorisches Ass im Ärmel: neue Studien.
Gefragt von Markus Feldenkirchen auf Spiegel Online: „Es gab ja mal Zeiten, da haben Sie (…) vor der Idee einer Legalisierung gewarnt. Warum haben Sie inzwischen Ihre Meinung geändert?“
Antwort Lauterbach: „Die Studienlage hat sich dahingehend gedreht, dass es (…) bei der Politik, die wir bisher gemacht haben, nicht gelingt, das Problem zu beherrschen.“
Mit anderen Worten: Es ist hier keine Frage von Fehlern der Vergangenheit. Hier richtet sich jemand einfach nach der aktuellen Faktenlage. Und wenn die sich ändert, ändert er auch seine Position. Das klingt nicht wankelmütig, sondern flexibel und letztendlich professionell. Warum alten Fakten nachtrauern? Dass man es damals womöglich schon hätte besser wissen können, wird durch den Blick nach vorne schlicht ausgeblendet.
Und dieser Tipp gilt auch generell: Bei Vorhaltungen, was Fehler aus der Vergangenheit angeht („Menschenskind, Frau Müller, hätten Sie das Desaster denn nicht kommen sehen können?“), bloß nicht Ihrerseits im Schlamassel rühren. Blick nach vorne: „Ich habe für die Zukunft draus gelernt. Künftig werde ich es wie folgt angehen.“
Stehen Sie zu Cannabis, wie Sie wollen. Darum geht es nicht. Aber lassen Sie sich doch mal auf die trockene, von der vom wissenschaftlichen Diskurs inspirierten Rhetorik eines Karl Lauterbach anregen: Die Gegenseite anerkennen, über das Reden reden, das Publikum im Hinterkopf behalten (aber bitte vorsichtige Zurückhaltung bei Solidaritäts-Abfragen!), heikle Aspekte des eigenen Standpunkts einräumen und mit Schlimmerem vergleichen. Und: Meinungsänderungen souverän begründen, statt sich ertappt zu fühlen. Vielleicht ist da ja etwas für Sie dabei. Viel Erfolg beim Ausprobieren.
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